Die perfekte Welle?

Eine Kolumne von Dr. Sascha Berger, Partner, TVM Capital Life Science

Bildnachweis: TVM Capital Life Science.

Wenige Jahre waren in unserer Branche spannender als die letzten zwei – jedenfalls ist das mein Eindruck. Die Pandemie hat einige Entwicklungen befeuert, die nicht nur das Leben vieler beeinflussen, sondern ganz im ursprünglichen Sinn der Life Sciences auch retten. Zusätzlich sind Umwälzungen in der Biotechnologiebranche zu beobachten, die weniger direkt und kurzfristig auf das Leben des Einzelnen wirken, aber längerfristig große Auswirkungen haben können.

Es ist wohl unstrittig, dass die Attraktivität des Sektors, auch durch die enormen Erfolge in der Impfstoffentwicklung, extrem zugenommen hat. Der Kraftakt, wissenschaftliche und finanzielle Ressourcen weltweit zu poolen, hat zur gewünschten Beschleunigung des Entwicklungsprozesses geführt. Dies hat uns eine Perspektive zur Bewältigung der Pandemie in nie dagewesener Zeit gebracht. Jetzt zeigen sich auch ­Effekte auf unsere gesamte Branche. Investoren mit tiefen Taschen und hohen Investitionssummen sind nicht plötzlich, aber doch bedeutend stärker in diesen Bereichen aktiv. Obwohl diese Investoren ihr Kapital mit ursprünglich eher breit gefassten Investmentstrategien eingesammelt haben, fließt Kapital verstärkt in neue Therapieansätze und Biotechunternehmen.

Zwei gemeinsame Kennzeichen bei den Investments verbinden eher branchenfremde und Life-Sciences-Investoren: disruptive Technologien und großer Kapitalbedarf. Investoren aus dem Bereich IT nähern sich über die Plattformtechnologie künstliche Intelligenz der Entwicklung von Therapeutika, der Medizintechnik, Diagnostik und Digital Health. Hier finden zwischen den Branchen deutliche Konvergenzbewegungen statt. Der SoftBank Vision Fund etwa pumpt gerade hunderte Millionen Dollar in KI-basierte Projekte und Unternehmen, die klar auf Anwendungen in der Entwicklung von neuen Wirkstoffen und den Gesundheitssektor als Ganzes abzielen. SoftBank, als ursprünglich japanischer Telco- und Medienkonzern, hat zudem verlauten lassen, zukünftig noch stärker direkt in Unternehmen der Biotechnologie zu investieren. Ähnliche Tendenzen haben wir bereits bei Google und anderen gesehen.

Als logische Folge haben wir mehr Megafinanzierungen, die es zum Teil auf deutlich über 100 Mio. USD bringen. Diese erfolgen zu sehr hohen Bewertungen in frühen Runden, bei denen die Firmen noch weit entfernt von einer Kommerzialisierung sind. Venture-Capital-Investoren mit Know-how, Netzwerk und Track Record im Life-Sciences-Bereich schließen sich oft zu großen Syndikaten zusammen, um solche Investmentrunden finanzieren zu können. Dazu stehen auch größere Fonds bereit, weil das Investoreninteresse wieder erwacht ist. Ist das endlich die perfekte Welle?

Es scheint die Stunde der Visionäre zu sein, die aus einzelnen Technologien integrierte Global Player entwickeln. BioNTech demonstriert das gerade eindrücklich: nicht primär getrieben durch staatliche Interventionen oder regionale Förderung, sondern durch die Kombination des unternehmerischen Geists der Gründer und risikobereiter Investoren.

Was heißt das für den Life-Sciences-Standort Europa? Gut, dass auch mehr Geld in Europa für große Finanzierungen zur Verfügung steht, oftmals auch von nicht-europäischen Investoren. Physische und geografische Grenzen lösen sich auch hier weiter auf. Im Zeitalter von Zoom und Teams fließt das Geld zu den als „next big thing“ identifizierten Technologien und Unternehmen. Gut, wenn diese in Europa entstehen – und noch besser, wenn sie auch in Europa groß werden können.

Eines ist klar: Schnelligkeit ist entscheidend – für Unternehmen wie Investoren. Wellen sind kraftvolle Naturereignisse, aber sie brechen irgendwann. Wir sollten diesen Moment als Chance begreifen, um nachhaltig Großes zu schaffen. Dann können wir auch in der Zukunft sowohl hohe Wellen als auch eine ruhige Brandung surfen.

 

ZUM AUTOR

Dr. Sascha Berger ist Partner bei TVM Capital Life Science, einem der Pioniere für innovative Venture-Capital-Finanzierungen im Bereich Life Sciences, mit Teams in Europa und Nordamerika. Seit seinem Einstieg bei TVM in München im Jahr 2016 hat Dr. Berger erfolgreich den aktuellen 480-Mio.-USD-Fonds mit aufgelegt und arbeitet eng mit Gründern zusammen, um vielversprechende Unternehmen sowie Produkte im Bereich Biotechnologie, Medtech, Diagnostik und Digital Health voranzubringen. Dr. Berger ist leidenschaftlicher VC, Boston-Consulting-Alumnus und Absolvent der Technischen Universität München. www.tvm-lifescience.com

Über den Autor

Dr. Sascha Berger

Dr. Sascha Berger ist Partner bei TVM Capital Life Science, einem der Pioniere für innovative Venture-Capital-Finanzierungen für Biotechnologie, Medtech, Diagnostik und Digital Health, mit Standorten in München und Montreal. Seine Schwerpunkte liegen in den Bereichen Dealflow, Due Diligence und Transaction Management. Er verfügt über umfangreiche M&A-, Strategie- und Transaktionserfahrung. Dr. Berger studierte Technologiemanagement in München, Singapur und Boston, hält einen Diplomtitel der Technischen Universität München sowie einen Doktortitel in Banking & Finance und ist ein engagierter Triathlet.