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Bildnachweis: @2b Ahead ThinkTank.

Welche Bedeutung Technologie heute hat, wird unter anderen beim Umgang der Politik mit dem Thema deutlich. Auf der einen Seite versuchen beinahe alle Staaten über die Vergabe von Fördermitteln die Entwicklung innovativer Technologien voranzutreiben, auf der anderen Seite werden Hürden für deren Abwandern ins Ausland aufgebaut – in Deutschland mit dem sogenannten Außenwirtschaftsgesetz. Sven Jánszky, Zukunftsforscher und Chairman des Zukunftsforschungsinstituts 2b Ahead ThinkTank stellt sich den Fragen der Plattform Life Sciences in Kooperation mit dem Venture Capital Magazin.

Plattform Life Sciences: Beim Thema technologische Innovationen werden häufig das Silicon Valley und Israel genannt. Wo sehen Sie Deutschland im internationalen Vergleich und in welchen Technologiefeldern haben Unternehmen aus der Bundesrepublik weltweit die Nase vorn?
Jánszky: Leider hängt Deutschland sowohl dem Silicon Valley als auch vor allem China in den Schlüsseltechnologien für die kommenden zehn Jahre weit hinterher. Die Schlüsseltechnologien aus Sicht der Zukunftsforschung sind: Evolutionary AI (selbstlernende KI), Genetik und Nahrungsmittelproduktion aus alternativen Ressourcen. Diese Technologien werden die Grundlagentechnologien für viele Branchen werden und entsprechend die Welt verändern. Deshalb prägten diese Technologien beim 19. Zukunftskongress auch gleich das Eröffnungspanel. Drei der weltbesten Entwickler aus China, Silicon Valley und Israel haben dort die Roadmap der kommenden zehn Jahre in diesen Grundlagentechnologien beschreiben. In der Wichtigkeit dahinter kommen Sub-Technologien wie Quantum Computing, Blockchain, Wasserstoff- und Batterietechnologien, selbstfahrende und selbstfliegende Vehikel (Robotaxis und Volocopter) und verschiedene Technologien für Satelliten und Raumfahrt im neu aufgeflammten „Space-Race“. In dieser zweitwichtigsten Gruppe versucht Deutschland gerade mit staatlicher Förderung der Abstand zur Weltspitze zur verkürzen. Aber in den Schlüsseltechnologien ist Deutschland weit abgeschlagen und ohne wirkliche Chance, den Abstand zu verkürzen.

Plattform Life Sciences: Welche Rolle nehmen Start-ups Ihrer Meinung nach bei der Gestaltung der Wirtschaft von morgen ein?
Jánszky: Start-ups sind die Konzerne von morgen. Das zeigt schon der einfache Blick in die Aktienindizes an den Börsen dieser Welt. Allerdings gilt das nicht für alle Start-ups, sondern nur für echte Deeptech-Start-ups. Denn echte Veränderungen von Wertschöpfungsketten, Geschäftsmodellen und die Neuverteilung von Kundensegment entsteht immer durch neue Grundlagentechnologien. Diese Grundlagentechnologien werden weltweit üblicherweise durch Start-ups mit Hilfe von massiver, staatlicher Forschungsförderung entwickelt und dann in die Märkte gebracht. Leider wird in Deutschland der gewaltige Unterschied zwischen Deeptech-Start-ups und anderen Start-ups kaum verstanden. Wir rühmen uns mit der Berliner Start-up-Kultur und meinen damit irgendwelche Apps, die den Kundendialog etwas schicker machen. Und die „Höhle der Löwen“ als Aushängeschild der Gründerszene ist zur Dauerwerbesendung für irgendwelche ökologischen Handseifen oder Öle geworden. Das ist im Einzelfall alles nett und richtig, aber wenn wir bei diesem Verständnis von Start-ups bleiben, dann werden Andere die Weltwirtschaft der Zukunft prägen.

Plattform Life Sciences: Innovationen benötigen günstige Rahmenbedingungen. Wie gut ist der Standort Deutschland aufgestellt, um zukunftsgestaltende Unternehmen hervorzubringen/anzuziehen?
Jánszky: Deutschlands Bild ist trügerisch. Wer nur auf die Zahlen schaut, für den sieht es auf den ersten Blick ganz gut aus. Wir haben eine relativ hohe Forschungsförderung, das Venture Capital steigt und auch in der Rangliste der innovativen Unternehmen stehen VW & Co. immer ganz oben. Aber die nackten Zahlen verdecken das wirkliche Problem: Die deutsche Forschungsförderung für Fraunhofer, Max-Planck und Helmholtz dient am Ende eher der Pflege von Professoren-Egos, als dass sie Innovationen für die Wirtschaft produziert. Das Bundesforschungsministerium behauptet in Pressemitteilungen immer noch, dass Deutschland führend in künstlicher Intelligenz wäre und vergisst zu sagen, dass dies nur für die beim DFKI geliebte regelbasierte KI gilt. Die spielt aber weltweit kaum noch eine Rolle, sondern wird überall sonst von selbstlernenden KI-Systemen abgehängt. Und die Innovationsausgaben von VW & Co. gingen bis vor kurzem fast komplett in die Optimierung von Antriebssystemen, von denen wir Zukunftsforscher seit zehn Jahren sagen, dass sie keine Zukunft haben werden. Unter dem Strich müssen wir wohl konstatieren, dass die technologiekritischen Ideologien der 68er Generation auf ihrem Marsch durch die Institutionen es wohl geschafft haben, Deutschland ganz bewusst von Zukunftstechnologien abzukoppeln: Zuerst Atom, dann Genetik und heute KI und Computertechnologien, die als Grundlage einen offenen Umgang mit Daten brauchen. Das ist auch der Grund für den riesigen Braindrain von exzellenten, deutschen Forschern und Gründern, die tatsächlich die Welt verändern. Allerdings in Silicon Valley und vermehrt auch in China.

Plattform Life Sciences: Moral und Ethik des Menschen zu optimieren ist ein spannender Ansatz. Unabhängig davon ob eine solche Entwicklung dann positiv oder negativ für die Gesellschaft aussähe, stellt sich die Frage nach dem Stand der aktuellen Forschung. Inwieweit ist es bislang möglich mit Daten und Algorithmen hierzu verlässliche Aussagen zu treffen?
Jánszky: Die Optimierung von Moral und Ethik ist ein grundlegendes Bestreben der Menschheit. Wir wollen das und wir tun das permanent: Frauen durften in manchen Ländern Europas vor ein paar Jahrzehnten nicht einmal wählen, heute gibt’s die Frauenquote für Vorstände. Steuerhinterziehung war vor kurzem noch ein Volkssport unter Besserverdienenden, heute ist sie geächtet und weitgehend unmöglich. Vor ein paar Jahren galt es noch als normal, Kinder in der Schule zu ohrfeigen, heute werden Lehrer dafür entlassen und so weiter. Allerdings hilft uns bisher die Technologie noch nicht wirklich. Heute sind wir auf einem Stand, auf dem die ersten KI-Unternehmen ein echtes Ethik-Management einführen. Von Google bis Salesforce werden neue Tools genutzt, um zu erkennen, an welchen Stellen KI-Systeme biased sind. Im Klartext: Technologie erkennt inzwischen, an welchen Stellen der Mensch das KI-System unethisch beeinflusst hat. Die ersten kleinen Auswirkungen sind zum Beispiel, dass Kreditanfragen von Menschen nicht mehr abgelehnt werden, nur weil sie in einem eher sozial schwachen Wohnviertel wohnen. Auch in Deutschland wird zweifellos ein echtes Ethik-Management für jedes Unternehmen in den nächsten Jahren zur Pflicht. Meine Kollegen aus dem 2b Ahead Institut sind gerade schon in den ersten Projekten, um bestehende KI-Systeme umzutrainieren. Allerdings sind wir hier noch in dem Bereich, wo der Mensch die Ethikregeln setzt und die Technologie dann viel exakter als früher die Abweichungen erkennt und korrigiert. Für die Zukunft ist das ganz anders denkbar. Denn es erscheint absolut möglich, dass selbstlernende KI-Systeme eine Qualität an „Intelligenz“ erreichen, die ethischer ist als das menschliche Denken. Und es ist denkbar, dass Technologie es dem menschlichen Körper möglich macht, über seine heutigen sechs Sinne hinaus noch weiteres zu spüren. Wie wäre es beispielsweise mit einem siebten Sinn, der immer Schmerzen in meinem Kopf auslöst, wenn mein Verhalten einem anderen Menschen weh getan hat? Würde es dann weniger Kriminalität geben, weniger häusliche Gewalt? Vermutlich! Dann wird es spannend. Allerdings bewegen wir uns hier noch im Feld der Theorie und nicht der konkreten Technologieentwicklung.

Plattform Life Sciences: Die Analyse menschlicher Emotionen zur besseren Verständigung zwischen Mensch und Computer, die sogenannte Emotion-AI, ist ein wichtiger Baustein bei der Optimierung der Sprachsteuerung ganz generell. Der Ansatz Maschinen emotionale Intelligenz beizubringen klingt revolutionär und die Gilchinger Firma audeering ist auf diesem Markt längst nicht allein. Wann werden Maschinen denn besser wissen was wir gerade brauchen und was fehlt bislang auf dem Weg noch?
Jánszky: Die Technologie macht auf diesem Weg massive Fortschritte vor allem in zwei Technologiefeldern: In der Analyse von Audiosignalen wie Audeering & Co. und in der Analyse von Bildern, also Computer Vision. Wir analysieren also heute die Echtzeitdaten außerhalb des menschlichen Körpers. Und wir werden dabei in den nächsten fünf Jahren echte Durchbrüche erleben. Aber was die Sache noch viel spannender macht: Wir werden über die kommenden zehn Jahre mehr und mehr auch Echtzeitdaten aus dem Inneren des menschlichen Körpers und des Hirns analysieren. Über Fitnesstracker, smarte Kleidung bis zu Nanorobotern in der Blutbahn und Miniatur-EEGs auf dem Kopf gibt es heute Forschungen und Start-ups, die bis 2030 ein viel besseres Abbild der menschlichen Emotionen erkennen und sogar prognostizieren werden. Unser Smartphone des Jahres 2030 wird nicht nur wissen, wie wir uns fühlen. Sondern es wird wissen, wie wir uns in 30 Minuten fühlen werden. Und dann wird es interessant. Denn dann kann es uns steuern.

Plattform Life Sciences: 2030 ist an sich gar nicht mehr so weit weg. Doch wie wir wissen kann sich in zehn Jahren extrem viel tun. „Tomorrowing your life“ könnte aber auch dazu führen nicht menschlicher, sondern nur noch viel strukturierter und datenbasierter zu agieren. Wo liegen hier die Risiken und geht spontane Emotion so nicht völlig verloren?
Jánszky: Es gibt keine ein-eindeutige Definition von Menschlichkeit. Wenn Sie die 194 Länder in der UNO fragen, was Menschlichkeit ist, bekommen sie mindestens 50 verschiedene Antworten. Und genauso ist das auch in Ihrer Redaktion, bei Ihren Lesern und vermutlich sogar bei Ihnen zuhause am Abendbrottisch. Die einen halten es für menschlich, dass wir alles dafür tun, damit der Mensch gesund und lange lebt, gebildet und wohlhabend ist und möglichst wenige Fehler und Katastrophen erleidet. Das ist der rationale Teil. Die Anderen halten es für menschlich, dass der Mensch Fehler macht, unperfekt ist, unberechenbar, spontan und launisch. Das ist der irrationale Teil. Natürlich ist Technologie als erstes geeignet, den rationalen Teil zu unterstützen. Sie ist auch dazu geeignet den Menschen vom irrationalen Teil abzuhalten, zumindest dort wo dieser zu Gewalt, Leid und Nachteilen für andere Menschen führt. Ob am Ende die spontane Emotion verlorengeht, hängt meines Erachtens nicht an der Technologie, sondern an unserem Umgang mit der Technologie. Wir werden lernen, diese großartigen Zukunftstechnologien dort zu nutzen wo sie uns nützlich sind, und dort abzuschalten, wo wir spontanen, menschlichen Emotionen folgen wollen. Die „Lautlos“-Taste ist auch heute schon die meistgenutzte Funktion an meinem Handy. Und trotzdem lehne ich es nicht ab, sondern finde es großartig, was es mir an Möglichkeiten bringt, von der die Generation meiner Großeltern noch nicht einmal träumen konnte.

Plattform Life Sciences: Herr Jánszky, vielen Dank für das spannende Interview mit Ausblick in die Zukunft.

 

Sven Jánszky ist Zukunftsforscher und Chairman des Zukunftsforschungsinstituts 2b Ahead ThinkTank. Die Studien und Trendanalysen seines Instituts zu den Lebens-, Arbeits- und Konsumwelten der Zukunft und seine Strategieempfehlungen zu Geschäftsmodellen der Zukunft bilden die Basis für die Zukunftsstrategien vieler Unternehmen. Sein aktuelles Trendbuch „2030 – Wieviel Mensch verträgt die Zukunft“ sowie die Vorgänger „2025 – So arbeiten wir in der Zukunft“ und „2020 – So leben wir in der Zukunft“ beschreiben das Leben in Deutschland in den kommenden Jahren. Als Berater coacht Janszky Vorstände und Unternehmer in Strategieprozessen, führt Innovationsprozesse zu Produktentwicklung und Geschäftsmodellen der Zukunft.

QuelleVentureCapital Magazin