Bildnachweis: 4teen4 GmbH.
Das biopharmazeutische Unternehmen 4TEEN4 Pharmaceuticals GmbH aus Hennigsdorf bei Berlin hat seine Serie-C-Finanzierungsrunde, die Anfang 2025 mit rund 24 Mio. EUR startete, nun auf insgesamt 55 Mio. EUR (64 Mio. USD) ausgeweitet. An der Runde beteiligten sich sowohl bestehende (NRW.Venture, Brandenburg Kapital, Görlich Gruppe) als auch neue, nicht näher benannte institutionelle Geldgeber, Family Offices und private Investoren. Mit dem frischen Kapital will das Unternehmen die klinische Entwicklung seines Antikörpers Procizumab in der Behandlung des kardiogenen Schocks weiter vorantreiben. Darüber hinaus soll das Kapital die Weiterentwicklung des Wirkstoffs zur Behandlung weiterer Schockzustände unterstützen, bei denen Procizumab potenziell wirksam sein könnte. Von Urs Moesenfechtel
Kleines Enzym mit großer Wirkung
Ein Patient liegt auf der Intensivstation, das Herz versagt, Organe beginnen zu kollabieren. Trotz Beatmung, Vasopressoren und mechanischer Unterstützung bleibt der Ausgang ungewiss: kardiogener Schock – ein Notfall mit Sterblichkeitsraten über 50 Prozent.[1] In dieser akuten Situation spielt sich im Blut ein biochemischer Mechanismus mit fataler Wirkung ab: Bei etwa der Hälfte der Patientinnen und Patienten gelangt das Enzym Dipeptidyl-Peptidase 3 (cDPP3) infolge schwerer Gewebeschädigung aus den Zellen in den Blutkreislauf. Dort stört es die feine Balance des körpereigenen Regelsystems für Blutdruck und Kreislauf – des sogenannten Renin-Angiotensin-Aldosteron-Systems (RAAS).
Vom molekularen Mechanismus zum Wirkstoffkandidaten

Nach Angaben des Unternehmens war das 4TEEN4-Team das erste, das die Rolle des Enzyms cDPP3 als pathologischen Hauptfaktor bei Schockzuständen entdeckte, beschrieb, und in einen therapeutischen Ansatz überführt hat. Auf dieser Grundlage entwickelt das Unternehmen den monoklonalen Antikörper Procizumab, der cDPP3 neutralisiert. Durch die Wiederherstellung des RAAS-Gleichgewichts soll Procizumab die Herzfunktion stabilisieren, Organversagen verhindern und die Überlebenschancen der Betroffenen signifikant verbessern. Das interdisziplinäre Team um CEO Dr. Andreas Bergmann und CFO Dr. Kilian von Seldeneck verfolgt einen klaren Ansatz: „Statt nur Symptome zu behandeln, wollen wir mit Procizumab die biologische Ursache des Schocks adressieren“, so CFO Dr. Kilian von Seldeneck.

Präklinische Daten und erste klinische Ergebnisse bestätigen den therapeutischen Ansatz: Procizumab zeigte in mehreren Tiermodellen und in einer Phase-1-Studie an gesunden Probanden ein günstiges Sicherheitsprofil und eine Wiederherstellung zentraler kardiovaskulärer Funktionen. Nach Angaben des Unternehmens wurde Procizumab auch im Rahmen individueller Anwendungen („named-patient use“) bei kritisch erkrankten Patientinnen und Patienten eingesetzt, wobei eine Stabilisierung der Organfunktion beobachtet wurde.
Phase-2a-Studie PROCARD2a: Europa und USA im Fokus
Nach der Dosierung des ersten Patienten im Juli 2025 läuft derzeit die multizentrische, randomisierte, doppelblinde und placebokontrollierte Phase-2a-Studie PROCARD2a. Sie untersucht Sicherheit, Verträglichkeit, Pharmakokinetik (PK) und Pharmakodynamik (PD) von Procizumab bei Patientinnen und Patienten mit kardiogenem Schock und erhöhten cDPP3-Werten. Die ersten Zwischenanalysen zu PK/PD und Sicherheit werden für Anfang 2026 erwartet. Parallel bereitet das Unternehmen den Ausbau der Studie in weiteren europäischen Zentren sowie die Ausweitung in die USA vor, um den Zugang zu Procizumab für mehr Patientinnen und Patienten zu ermöglichen und die operative Basis für eine spätere pivotal study (Phase 3) zu schaffen, die im Jahr 2026 starten und bis 2028 abgeschlossen werden soll. Zudem prüft 4TEEN4 perspektivisch den Einsatz von Procizumab in weiteren Schockindikationen wie akutem Lungenversagen (ARDS), schweren Verbrennungen und Trauma.
Finanzierung als strategische Weichenstellung
Mit der erweiterten Serie-C-Finanzierung über 55 Mio. EUR verfügt 4TEEN4 über die notwendigen Mittel, um die klinische Entwicklung von Procizumab entscheidend voranzutreiben. Lead-Investor der Runde ist die Görlich Gruppe, die bereits mehr als 20 Mio. EUR investiert hat. Zu den Bestandsinvestoren zählen NRW.Venture sowie Brandenburg Kapital / ILB; das Unternehmen nennt zudem neue institutionelle Investoren, Family Offices und private Investoren – Details bleiben bislang jedoch nicht vollständig offengelegt.
„Die Erlöse aus unserer Serie C stärken unsere finanzielle Position und werden genutzt, um wichtige klinische Meilensteine für Procizumab zu erreichen, darunter die Zwischenanalyse zu Sicherheit, Pharmakokinetik und Pharmakodynamik Anfang 2026 sowie die nachfolgenden PROCARD 2a-Ergebnisse,“ erklärte Dr. Kilian von Seldeneck, CFO von 4TEEN4 Pharmaceuticals. „Dieses Kapital ermöglicht es uns, das Risiko unseres Leitkandidaten weiter zu verringern und den Fortschritt hin zu Daten zu beschleunigen, die die Behandlung von Patienten mit dringend benötigten Therapieoptionen verändern könnten – und gleichzeitig nachhaltigen, langfristigen Wert für unsere Anteilseigner schaffen.“ CEO Dr. Andreas Bergmann ergänzte: „Es ist spannend, ein Feld zu entwickeln, in dem wir einen echten Unterschied machen können – mit dem Potenzial, jedes Jahr Hunderttausende Leben zu retten.“
Langfristig plant das Unternehmen nicht, Procizumab selbst zu vermarkten. Stattdessen soll ein geeigneter Pharma-Partner gewonnen werden, um den Wirkstoff nach Abschluss der Entwicklung weltweit verfügbar zu machen.
[1] Van Lier, D. & Pickkers, P. (2021): Circulating biomarkers to assess cardiovascular function in critically ill. Current Opinion in Critical Care 27, 261–268. https://doi.org/10.1097/MCC.0000000000000829
Autor/Autorin
Urs Moesenfechtel, M.A., ist seit 2021 Redaktionsleiter der GoingPublic Media AG - Plattform Life Sciences und für die Themenfelder Biotechnologie und Bioökonomie zuständig. Zuvor war er u.a. als Wissenschaftsredakteur für mehrere Forschungseinrichtungen tätig.






