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Schon in der Zeit des Kaiserreichs sahen deutsche Banken ihre Aufgaben darin, die guten Verbindungen zum Osmanischen Reich mit großzügiger Kreditversorgung zu flankieren. Zu den Großprojekten vor mehr als einem Jahrhundert gehörte die von Deutschen geplante und finanzierte Bagdadbahn, nachdem der legendäre Orient-Express bereits Hoffnungen geweckt hatte, für deutsche Produkte bis nach Anatolien Absatzmärkte zu finden.

Inzwischen ist die Türkei längst zu einer wirtschaftlichen Größe erstarkt, die türkischen Banken umgekehrt die Expansion nach Deutschland erlaubt. Diese ist nicht allein mit der türkischen Diaspora in Deutschland zu erklären. Die internationalen Agenturen bescheinigen der Türkei einen Status an der Schwelle zur Investmentqualität: Fitch Ratings bestätigte am 03.04.2014 ein stabiles BBB-; Moody’s hob das Rating von Ba1 auf Baa3 am 11.04.2014 an, allerdings mit negativem Ausblick, nur Standard & Poor’s hält noch am BB+ mit negativem Ausblick fest (Stand: 23.05.2014).

Regionale Nähe wichtig

Buchstäblich näher am Thema ist in der Region die auf Zypern ansässige Ratingagentur Capital Intelligence (www.ciratings.com), die seit 30 Jahren zunächst mit Ratings in der MENA-Region, aber inzwischen auch in ganz Europa und weltweit in Hongkong, Indien, Deutschland, Großbritannien und in den USA vertreten ist. Capital Intelligence gehört zu den nach der EU-Verordnung über Ratingagenturen beaufsichtigten und durch die Europäische Wertpapieraufsichtsbehörde ESMA registrierten Ratingagenturen. Am 30.05.2014 bestätigte Capital Intelligence das Rating BB+ mit stabilem Ausblick für die Türkei.

Dr. Oliver Everling
Dr. Oliver Everling, RATING EVIDENCE

Sind die Ratings der Agenturen vergleichbar? Schon seit 2000 erarbeitet die Deutsche Vereinigung für Finanzanalyse und Assetmanagement (DVFA) unter Vorsitz von Prof. Dr. Jens Leker der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster „Rating-Standards“, die insbesondere das Bedürfnis der Marktteilnehmer nach Informationstransparenz bedienen. Zudem erarbeitete die Arbeitsgruppe Länderrating unter der Leitung von Prof. Dr. Rommelfanger von der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt einen Überblick über das Vorgehen der Ratingagenturen bei der Erstellung ihrer Länderratings. Ergebnisse wurden aus der Zusammenarbeit mit Feri EuroRating Services, Moody’s und Standard & Poor’s im September 2012 präsentiert. Demnach sind sich die Ratings einig darüber, dass Vorsprünge in den Einschätzungen nur mit regionaler Nähe erklärt werden können.

Ratings von enormer Bedeutung

Für die 21 türkischen Banken, die von Capital Intelligence analysiert werden, ist das Länderrating dieser Agentur von elementarer Bedeutung, denn fast alle Banken werden mit Notchings von BB- bis BB+ beurteilt. Verbessert sich die wirtschaftliche und politische Situation mit der Folge einer höheren Finanzkraft der Türkei, könnte dies auch Potenzial für bessere Bankenratings eröffnen.

Çiğdem Çelikbilek, bei der Türk Ekonomi Bankası A.Ş. (TEB) verantwortlich für die Beziehungen zu den Ratingagenturen, bestätigt die Bedeutung der Ratings von Capital Intelligence. „Wir befassen uns sehr genau mit den Einschätzungen dieser Agentur.“

Capital Intelligence sieht eine Reihe günstiger Faktoren für die Türkei, angefangen bei der Größe und Diversität der Wirtschaft, den Erfolgen der Regierung, das Budgetdefizit – bekanntermaßen im Unterschied zu manchen Staaten in der EU – unter Kontrolle zu halten und trotz veränderter Risikowahrnehmung an den Finanzmärkten antizyklisch mit makroökonomischem Management zu wirken.

Mit Wachstumsraten, die 2013 4% nach 2,2% in 2012 erreichten, bleibt auch die fiskalische Performance des Landes stark. Capital Intelligence hält sogar eine Reduzierung der Staatsverschuldung auf 36% des Bruttosozialprodukts für möglich. Der externe Finanzierungsbedarf sei bereits durch Eurobondemissionen im April für 2014 gedeckt worden.

Capital Intelligence sieht auch die signifikanten Angriffsflächen, die das Land aufgrund politischer und geopolitischer Risikofaktoren und niedriger nationaler Ersparnis bietet. Sollte sich das Investoreninteresse nachhaltig von der Türkei abwenden, könnten damit massive Refinanzierungsprobleme einhergehen, zumal die Reserven auf niedrigem Niveau gefahren werden.

Neue Hoffnungen

Banken aus der Eurozone sind für Kreditnehmer aus der Türkei deshalb attraktiv, weil sie hoffen, von der extremen Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank profitieren zu können. Mithin haben die in der Türkei tätigen Banken wie ING Bank u.a. mit Aktivüberhängen zu kämpfen, da die Sparquote nicht ausreicht, um aus dem Kundengeschäft auch das Kreditgeschäft zu refinanzieren.

Der Wettbewerbsvorteil der Banken aus dem Euroraum liegt im besseren Sovereign Ceiling, der Obergrenze möglicher Ratings für im Euroraum domizilierende Kreditinstitute. Erhöht sich aber das Länderrating der Türkei, verschiebt sich auch die relative Stärke der Banken zugunsten der türkischen Wettbewerber, so dass diese zu noch attraktiveren Finanzpartnern kreditsuchender Unternehmen werden.

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