Die Hauptversammlungsszene zeigte sich 2025 so vielfältig und flexibel wie selten zuvor. Börsennotierte Unternehmen haben in der zurückliegenden Saison nicht nur
rege das Format ihrer Aktionärstreffen gewechselt, sondern auch die Location. Vielfalt gab es auch in der Fläche: Hauptversammlungen verteilten sich auf Veranstaltungsräume im gesamten Land, nur in wenigen Städten finden sich dominierende Locations. Was auffällt: Bei DAX-Konzernen lässt sich wieder eine stärkere Tendenz zur Präsenz-HV ausmachen – und wer seine Aktionäre virtuell trifft, tut dies vielfach aus den eigenen Räumlichkeiten heraus. Dieser Artikel ist im HV Magazin 4/25 erschienen.
Fast scheint es, als lebe die HV-Szene die Freiheit, die man ihr gewährt, in vollen Zügen aus. Da wurde fleißig von Präsenz zu virtuell und umgekehrt gewechselt. Da wurde (mal wieder) eine andere Location als in den Vorjahren gewählt. Da zog man – im Fall von virtuellen Hauptversammlungen – von einem externen Veranstaltungsort in die eigenen Räumlichkeiten um. Sucht man für 2025 nach einem klaren HV-Trend, tut man sich dementsprechend schwer. Stattdessen zeigt sich: Vielfalt ist „in“, wie sich aus der 2025er Location-Studie des HV Magazins ergibt. Eingang in die Studie fanden 270 Unternehmen aus dem Prime Standard (Vorjahr 276), darunter die 160 Index-Unternehmen aus DAX, MDAX und SDAX.
Wechsel als Zeichen der Vielfalt
Beim HV-Format gab es 2025 viel mehr Wechsler vom einen ins andere Format als bisher, und zwar in beide Richtungen. Immerhin zeigt sich, dass 2025 bei den DAX-Unternehmen das Präsenzformat wieder leicht dazugewonnen hat, während im MDAX umgekehrt das virtuelle Format in der Gunst zulegen konnte.
Dabei ist die Nutzung von HV-Veranstaltungsräumen noch breiter als bisher ausgefallen. Außer in München mit dem HBW Conference Center, Berlin (GRÜNEBAUM) und eventuell noch Mannheim (m:con) lässt sich nirgends eine deutlich sichtbare Konzentration auf einzelne Locations ausmachen. Hingegen finden sich unter den Top-22-Locations mit den meisten Hauptversammlungen allein 14 Örtlichkeiten, in denen dieses Jahr zwei Aktionärstreffen stattfanden. Auch hier regiert also die Vielfalt.
Weiteres Beispiel externe Räumlichkeiten: Betrachtet man die untersuchte Grundgesamtheit von 270 Unternehmen, ist die Vorjahrestendenz zur immer stärkeren Nutzung externer Studio- und Kongress-Center-Flächen nicht mehr sichtbar. Zwar spielen diese weiter eine zentrale Rolle, doch eine Reihe von virtuellen Hauptversammlungen fanden auch wieder in eigenen Räumen statt, die zuvor abgewandert waren. Die technische Aufrüstung im eigenen Haus scheint hier gerade bei großen Konzernen im digitalen Zeitalter eine der Ursachen zu sein.
Flexibel: Heidelberg Materials
Ein prominentes Beispiel für die Uneinheitlichkeit bei der Wahl von Format und Ort ist Heidelberg Materials: 2021 und 2022 veranstaltete der Baustoffkonzern jeweils virtuelle HVs in den eigenen Räumen. 2023 begab sich das Unternehmen für eine physische HV in den SNP dome in Heidelberg. 2024 und 2025 standen wieder virtuelle HVs an.
Oder die GEA Group, DAX-Aufsteiger des Jahres 2025. Seit nunmehr fünf Jahren ist der Industriekonzern virtuell unterwegs, hat dabei aber zuletzt drei Jahre in Folge unterschiedliche externe Locations in Düsseldorf genutzt: 2023 die Rheinterrassen, 2024 das Congress Center Düsseldorf (CCD) und 2025 das Maritim Hotel.
HV als strategische Kommunikationsplattform?
Sind das nun immer noch Corona-Nachwehen, bei denen die Emittenten auf der Suche nach Form und Ort sind? Oder nutzen börsennotierte Unternehmen mittlerweile vielmehr ganz bewusst, flexibel und individuell die Möglichkeiten und Freiheiten, die ihnen gegeben sind?
„Aktuell erleben wir, wie sich Hauptversammlungen zunehmend von Pflichtterminen zu strategischen Kommunikationsplattformen wandeln“, sagt Elke Strothmann, geschäftsführende Gesellschafterin der AAA HV Management GmbH. Die einst hitzig geführte Debatte „digital vs. Präsenz“ werde heute deutlich differenzierter betrachtet: Unternehmen entschieden bewusster, welches Format ihre Ziele und Stakeholder am besten unterstützt.
Dass beide Formate unter der Regie eines Anbieters möglich sind, zeigt das Münchner HBW Conference Center. Hier wirbt man mit „Digital. Hybrid. Präsenz.“ Und bietet im Haus der Bayerischen Wirtschaft nicht nur verschiedene Raumgrößen für Hauptversammlungen an, sondern auch Beratung und Technik für unterschiedliche Bedürfnisse. Das kommt bei den Emittenten seit Jahren gut an: Mit unverändert zwölf Hauptversammlungen führt die Location unser Ranking 2025 erneut an.
Einen ähnlichen Kurs fährt in Berlin die Eventexpertin Katja Grünebaum. Sie ist einerseits mit der GRÜNEBAUM Event Services & Consulting GmbH & Co. KG auf Veranstaltungstechnik für Events, darunter Hauptversammlungen, spezialisiert. Zugleich betreibt sie mit „the burrow“ im Herzen Berlins eine Location für „analoge, hybride und digitale Events“. Nach neun HVs im Jahr 2024 beherbergte und unterstützte sie 2025 sieben der 270 Prime-Standard-Hauptversammlungen, darunter z.B. Auto1, Hello Fresh und Medios, und belegt damit im Gesamtranking unverändert Platz zwei.

Technisch gut ausgestattete, räumlich überschaubare und flexible Locations kommen bei den Marktteilnehmern offensichtlich gut an. So wählte die zum Volkswagen-Konzern gehörende Lkw-Tochter TRATON im ablaufenden Jahr die Münchner „Eisbach Filmstudios“ zum Ort ihrer virtuellen HV. Wie das HV Magazin erfahren hat, könnte dort 2026 sogar die gesamte VW-Familie inklusive (Volkswagen, Porsche, Porsche Holding und TRATON) ihre HV abhalten. „Die Infrastruktur des Studiogeländes, der Studios mit den zugehörigen zahlreichen Nebenräumen ermöglicht eine flexible Anpassung an komplexere Eventvorhaben“, heißt es auf der Website der Eisbach Filmstudios.
m:con: „Ein durchaus erfolgreiches Jahr“
Aber auch die großen Hallenbetreiber behaupten ihren Platz in der HV-Szene. Nach wie vor laden viele börsennotierte Gesellschaften ihre Aktionäre zum direkten Austausch, und dafür sind vielfach auch große Locations nötig. So war 2025 für die m:con – mannheim:congress GmbH „ein durchaus erfolgreiches Jahr im Bereich Hauptversammlungen“. Nach Angaben von Joachim Grafen, Head of Conception & Creation, hat das Unternehmen sieben Hauptversammlungen betreut. Drei davon fanden als Präsenzveranstaltungen im Congress Center Rosengarten statt; dazu kamen vier virtuelle HVs, wovon wiederum drei ebenfalls von der Kongressgesellschaft in Studios im Rosengarten technisch betreut wurden, während eine weitere extern beim DAX-Unternehmen Brenntag in Essen stattfand. Die Mannheimer steigen im Prime-Standard-Ranking des HV Magazins vom vierten auf den dritten Rang auf.
Ein wichtiger Meilenstein im Rosengarten-Jahr 2025 war nach den Worten des Kongressmanagers übrigens die Eröffnung des Alice Bensheimer Saals – auch im Kontext von Hauptversammlungen. Mit Platz für bis zu 510 Personen erweitere der Raum die Kapazitäten erheblich und schaffe „neue Möglichkeiten für virtuelle wie auch für Präsenz-HVs“.
Dass große Präsenz-Locations weiterhin attraktiv sind, zeigt das Beispiel Bilfinger. 2025 veranstaltete der Mannheimer Industriedienstleister seine HV virtuell, ab 2026 wird m:con den Konzern als Leadagentur konzeptionell und organisatorisch sowie als Technikdienstleister betreuen.

Die Bilfinger-HV soll dann nach den Worten Grafens wie früher in Präsenz in Mannheim stattfinden: „Hier zeigt sich wieder das gute Zusammenspiel von Location, Infrastruktur, Partnernetzwerken, Konzeptions-, Organisations- und Technikdienstleistungen bei m:con – alle Aspekte greifen nahtlos ineinander, ein eingespieltes Team erarbeitet gemeinsam mit den Kunden kreative und stabile Lösungen. In Mannheim und deutschlandweit, in Veranstaltungslocations ebenso wie auch in Räumen beim Kunden, die wir zu professionellen Studios umfunktionieren.“



CCD Düsseldorf: Ausdifferenzierte Formate
Auch im CCD Congress Center Düsseldorf zeigt man sich mit dem Verlauf des HV-Geschehens im Jahr 2025 zufrieden. Die Location beherbergte fünf Hauptversammlungen, ebenso viele wie im Jahr zuvor. Zwei davon waren nach Angaben von Geschäftsführerin Maria Kofidou rein virtuell, drei HVs fanden in Präsenz statt. Zwei der Präsenzformate seien zusätzlich durch eine „passive Onlineübertragung“ ergänzt worden, bei der zugeschaltete Teilnehmer nicht stimmberechtigt waren. Kofidou: „Auch 2025 zeigte sich deutlich, wie stark sich die Formate ausdifferenzieren: Präsenzveranstaltungen mit hohen Anforderungen an Rechtssicherheit und Regie auf der einen Seite, effiziente digitale Formate auf der anderen. Für uns bleibt entscheidend, dass alle zentralen Gewerke – von Technik über Streaming bis Backoffice – nahtlos ineinandergreifen. Unsere eingespielten HV-Teams sichern hier einen reibungslosen Ablauf.“

Für 2026 rechnet die CCD-Geschäftsführerin mit einer stabilen Nachfrage; man habe bereits eine zusätzliche Gesellschaft für eine Präsenz-HV gewinnen können. „Wir gehen davon aus, dass hybride und digitale Ergänzungen auch künftig eine Rolle spielen – gleichzeitig bleibt die Präsenz-HV für viele Unternehmen der bevorzugte Ort für transparente und rechtssichere Abläufe.“
Deutsche Nationalbibliothek: Kapazitätsthemen
Neben den klassischen Kongresshallen zieht es HV-Verantwortliche auch immer wieder in Locations mit dem besonderen Etwas. So bietet die Deutsche Nationalbibliothek in Frankfurt am Main Aktionärstreffen in belesener Umgebung. Da die Nationalbibliothek nach den Worten von Tobias Schmidt vom Zentralbereich Verwaltung in den vergangenen Jahren grundsätzlich als Veranstaltungs-Location immer populärer geworden ist, hat sich der HV-Anteil etwas reduziert. „Wo wir in den Jahren vor Corona noch bis zu zehn Hauptversammlungen im Jahr bei uns begrüßen durften, hat es sich nach Corona bei ca. sechs Hauptversammlungen pro Jahr eingependelt.“ Zwar erhalte die Nationalbibliothek „häufig neue Anfragen von Aktiengesellschaften“, diese müsse man aber meist ablehnen, da keine Kapazitäten mehr frei seien. Angesichts der knappen Slots müssen sich HV-Interessenten frühzeitig festlegen: „Unsere Stammkunden buchen teilweise bis zu vier Jahre im Voraus unseren Vortragssaal, um diesen für ihre HVs gesichert nutzen zu können. Dies erfüllt uns natürlich mit Stolz und zeigt, dass wir auch weiterhin als HV-Location eine attraktive Veranstaltungsstätte sind und das gesamte Team einen großartigen Job macht.“
Nur rund drei Kilometer entfernt befindet sich im Herzen Frankfurts eine weitere HV-Location mit besonderem Ambiente – die Alte Oper Frankfurt. Dort halten fast schon traditionell die drei auf den Serial Entrepreneur Ralph Dommermuth zurück gehenden Gesellschaften ihre Aktionärsversammlung an drei Folgetagen ab und nutzen ordentlich Synergien: 2025 tagte Ionos am 15. Mai, es folgten 1&1 (16.5.) und United Internet (17.5.).
Die Formate der HV-Saison 2025
Neben der Frage nach der passenden Location treibt die Branche jedes Jahr aufs Neue auch die nach dem passenden Format um: Soll man die eigene HV in Präsenz odere virtuell veranstalten? Und mit welchen „hybriden“ Elementen? Die HV Magazin-Untersuchung der Aktionärsversammlungen im 270 Unternehmen umfassenden Prime Standard, darunter die 160 Unternehmen aus DAX, MDAX und SDAX, zeigt wieder ein gemischtes Bild. Zentrales Ergebnis der Studie: Die Präsenzhauptversammlung bleibt das bevorzugte Format. In Zahlen: 58,8 % aller untersuchten Gesellschaften führten ihre HV 2025 in Präsenz durch (Vorjahr 60,1 %). Während die Mehrheit (64 %) der SDAX-Unternehmen das persönliche Format bevorzugte, entschied sich eine Mehrheit aus der DAX- und MDAX-Familie für die virtuelle Version. So trafen sich 65 % der DAX- sowie 60 % der MDAX-Unternehmen mit ihren Eigentümern via Bildschirm. Fast 72 % der Prime-Standard-Unternehmen, die keinem der drei großen Auswahlindizes angehören, wählten 2025 wiederum überwiegend den Austausch in Präsenz. Sieht man sich die Zahlen des „HV-Report 2025“ der DSW an, im Rahmen dessen 390 Unternehmen untersucht wurden, ergibt sich das gleiche Bild.
Abb. 5 zeigt: 65 % aller von der DSW untersuchten Gesellschaften 2024 wählten die Präsenz-HV (2024: 67 %, 2023: 61 %). Es gilt wie schon bei den Studien von HV Magazin und DSW 2024 weiter: Je kleiner die Gesellschaft, desto mehr dominiert das traditionelle Eigentümer-Treffen.


Erhöhte Format-Wechselbereitschaft
Ein genauerer Blick auf die einzelnen Indizes zeigt, dass sich innerhalb der einzelnen Segmente und Gruppen trotzdem einiges tut (s. Abb. 6). So wechselten im DAX BMW, Commerzbank und Deutsche Börse vom virtuellen in das Präsenzformat, während BASF und SAP den umgekehrten Weg wählten. Auch in den anderen Indizes gab es laut der DSW-Untersuchung Verschiebungen. Im MDAX schwenkten mit HELLA, Jungheinrich und thyssenkrupp drei Gesellschaften vom Präsenz- in das virtuelle Format, während Aurubis statt der virtuellen die Präsenz-HV wählte. Im SDAX gingen Mutares und Schaeffler zur Präsenz über, während adesso, Heidelberger Druckmaschinen und Siltronic ihre HV 2025 virtuell abhielten.
Hybride HV vor dem Durchbruch?
Wenig überraschend: Bis auf Redcare Pharmacy N.V. (vielen noch besser bekannt als Shop Apotheke Europe) wählte keines der betrachteten Unternehmen das vollumfängliche hybride Hauptversammlungsformat. Laut DSW entspricht es dem Zielbild einer echten Hybridität, wenn die „Gleichwertigkeit von Rede-, Frage-, Antrags- Stimm- und Widerspruchsrechten online und offline“ gewährleistet ist. Sehr nah kam dem Bild 2025 die DEFAMA Deutsche Fachmarkt AG: Die Gesellschaft übertrug ihre Präsenz-HV live im Internet und nutzte laut DSW eine Chatfunktion und Videokommunikation, um alle Interessierten aktiv in den HV-Ablauf einzubeziehen. Auch wenn die virtuell zugeschalteten Aktionäre nicht als Teilnehmer im Sinne des Aktiengesetzes galten, wurde ihnen sowohl das Rede- als auch das Fragerecht vollumfänglich gewährt. Allein die Ausübung des Stimmrechts war nur den in Präsenz teilnehmenden Aktionären möglich. Auch wenn die vollumfängliche hybride HV nach DSW-Definition noch weiter auf sich warten lassen wird, ist doch unverkennbar, dass hybride Elemente in ganz vielen Versammlungen auf dem Vormarsch sind.

Präsenz-HV animiert zur Präsenz
In ihrem HV-Report untersuchte die DSW auch die Präsenzen der verschiedenen HV-Formate. Dabei zeigte sich, dass persönliche Treffen höhere Präsenzquoten und damit eine stärkere Beteiligung aufwiesen als virtuelle Varianten. Im DAX erreichten Präsenz-HVs 2025 durchschnittlich 69,90 % und lagen damit auch in diesem Jahr über der durchschnittlichen Präsenz virtueller Versammlungen (63,26 %). Zudem zeigte sich seit 2023 ein Rückgang der Präsenzen insbesondere bei virtuellen Hauptversammlungen, was die vielfach behauptete höhere Attraktivität des virtuellen Formats nicht bestätigt, so die DSW.
Weitere wesentliche Ergebnisse der Studie:
- Die Terminierung der HV-Saison 2025 kumulierte deutlich im Mai, insbesondere in der Kalenderwoche 20, in der 44 Hauptversammlungen bezogen auf das Universum der betrachteten Unternehmen stattfanden; an einzelnen Spitzentagen fanden jeweils bis zu 14 HVs gleichzeitig statt. Diese Ballungen erschweren laut DSW die wirksame Wahrnehmung von Aktionärsrechten, da parallele Teilnahmen – ob in Präsenz oder virtuell – praktisch kaum realisierbar sind.
- Die Dauer der Hauptversammlungen unterschied sich nicht systematisch zugunsten eines Formats; eine generelle Verkürzung durch die virtuelle HV ließ sich nicht feststellen.
- Die Fragepraxis blieb auch 2025 formatabhängig. In Präsenzhauptversammlungen wurden weniger Fragen gestellt als in virtuellen HVs, während insbesondere virtuelle Hauptversammlungen von DAX-Gesellschaften teils beträchtliche Fragevolumina aufwiesen.
Virtuelle HV: Die „Unperfekte“?
Die virtuelle Hauptversammlung wird nach Meinung der DSW von einem bedeutenden Teil der Aktionäre weiterhin nicht als gleichwertige Alternative wahrgenommen. Kritisiert wird auch 2025 insbesondere das eingeschränkte Frage- und Rederecht sowie die fehlende Möglichkeit des direkten Austauschs mit anderen Aktionären. Entsprechend setzt man sich für „maßvoll ausgestaltete, klar begründete Ermächtigungen mit angemessener Laufzeit ein“ und knüpft die Zustimmung an die „faktische Gewährleistung vollumfänglicher Aktionärsrechte“. In Sondersituationen oder bei sehr intensiv in Aktionärspositionen eingreifenden Beschlussvorschlägen sei die Präsenzversammlung immer das vorzugswürdige Format.
Eine andere Sicht auf die virtuelle Hauptversammlung hat der HV-Dienstleister GFEI. Die digitale Variante habe sich etabliert, werde mobiler und kostenbewusster. Immer mehr Gesellschaften setzten auf flexible, kosteneffiziente Streamingsysteme sowie einfache und an ihre HV-Größe angepasste Lösungen. Der auf Small- und Mid Caps sowie MDAX-Unternehmen spezialisierte Dienstleister verweist in dem Zusammenhang auf seine inhouse-basierte, mobile Variante der virtuellen HV. Durch ein mobiles Set-up, welches in einen handelsüblichen Koffer passe, könne die virtuelle HV gegenüber Präsenzveranstaltungen deutlich effizienter realisiert werden.
Interessant ist mit Blick auf die Formatdiskussion der Blick ins europäische Ausland. So ist Deutschland bezogen auf die nationalen Leitindizes laut DSW das einzige Land, in dem die virtuelle Hauptversammlung vorherrscht. In Spanien dominiere das hybride HV-Format, während in der Schweiz, Irland, Frankreich und Belgien ausschließlich Präsenzhauptversammlungen abgehalten würden.
Taylor-Wessing-Studie: Was die Top-250-Emittenten denken

Auch Taylor Wessing hat sich 2025 erneut mit der HV-Saison beschäftigt. Wie in den Vorjahren hat die Rechtsanwaltskanzlei Vertreter aus DAX, MDAX und SDAX sowie die weiteren 90 nach Marktkapitalisierung größten Unternehmen des Prime Standard befragt, welche Erfahrungen sie mit ihren Hauptversammlungen 2025 gemacht haben. 40 Teilnehmer (DAX: sieben, MDAX: sechs, SDAX: 17, weiterer Prime Standard: zehn) gaben Auskunft. So spielten für die jeweilige Wahl des HV-Formats laut Taylor Wessing-Studie Kostengesichtspunkte eine gewichtige Rolle – beim virtuellen Format zählte dieser Faktor für 20 Unternehmen (80 %), beim Präsenzformat für vier Unternehmen (44,44 %).
Weitere wesentliche Erkenntnisse des Teams um Dr. Sebastian Beyer:
- Vergütungssystem und -bericht stellen weiter zentrale Tagesordnungspunkte dar
- Die Entwicklung zu kürzeren Amtszeiten von Aufsichtsratsmitgliedern verfestigt sich
- Nur wenige Unternehmen machen von der nach ZuFinG möglichen Ermächtigung zu einem Bezugsrechtsausschluss von 20 % (bis dato maximal 10 %) Gebrauch
- Die vorsorgliche Wahl eines Nachhaltigkeitsprüfers hat sich etabliert und
- Say-on-Climate-Beschlüsse spielen weiter keine Rolle auf deutschen Hauptversammlungen (kein einziger Fall im Jahr 2025)
HV-Premieren bei Steyr Motors und HWK 1365
Die Resultate der HV-Analysen 2025 von DSW und Taylor Wessing spiegeln sich auch in den Erfahrungen der Neuemittenten von 2024 wider (s. Abb. 7 auf S. 16). Spannend war 2025 beispielsweise für den österreichischen Dieselmotorenhersteller Steyr Motors, nachdem dieser im Oktober 2024 an die Börse gegangen war:

„Unsere erste Hauptversammlung im Mai 2025 war ein wichtiger Meilenstein für die Steyr Motors AG – eines der weltweit führenden Unternehmen im Bereich maßgeschneiderter Motoren für einsatzkritische Defense- und zivile Anwendungen. Rückblickend war die frühzeitige und strukturierte Vorbereitung der entscheidende Erfolgsfaktor“, so CEO Julian Cassutti.
Man habe sich bewusst für eine Präsenzveranstaltung entschieden, da der direkte Austausch mit den Aktionären „gerade für ein Unternehmen mit noch junger Börsenhistorie sehr wertvoll“ sei. Cassutti: „Mein Fazit fällt durchweg positiv aus – wünschenswert wäre allerdings, dass Hauptversammlungen künftig etwas weniger formalisiert ablaufen und mehr Raum für den direkten Austausch bieten.“
Auch für einen Nano Cap, den Kalanderwalzen-Hersteller Hüttenwerke Königsbronn (HWK 1365, Börsenwert rund 6 Mio. EUR), hat mit der Börsennotierung ein neues Kapitel in der Unternehmensgeschichte begonnen. „Umso bedeutsamer war es, diesen Schritt gemeinsam mit unseren Aktionärinnen und Aktionären zu reflektieren“, sagt Roman Zitzelsberger, geschäftsführender Direktor und Verwaltungsrat der HWK 1365 SE:

„Wir haben uns bewusst für eine klassische Präsenzveranstaltung entschieden, weil wir den persönlichen Austausch als Kern guter Corporate Governance verstehen. Mir war besonders wichtig, unsere aktuelle Situation sowie unsere Zukunftsstrategie klar zu erläutern und ausreichend Gelegenheit für Fragen, Anregungen und auch kritische Nachfragen zu geben.“
Gleichzeitig habe man „wertvolle Hinweise“ bekommen, wie die Gesellschaft den Ablauf künftig noch effizienter und informativer gestalten kann, so Zitzelsberger. Die Hüttenwerke Königsbronn, gegründet 1365, gelten als ältestes Industrieunternehmen Deutschlands.
Pyrum: Persönliche Begegnung erste Wahl
Ein Verfechter des direkten Kontakts ist auch das Recycling- und Anlagenbauunternehmen Pyrum Innovations. Die Firma aus Dillingen an der Saar setzt bei seiner Hauptversammlung bewusst auf das Präsenzformat.

„Der direkte Austausch mit unseren Aktionären ist uns wichtig – gerade weil wir als innovatives Technologieunternehmen viel zu zeigen haben“, sagt CEO Pascal Klein.
Ein fester Bestandteil ist dabei die anschließende Werksführung, bei der Aktionäre die Fortschritte und technischen Entwicklungen von Pyrum „unmittelbar erleben“ können. „Das schafft Vertrauen und macht unsere Innovationskraft greifbar.“ Die diesjährige HV verlief aus Sicht des Vorstandschefs „rundum positiv“. Besonders geschätzt worden sei vonseiten der Aktionäre der persönliche Kontakt zu Vorstand, Aufsichtsrat und technischen Fachkräften. Für die kommenden Jahre wünscht sich Pyrum eine Rückkehr zur digitalen Abstimmung, um den Ablauf effizienter zu gestalten. Klein: „In Ausnahmefällen, etwa bei Pandemien, behalten wir uns auch eine virtuelle HV vor – ansonsten bleibt die persönliche Begegnung für uns die erste Wahl.“

Ausblick 2026: Signalwirkung bei Satzungsermächtigung
Für die HV-Saison 2026 zeichnet sich nach Einschätzung der DSW bei mehreren Emittenten eine Trendwende ab. Nach den Ablehnungen der Satzungsermächtigungen zur Abhaltung virtueller Hauptversammlungen bei Siemens und TUI erwartet die Schutzvereinigung, dass dies eine Signalwirkung entfaltet und viele Unternehmen ihre Satzungsermächtigungen zukünftig mit engeren Laufzeiten, verbesserten Dialogmechanismen und klarerer Begründungspflicht reformulieren werden. Zudem erwarte man eine Stärkung der Präsenzformate, da mehrere große Unternehmen angekündigt haben, dahin zurückzuwechseln.
Daneben wird laut DSW der Ruf nach dem hybriden Format lauter. Hybride HVs würden die Vorteile der Präsenz- und der Onlineteilnahme verbinden und gelten aus Aktionärssicht zunehmend als zukunftsfähiges Format. „Sie bieten den Anteilseignern ein Höchstmaß an Flexibilität und Teilhabemöglichkeiten, da diese selbst entscheiden können, ob sie persönlich vor Ort oder digital teilnehmen möchten“, so die DSW. Aus Sicht der Aktionäre stärke das hybride Format damit Transparenz, Inklusion und Demokratisierung der Willensbildung.
Auch die DSW selbst sieht im hybriden Format nicht nur die technisch, sondern auch unter Aspekten guter Governance „überzeugendste Weiterentwicklung der Hauptversammlung“. Von den Unternehmen erwarte man, „in der HV-Saison 2026 mehr Mut zur Umsetzung hybrider Modelle zu zeigen und die bestehenden organisatorischen Vorbehalte zu überwinden“. Zugleich empfiehlt die DSW, stärker aus den europäischen Erfahrungen zu lernen. In Ländern wie den Niederlanden oder dem Vereinigten Königreich seien hybride Hauptversammlungen längst etabliert.
Für Strothmann hat die HV auch eine taktische Komponente: „Die HV bleibt ein Gradmesser für strategisches Denken und zeigt, wie vorausschauendes Management heute den Erfolg von morgen sichert.“ Das zeige sich übrigens auch bei den Terminierungen, wo es – zusätzlich getrieben von der jüngsten Entwicklung bei den HV-Dienstleistern – eine wachsende Tendenz zur langfristigen Planung gibt. Strothmann: „Schon jetzt werden HV-Termine für 2027 und 2028 fixiert, um begehrte Ressourcen früh zu sichern.
Fazit
Das HV-Jahr 2025 hat wichtige Erkenntnisse geliefert. So unterschiedlich die börsennotierten Unternehmen, so unterschiedlich deren Bedürfnisse an die Location und Umsetzung ihrer Hauptversammlung: Von klein bis groß, intern oder extern, in Präsenz, virtuell oder in Präsenz mit virtuellen Elementen – viele Varianten sind gefragt und haben sich etabliert. Dabei verteidigen Aktionärstreffen in Persona trotz zunehmender Digitalisierung weiter ihre starke Position – und könnten 2026 in der Gunst der Emittenten sogar noch einmal zulegen. Zugleich wird immer deutlicher, dass die hybriden Elemente bei Hauptversammlungen immer weiter zunehmen und die eine oder andere echte hybride HV wohl nur noch eine Frage der Zeit ist.
Autor/Autorin

Thorsten Schüller
Freier Wirtschafts- und Finanzjournalist. Für GoingPublic Media betreut er das viermal jährlich erscheinende HV Magazin.





