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Das diesjährige IPO-Geschehen war besonders vom Auf und Ab geprägt. Während in den USA und Asien mehr Unternehmen an die Börse gingen, waren die Aktivitäten in Europa sowohl bei den Erlösen als auch bei der Anzahl der IPOs rückgängig. Dies geht aus dem aktuellen Global IPO Monitor von EY hervor. Laut der Untersuchung des Beratungsunternehmens hat Deutschland sein Potenzial im Jahr 2025 nicht ausgeschöpft. Die gesamten Emissionserlöse hierzulande fielen um 42 % auf knapp 1,2 Mrd. EUR im Vergleich zum Vorjahr. Dagegen stieg die Marktkapitalisierung der Börsenneulinge zum Börsenstart im Jahresvergleich um 34 % auf knapp 13,9 Mrd. EUR. Der deutsche Kapitalmarkt kommt in diesem Jahr auf insgesamt sieben Neuzugänge – einer weniger als 2024. Sechs der sieben entschieden sich für die Deutsche Börse, drei im Prime Standard (TKMS AG & Co. KGaA, Ottobock SE & Co. KGaA und Aumovio SE), drei im Junior-Segment Scale (innoscripta SE, Tin Inn Holding AG und Pfisterer SE). Die Hausvorteil AG entschied sich für ein Listing im Segment M:access der Börse München. GoingPublic sprach mit Dr. Martin Steinbach, IPO Leader EMEIA bei EY.

GoingPublic: Herr Steinbach, in der Regel korreliert die IPO-Aktivität der Unternehmen rund um den Globus mit der Richtung der Aktienmärkte. Das Prinzip: Steigen die Kurse, steigt auch die Lust der Unternehmen an die Börse zu gehen. 2025 war dies nicht der Fall. Trotz der insgesamt bullishen Stimmung an den Märkten blieb die IPO-Aktivität verhalten. Woran liegt das aus Ihrer Sicht?
Steinbach: Weltweit hatten wir einen leichten Anstieg der IPOs um 4 % und einen deutlichen Anstieg des Platzierungsvolumens von 39 % zu verzeichnen. Regional fiel allerdings die IPO-Aktivität sehr unterschiedlich aus. Indien boomt, die USA profitiert mehrheitlich von Cross-Border-IPOs, also grenzüberschreitenden Börsengängen aus Asien, China bleibt starker IPO-Wachstumsmarkt und in Europa hatten zu Anfang des 2. Quartals geopolitische Spannungen und die Unsicherheiten rund um die US-Zollpolitik die IPO-Aktivität ausgebremst, was im zweiten Halbjahr nicht aufgeholt werden konnte. Ein gutes Zeichen: Im vierten Quartal nahm der IPO-Markt Momentum auf mit hohen IPO-Volumina, was für die Aufnahmefähigkeit von IPOs spricht und einen guten Start ins Primärmarktjahr 2026 erwarten lässt.
Sie stellen in Ihrem aktuellen Report fest, dass weder Europa noch Deutschland ihr Potenzial genutzt haben. Können Sie uns dies erläutern?
Mit nun 105 IPOs in Europa zum Jahresende sind wir unter den Erwartungen und gut 20 % unter dem Vorjahreswert geblieben. Deutschland ist von den sieben Neuzugängen mit drei IPOs unter den Top 5 Europas Börsengängen gemessen an der Marktkapitalisierung. Verhagelt haben das IPO-Jahr die sich sehr dynamisch entwickelnden Unsicherheiten von Anfang des 2. Quartals, die Europa und Deutschland besonders getroffen haben. Denn Veränderungen im globalen Zollsystem treffen exportorientierte Länder besonders, die von zwei Hauptmärkten, der USA und China, abhängig sind. Wesentliche Treiber für 2026 sind neben hohen Bewertungsniveaus auch die fortschreitende Transformation ganzer Industrien, zum Beispiel durch KI, durch E-Mobilität und dem erstarkten Defense Sektor. Das braucht Finanzierung und der IPO ist ein valide Strategieoption für Unternehmen. Sollte der IPO wieder wettbewerbsfähiger zu anderen Exit-Kanälen werden, sind Börsengänge von bekannten Portfoliounternehmen denkbar, die zuletzt in 2025 dann doch nicht den IPO, sondern die Trade Sale Route genommen haben.

Der deutsche Kapitalmarkt kommt in diesem Jahr nur auf sieben Neuzugänge. Worauf warten die Unternehmen noch? Welche Hürden gilt es, hierzulande für die Firmen zu meistern, die einen Börsengang in Erwägung ziehen?
Investoren sind der Schlüssel in der Vorphase des IPOs, beim IPO und in der Zeit danach. Der Kapitalmarkt ist international. IPO-Orderbücher werden mit überwiegender Mehrheit von Investoren außerhalb Deutschlands gezeichnet. Viele haben erkannt, dass ein Schlüssel die Überarbeitung des heimischen Rentensystems mit Öffnung zum Kapitalmarkt und mehr Retail im IPO-Orderbuch sind. Gerade kleinere und mittlere Börsengänge sind auf den heimischen Investorenpool angewiesen. Diverse Initiativen sind gestartet. Regulatorisch sind erste Schritte mit dem EU Listing Act und dem CSRD-Omnibusverfahren gegangen mit den Zielen, den Börsengang und die Verpflichtungen danach zu erleichtern. Es geht in die richtige Richtung den öffentlichen Kapitalmarkt „Börse“ wieder im Vergleich zum Privaten Kapitalmarkt für die Unternehmensfinanzierung attraktiver zu machen. Auf die Effekte sind wir gespannt.
In welchen Regionen auf der Welt und in welchen Branchen gab es verstärkte IPO-Aktivitäten? Und wie sieht der allgemeine IPO-Ausblick für 2026 aus?
Drittelt man die Welt, so ist unsere Handels- und Zeitzone EMEIA (Europa, Middle East, Indien und Afrika) der größte IPO-Markt (42 %) weltweit und das schon im zweiten Jahr. Der asiatische Raum, der in den letzten zehn Jahren der globale IPO-Maschinenraum und Platz 1 belegte, repräsentiert 39 % und die „Americas“ 18 % aller IPOs. Dabei profitieren die US-amerikanischen Börsen von ihrem Image als internationale Börsenplätze. Das macht viel aus, denn 60 % der US-Börsengänge sind Cross-Border-IPOs. Sektoral führt der Technologiesektor traditionell, dahinter auf den Rängen 2 und 3 wechseln die Industrien bestimmt durch die Sektor-Rotation, das jeweilige Zinsumfeld und die Attraktivität der sektorspezifischen Equity Stories.

Der Ausblick für das kommende Jahr ist vorsichtig optimistisch, vorbehaltlich der Entwicklung der makroökonomischen Rahmenbedingungen. Mit Blick auf den heimischen deutschen Markt ist ein Potenzial von bis zu zehn Börsengängen im Jahr 2026 vorhanden. Mögliche Kandidaten stammen aus verschiedenen Bereichen: etablierte Unternehmen aus dem Mittelstand sowie Großunternehmen, Portfolio-Exits von Beteiligungsgesellschaften und Wachstumsunternehmen.
Herr Dr. Steinbach, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Interview führte Gian Hessami
Zum Interviewpartner

Dr. Martin Steinbach ist Partner bei EY und Head of IPO and Listing Services in Deutschland. Außerdem ist er EY EMEIA (Europe, Middle East, India & Africa) IPO Leader. Steinbach konzentriert sich bei seiner Tätigkeit auf ganzheitliche IPO Readiness Beratung, Boardroom Advisory und Investor Relations Implementierung. Seine Erfahrung vereint unterschiedliche Disziplinen und Perspektiven: die eines Investors, Emittenten, Beraters ebenso wie die einer Bank, eines Eigenkapital aufnehmenden Unternehmens und einer Börse.
Autor/Autorin

Gian Hessami
Gian Hessami gehört zum Redaktionsteam der Kapitalmarkt-Plattform GoingPublic (GoingPublic, HV Magazin, www.goingpublic.de). Als Finanzjournalist beleuchtet er regelmäßig aktuelle Entwicklungen an der Börse und ist Autor von Beiträgen und Aktienanalysen. Mit den Finanzmärkten beschäftigt sich der gelernte Zeitungsredakteur bereits seit 2004.





