Vorstände und Aufsichtsräte bekommen auf Hauptversammlungen zunehmend Gegenwind zu spüren. Das liegt vor allem an den Stimmrechtsberatern, deren Dienste von immer mehr professionellen Anlegern geschätzt werden. Bei Vergütungsfragen und Managerverfehlungen haben sie großen Einfluss auf die Unternehmen. Da weltweit nur zwei große Player den Markt beherrschen, ist die Rolle der Stimmrechtsberater jedoch nicht unumstritten.

Die Aktionärsberater wirken indirekt, indem sie vor allem institutionelle Investoren wie Fonds, Pensionskassen oder Versicherungen bei ihren Abstimmungen auf der HV ­beraten. Da immer mehr Investoren solche Dienstleistungen in Anspruch nehmen, ­haben diese Empfehlungen oft auch ­spürbare Folgen für die Pläne der Vorstände und Aufsichtsräte: Wer auf seiner HV den Unmut der beiden ­großen Player ISS und Glass Lewis (Deutschland und Österreich: IVOX Glass Lewis) zu spüren bekommt, kann sogar eine herbe ­Abstimmungsniederlage erleiden.

Münchener Rück: Bonimodell durchgefallen

Dies passierte zum Beispiel Aufsichtsratschef Bernd Pischetsrieder während der letztjäh­rigen HV der Münchener Rück. Stimmrechtsberater hatten empfohlen, seine vorgeschlagenen Boni für die ­Versicherungsvorstände abzulehnen. Die Vergütungen würden sich an lang­fristigen Zielen orientieren und keine ­Anreize für unverhältnismäßig hohe Risiken bieten, warb der Ex-BMW-Chef auf der HV nochmals für sein Modell. Trotzdem folgten fast zwei Drittel der Aktionäre den Stimmrechtsberatern und stimmten gegen die Boni. Das Unternehmen nenne zwar die Kriterien, an denen sich die ­Boni orientieren, aber nicht, welche Zielvorgaben für eine Auszahlung erreicht werden müssen, kritisierten die ­Analysten. Diese Intransparenz lasse Spielraum für überhöhte variable Ver­gütungen.


„Deutlich aktiver und kritischer geworden“
Fragen an Michael Siegle, Syndikusrechtsanwalt,
SdK Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger

Haben Stimmrechtsberater in den vergangenen Jahren mehr Macht ausgeübt?

Siegle: Ihr Einfluss auf Abstimmungen der HV ist vor allem deshalb gestiegen, weil sie deutlich aktiver und kritischer geworden sind. ­Gerade bei Konzernen mit einem hohen Streubesitzanteil können sie viel bewegen. Vor allem Fonds aus den USA und Großbritannien richten sich nach den Empfehlungen von Stimmrechtsberatern, sodass diese je nach Aktionärsstruktur einen erheblichen Einfluss haben können.

Welche knappen HV-Abstimmungen wegen negativer Empfehlungen der Berater gab es 2018?

Siegle: Es gab den Fall Stefan Wolf, der als Aufsichtsratsvorsitzender des hessischen Industrie- und Automobilzulieferers NORMA im Mai 2018 seinen Posten räumen musste. Wolf war zeitgleich und ist bis heute Vorstandsvorsitzender von ElringKlinger. Mit nur 49,6% der Stimmen verpasste er die erforderliche Mehrheit für den Verbleib im Aufsichtsrat. Den Ausschlag ­gaben einflussreiche Stimmrechtsberater, die seine Ämterhäufung kritisierten und nach ­deren Empfehlungen viele Investoren abstimmten.


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