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Aus der Corona Krise ist eine systemische Krise geworden. Jedoch ist sie nicht vergleichbar mit der Finanzmarktkrise von 2008/09. Daher sind der Verlauf und die notwendigen Rettungsmaßnahmen auch unterschiedlich. Von Stefan Bielmeier

Die aktuelle Krise ist bislang eine Angebotskrise, da die Produktion als erstes betroffen war. Zudem wurden die Lieferketten deutlich gestresst. Durch die gesellschaftlichen Einschränkungen und die breitflächigen Quarantänemaßnahmen wird daraus nun langsam eine Nachfrage getriebene Krise. Der Bankensektor ist bislang noch nicht betroffen. Wenn es zu einer breiten Insolvenzwelle kommen sollte, wären die Belastungen natürlich auch bei den Banken deutlich spürbar und könnten hier wiederum eine Bankenkrise auslösen. In diesem Fall würde der kriselnde Bankensektor als ein Brandbeschleuniger wirken und die Rezession vertiefen und verlängern.

Die nun getroffenen Maßnahmen von der EZB und der Bundesregierung zielen darauf ab, genau dies zu verhindern. Die neuen Regelungen für das Kurzarbeitergeld sollten die Belastungen für die privaten Haushalte größtenteils abfedern. Die umfassende Kreditzusage sollte eine Corona bedingte Insolvenzwelle verhindern. Zudem hat sich die Kapitalisierung des Bankensystems in den letzten Jahren deutlich verbessert und damit ist auch die Krisenfestigkeit gestiegen. Natürlich sind die einzelnen Banken unterschiedlich krisenfest. Institute, die bereits vorher Schwierigkeiten hatten, könnten nun vollends ins Schlingern kommen, da ein Anstieg der zahlungsgestörten Kredite trotz aller Bemühungen mittelfristig sehr wahrscheinlich ist.

Achterbahnfahrt an der Börse wird vorerst anhalten

Die Wachstumsprognosen werden in den nächsten Wochen noch deutlich nach unten korrigiert werden. Aus jetziger Sicht lässt sich aber noch nicht sagen, wie tief die Rezession werden wird. Dies hängt letztendlich von den endgültig getroffenen Maßnahmen zur Bekämpfung des Virus ab. Aber eine tiefe Rezession in H1 ist nahezu unausweichlich. Der wirtschaftliche Verlauf in H2 2020 hängt zurzeit davon ab, ob die Einschränkungen anhalten oder zum Sommer hin gelockert oder aufgehoben werden. Viel wird hier von der Entwicklung wirksamer Medikamente abhängen. Sobald diese vorliegen, ist der begrenzende Faktor – die Zahl der Intensivbetten – nicht mehr so relevant, da man dann einen Großteil der Risikopatienten behandeln könnte und eine Intensivbehandlung vermieden werden kann. In diesem Fall dürfte sich das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben in H2 wieder normalisieren und die Wirtschaft sich spürbar erholen. Staatliche Investitionsprogramme sollte hier unterstützend wirken.

Die Aktienmärkte sollten in den kommenden Wochen noch eine Achterbahnfahrt vor sich haben, hin- und hergerissen zwischen schlechten wirtschaftlichen Nachrichten und aufkeimender Hoffnung. Man sollte aber nicht zu früh auf eine nachhaltige Kurserholung setzten, die Tiefpunkte an den Aktienmärkten hat man wohl noch nicht erreicht.

Aus meiner Sicht ist Deutschland gut aufgestellt und sollte relativ gut durch die Krise kommen. Umso mehr ist es auch wichtig, dass sich Deutschland für den Zusammenhalt in Europa und der EU einsetzt. Ein stabiles Europa ist die Voraussetzung für eine stabile gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung in den kommenden Jahren.

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Über den Autor

Stefan Bielmeier

Stefan Bielmeier – Jahrgang 1966 – ist Bereichsleiter Research und Chefvolkswirt der DZ BANK AG Deutsche Zentral-Genossenschaftsbank in Frankfurt am Main.