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Auf der „2. Being Public Conference“ von Going Public Media standen Deep Tech-Unternehmen im Fokus der Diskussion. Hochinnovative Start-ups, deren Lösungen auf wissenschaftlichen und technologischen Durchbrüchen erfolgen und die durch eigenes geistiges Eigentum und Patentschutz „IP“ einen Wettbewerbsvorteil haben, gelten als Hoffnungsträger für den Standort Deutschland. Allerdings wandern viele dieser Unternehmen ins Ausland ab, sobald sie in die Wachstumsphase eintreten – weil es hierzulande an Risikokapital mangelt. Wir haben Uli Fricke, eine der erfahrensten Deep Tech-Investoren des Landes gefragt, wie sich privates Kapital besser mobilisieren lassen könnte, um die vorhandenen Chancen besser für Standort, Unternehmen und Anleger zu nutzen.
GoingPublic: Wenn wir über Deep Tech in Deutschland sprechen, klingt es manchmal so, als hätten wir ein Innovationsproblem. Als gäbe es zu wenig Ideen, zu wenig Forschung, zu wenig Technologie. Stimmt dieser Eindruck?
Uli Fricke: Nein, auf keinen Fall. Deutschland hat kein Innovationsproblem, sondern vielmehr ein Finanzierungsproblem. Wir haben weiterhin eine führende Stellung in den Bereichen Forschung, Patente oder Ausgründungen. Europäische Forschungseinrichtungen bringen inzwischen mehr als 500 Spin-outs aus Deep Tech und Life Science pro Jahr hervor, Max Planck, Helmholtz und Fraunhofer bilden dabei die Speerspitze. Das gilt insbesondere für Biotech, Energie- und Klimatechnologien, Raumfahrt oder auch Quantencomputing – Sektoren mit langen Entwicklungszyklen.
Warum schaffen wir es nicht, diese Unternehmen in Deutschland oder Europa zu halten?
Die Finanzierung in frühen Phasen funktioniert inzwischen recht gut. Hier gibt es zahlreiche Förderprogramme, den HTGF und Förderbanken der Bundesländer. Zwischen 2021 und 2024 gingen 72 Prozent des neu eingeworbenen VC-Kapitals in Early-Stage-Fonds. Die Bedeutung privater Investoren wie Business Angels wächst ebenso.
In der Frühphase wird Technologie entwickelt. Danach ist vieles schon de-risked – was ein sehr großer, wertvoller Schritt ist: technisch validiert, IP aufgebaut, erste Kunden da. Aber dann braucht Deep Tech größere Tickets und einen langen Atem. Eigentlich ein sehr attraktiver Einstiegszeitpunkt. Aber EU-Scale-ups sammeln bis zum zehnten Unternehmensjahr im Durchschnitt 50 Prozent weniger Kapital ein als vergleichbare Scale-ups aus San Francisco. Und mehr als vier von fünf EU-Scale-up-Deals haben einen ausländischen Lead- oder Sole-Investor.
Könnte denn die Börse hierfür eine gute Lösung sein?
Die Börse ist erst einmal Infrastruktur. Sie wird nur dann zur Wachstumslösung, wenn dort Kapital sitzt, das Deep Tech Risiken tragen will, darf und kann. Aber das ist derzeit offenbar nicht der Fall. Europäische Börsen sind für Deep Techs nur dann erste Wahl, wenn sie hier eine attraktive Bewertung erzielen und Kapital platzieren können. Das Potenzial dafür ist grundsätzlich da. In Deutschland schlummerten Ende Juni 2026 bei insgesamt knapp 3,0 Billionen Euro Girokonten oder niedrig verzinsten Spar- und Festgeldkonten.
Wie ließe sich dieses Geld besser für die Unternehmensfinanzierung aktivieren? Könnte hier die Aktienrente zum Game-Changer werden?
Das wäre auf alle Fälle wünschenswert. Wir brauchen an erster Stelle einen Imagewechsel für unternehmerisches Investieren. Noch immer wird die Börse in politischen Kreisen als Kasino und unternehmerische Investitionen als Teufelszeug betrachtet. Und auch die Bezeichnung „Risikokapital“ enthält ja eine negative Konnotation. Dabei wird gerade unternehmerisches Kapital, das Risiken übernimmt und gleichzeitig Chancen bietet, dringend gebraucht.
Natürlich braucht es für dieses Art des Investierens auch ein Verständnis der damit verbundenen Risiken und darüber, wie man diese durch Portfolioaufbau reduziert und langfristig so bessere Renditen erzielen kann als mit Zinsprodukten. Neben Rendite und volkswirtschaftlichem Nutzen lässt sich darüber hinaus eine Wirkung erzielen, zum Beispiel für den Klimaschutz. Damit hat die Geldanlage auch eine emotionale Komponente.
Gerade Deep Tech-Unternehmen haben das Potenzial, Menschen zu begeistern. Ein Beispiel: In Deutschland standen die Menschen der Biotechnologie anfangs sehr skeptisch gegenüber, heute richtet sich der Blick viel stärker auf die medizinischen Chancen und auch wirtschaftlich gilt sie als Schlüsselbranche.

Genau um dieses Dilemma zu adressieren, haben wir übrigens unsere digitalen Finanzierungsplattform „FunderNation“ ins Leben gerufen. Dort können sich private Investoren auch schon mit kleinen Beträgen an Start-ups beteiligen. Damit bekommt jeder die Chance, sich ein risikodiversifiziertes Portfolio aufzubauen und gleichzeitig sein Votum dafür abzugeben, welche Innovationen relevant sind und unbedingt finanziert werden sollten. Die Stimme der Investoren ist dabei ganz klar: Besonders die Deep Techs aus den Bereichen Klima, Energie, Nachhaltigkeit und Mobilität ziehen großes Interesse auf sich. Themen, die die Gesellschaft allgemein bewegen, sind auch die, in die gerne investiert wird.
Das sogenannte „Crowdfunding“ bzw. „Crowdinvesting“ ist ja auch mal mit dem Ziel angetreten, privates Kapital für die Unternehmensfinanzierung zu mobilisieren. Konnten diese Erwartungen aus Ihrer Sicht erfüllt werden?
Es wäre sicher übertrieben zu sagen, dass sich Schwarmfinanzierung zum Gamechanger entwickelt hat. Richtig ist, die digitalen Plattformen bilden heute eine weitere Säule der Start-up-Finanzierung. FunderNation ist seit der Gründung 2015 kontinuierlich gewachsen, hat allein 2025 rund 20 Millionen Euro an Kapital vermittelt, im Schnitt haben die sich finanzierenden Unternehmen im vergangenen Jahr 1,5 Millionen Euro pro Unternehmen bei uns aufnehmen können.
Schlagzeilen macht das Crowdfunding aber eher durch Pleiten.
Damit wären wir mal wieder beim Thema „Image-Problem“. Wir haben unseren Track Record aus 10 Jahren Crowdinvesting im Frühjahr veröffentlicht und der kann sich aus unserer Sicht durchaus sehen lassen: 18.000 Investoren haben insgesamt 80 Millionen Euro angelegt –75 Prozent der Anleger haben in mehr als ein Unternehmen investiert. Die gewichtete Gesamtrendite des Portfolios beläuft sich auf 15 Prozent pro Jahr. Bei 12 Prozent der Investments war ein Ausfall zur verzeichnen. Selbst ohne einen „Ten bagger“ liegt die Performance somit über den durchschnittlichen Aktienrenditen.
Diese Bilanz ist sicher vorzeigbar. Viele Wettbewerber sind in der Zwischenzeit allerdings wieder aus dem Markt verschwunden. Was ist Euer Erfolgsrezept?
Der Markt hat sich natürlich seit dem Start Anfang der 2010er-Jahre weiterentwickelt und es gab eine steile Lernkurve. Das betrifft die Beteiligungsmodelle- und Verträge genauso wie Auswahl der Unternehmen, die auf einer Plattform finanziert werden. Wir kommen aus dem klassischen VC-Business und bringen dieses Know-how in die Auswahl ein. Gleichzeitig pflegen wir einen engen Kontakt zu den Investoren – und das nicht nur digital, sondern auch bei regelmäßigen Zusammentreffen von Start-ups und Kapitalgebern. Nur ein Teil des Geldes kommt aus der Crowd, zudem haben wir ein sehr aktives und wachsendes Business Angel-Netzwerk aufgebaut. Wir achten sehr genau auf das Investoren-Feedback. Als Plattform müssen wir ja zwei Kunden gleichzeitig dienen. Aber ohne die Investoren läuft nichts, das ist bei uns nicht anders als an der Börse.
Und apropos Marktentwicklungen: Die aktuellen Zeiten bringen für viele Start-ups deutlich erschwerte Finanzierungsbedingungen mit. Nicht zuletzt deshalb hatten wir erst im letzten Jahr ein Rekordhoch an Unternehmensinsolvenzen in Deutschland. Umso wichtiger werden Kapitalquellen wie FunderNation. Und gegen den allgemeinen Trend hat das Unternehmen „indielux“ jüngst die schnellste Million in der FunderNation-Geschichte geknackt.
Was lässt sich daraus für die Innovationsfinanzierung in Deutschland ganz allgemein ableiten?
In Deutschland gibt es herausragendes Innovationspotenzial und es gibt ausreichend Kapital, um mit den besten Entwicklungen erfolgreiche Unternehmen zu bauen. Wir müssen nur beides zusammenbringen. Auf digitalen Plattformen wie FunderNation gelingt das schon im kleinen Maßstab. Es zeigt sich: Abseits der großen Hypes, kann etwas Nachhaltiges entstehen. Dafür braucht es einerseits Mut, neue Wege auszuprobieren – das betrifft Gründer und Investoren genauso wie die Regulatoren. Dazu gehört auch Vertrauen in das Einschätzungsvermögen und den Verstand der Anleger.
Frau Fricke, vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Jenny Gspahn-Staudigl
Zur Interviewpartnerin:

Uli Fricke ist eine der Gründerinnen und CEO der Triangle Venture Capital Group, einem der führenden Investoren Europas im Bereich Hightech-Start-ups. Darüber hinaus ist sie CEO von FunderNation, Deutschlands einziger digitaler Investmentplattform, die von einem Team professioneller Investmentexperten betrieben wird. Bevor sie 1996 die Triangle Venture Capital Group mitgründete, war Uli Gründerin und Geschäftsführerin mehrerer Start-up-Unternehmen, die sie später erfolgreich veräußerte.
Im Laufe ihrer Karriere war Mitglied zahlreicher Unternehmensbeiräte und Aufsichtsgremien und gehört seit vielen Jahren dem Vorstand von Invest Europe an. Derzeit ist sie Mitglied der Boards von iPharro, semafora und SemEO. Außerdem ist sie Mitglied des Space-Tech Advisory Council, des aws Seed Financing Board in Wien, des Kuratoriums des Fraunhofer IMW in Leipzig sowie des EBAN Space Executive Committee. Seit 2016 ist sie zudem Dozentin und Coach im SpaceTech Master Program der TU Graz.
Autor/Autorin
Jenny Gspahn-Staudigl ist Content Managerin für die Kapitalmarkt-Plattform GoingPublic (GoingPublic, HV Magazin, www.goingpublic.de). In ihrer täglichen Arbeit beschäftigt sie sich mit Themen rund um den Aktienmarkt, aktuelle Börsengänge sowie alle Aspekte rund um die Börsennotiz von Unternehmen.






