FairJourney Biologics zählt heute zu den dynamischsten europäischen Unternehmen im Bereich der Biologics-Forschung. Das 2012 in Porto gegründete Unternehmen hat sich in kurzer Zeit von einem spezialisierten CRO zu einer integrierten Plattform für Antikörper-Discovery, Engineering und frühe Entwicklungsprozesse entwickelt – mit Standorten in Europa und den USA sowie einer stark wachsenden technologischen Basis. Seit dem Herbst 2025 führt Dr. Werner Lanthaler das Unternehmen operativ. Wir sprachen mit ihm darüber, wie er FairJourney strategisch weiterentwickeln will und welche Rolle das Unternehmen in der kommenden Biologics-Ära spielen soll.
Plattform Life Sciences: Herr Dr. Lanthaler, welche Rolle spielt KI bei FairJourney?
Herr Dr. Lanthaler: Ich erwähne KI eigentlich gar nicht mehr gesondert, weil sie für uns so selbstverständlich ist wie Atmen. Wir nutzen sie in der wissenschaftlichen Arbeit – etwa zur Vorhersage von Bindungseigenschaften oder zur Bewertung der Manufacturability – und entlang des gesamten Partnerings, bis hinein in die SG&A-Prozesse. Unser Ziel ist, sämtliche Abläufe damit schneller und robuster zu machen. Ein Beispiel: In der Cryo-EM-basierten Strukturbiologie haben wir gemeinsam mit dem Scripps Research Institute eine der weltweit führenden Plattformen aufgebaut. Dadurch entsteht ein Daten- und Analysepool, der in dieser Form einzigartig ist. Auf dieser Basis trainieren wir KI-Modelle auf Sequenz-, Struktur- und Developability-Daten sowie auf Produktions- und Charakterisierungsparametern. Dieses erlernte Struktur-Funktions-Wissen übertragen wir auf neue Antikörperkandidaten – mit dem Ergebnis höherer Ausbeuten und deutlich geringerer Herstellungskosten. Bei einigen Indikationen konnten wir die Kosten bereits halbieren. KI-basierte Vorhersagen völlig neuer Medikamente halte ich für ein spannendes Feld. Doch bislang hat keiner dieser rein KI-erzeugten Ansätze den zulassungsrelevanten klinischen Wirksamkeitsbeweis geliefert. Es gibt bislang kein KI-designtes Medikament auf dem Markt. Das wird sich ändern, aber es wird Zeit brauchen. Biologie bleibt komplex – und KI lernt schneller als früher, aber längst nicht so schnell wie die Biologie selbst.
In welche Richtung wollen Sie FairJourney entwickeln?
Ich habe die operative Leitung mit dem klaren Fokus übernommen, die qualitativ beste, effizienteste und zugleich kosteneffizienteste Partnering-Plattform für Biologics aufbauen. Warum Biologics? Weil die Erfolgsquote in dieser Modalität deutlich höher ist als in allen anderen Bereichen und der Markt stark wachsen wird. Wir stehen in meinen Augen erst am Anfang einer neuen Biologics-Ära – anders als bei vielen anderen Modalitäten. Wir verfügen bereits über eine hervorragend aufgestellte wissenschaftliche Technologieplattform, die wir künftig in verschiedenen Geschäftsmodellen anbieten wollen: sowohl als Service-Modell als auch als echtes Partnering-Modell. Das Unternehmen hat heute rund 300 Mitarbeitende, ist profitabel und betreibt vier Standorte – zwei in den USA, zwei in Europa. Sie sollen der Nukleus einer echten Beschleunigung im Bereich Biologics sein.
Im europäischen Innovationsökosystem fehlt häufig Kapital für spätere Entwicklungsphasen. Wie ist FairJourney in dieser Hinsicht aufgestellt?
FairJourney ist eine Serviceplattform, die derzeit mit mehr als 200 Partnern arbeitet und dadurch eine starke Topline hat. Das Unternehmen ist seit Jahren profitabel und kann daher aus eigener Kraft in Innovation investieren. Hinzu kommt eine exzellente Shareholderbasis: Partners Group aus der Schweiz und GHO aus London – zwei Private-Equity-Häuser, die im CDMO-, CRO- und Life-Science-Bereich sehr viel Expertise mitbringen. Das ist eine solide Ausgangslage. Vor dem Hintergrund des Makrotrends Biologics ist unsere Idee, ein end-to-end-kosteneffizientes Angebot für Biotechs, Pharmaunternehmen und auch Foundations zu schaffen. Wir wollen verhindern, dass Unternehmen aus Kostenüberlegungen zwangsläufig nach China ausweichen müssen. Ich bin der Überzeugung, dass wir nearshoren müssen – aus geopolitischen Gründen. FairJourney ist ist ein solcher Nearshoring-Partner, der auf westlich getriebene IP setzt.
Wie stark prägt der Einstieg der Partners Group Ihre strategische Ausrichtung?
Der Einstieg der Partners Group hat uns zusätzliche Möglichkeiten eröffnet, unsere internationale Präsenz deutlich schneller auszubauen. Wir sprechen hier nicht nur über Kapital, sondern vor allem über Erfahrung im Aufbau globaler F&E- und Produktionsplattformen. Beide großen Anteilseigner – Partners Group und GHO – bringen sehr tiefes Know-how aus dem Bereich der Life-Science-Infrastruktur mit. Das hilft uns, die Plattform konsequent zu industrialisieren und gleichzeitig wissenschaftlich weiterzuentwickeln. Für uns ist wichtig: Wir bleiben ein wissenschaftlich getriebenes Unternehmen. Partners Group unterstützt genau diesen Weg und hat ein klares Value-Creation-Programm formuliert. Dazu gehören der Ausbau unserer Kapazitäten in Porto, die Stärkung des Standorts Cambridge (UK) sowie der Aufbau unserer neuen Aktivitäten an der US-Westküste. Diese Schritte hätten wir organisch wohl erst in einigen Jahren umsetzen können. Jetzt passiert das in einer ganz anderen Geschwindigkeit – und mit einer Governance-Struktur, die auf Skalierung ausgelegt ist, nicht auf kurzfristige Effekte.
Sind neue Standorte geplant?
Aktuell liegt der Schwerpunkt auf dem Ausbau der bestehenden Standorte. In San Francisco und San Diego sind wir erst seit diesem Jahr präsent. Cambridge (UK) und Porto haben ebenfalls ausreichend Wachstumspotenzial. Ob wir mit FairJourney nach Deutschland gehen müssen? Schauen wir mal.
FairJourney investiert sichtbar in Community-Building – etwa über die „Antibody Series“. Welchen strategischen Zweck verfolgt das?
Europa hat im Bereich Antikörperforschung enormes Potenzial, aber es ist oft stark fragmentiert. Mit der „Antibody Series“ schaffen wir einen Ort, an dem Wissenschaftler, Gründer, Investoren und Pharmaunternehmen zusammenkommen. Das ist kein Marketing-Event – es ist ein Beitrag dazu, ein echtes Ökosystem in Portugal und darüber hinaus aufzubauen. Wenn wir wollen, dass Europa im Biologics-Bereich eine stärkere Rolle spielt, brauchen wir Austausch, Sichtbarkeit und Plattformen, die Talente anziehen. Die Konferenz ist ein Baustein davon. Und sie hilft uns, FairJourney nicht nur technologisch, sondern auch inhaltlich an der internationalen Spitze zu verankern.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Urs Moesenfechtel.
ZUM INTERVIEWPARTNER:

Dr. Werner Lanthaler ist seit vielen Jahren in leitenden Funktionen in der biopharmazeutischen Industrie tätig, mit Schwerpunkten in den Bereichen Innovation, Transformation und nachhaltige Unternehmensentwicklung. Er war 15 Jahre lang CEO von Evotec SE und begleitete in dieser Funktion den Ausbau des Unternehmens im Bereich der Wirkstoffforschung, unter anderem in der Präzisionsmedizin. Vor seinem Eintritt bei Evotec war er als CFO von Intercell tätig und verantwortete dort den Börsengang (IPO) sowie die Markteinführung der Impfstoffe des Unternehmens. Im Verlauf seiner beruflichen Laufbahn arbeitete Dr. Lanthaler mit internationalen pharmazeutischen Unternehmen, Biotechnologieunternehmen und akademischen Institutionen zusammen, insbesondere im Rahmen von Forschungs- und Entwicklungskooperationen. Seit Oktober 2025 ist Dr. Werner Lanthaler CEO von FairJourney Biologics.
Autor/Autorin
Urs Moesenfechtel, M.A., ist seit 2021 Redaktionsleiter der GoingPublic Media AG - Plattform Life Sciences und für die Themenfelder Biotechnologie und Bioökonomie zuständig. Zuvor war er u.a. als Wissenschaftsredakteur für mehrere Forschungseinrichtungen tätig.






