Bildnachweis: sodesignby – stock.adobe.com.

Springboard Health Angels ist ein europäisches Angel-Netzwerk mit tiefem operativem Hintergrund in Biotech, Pharma und Healthtech. Neben Einzelinvestments baut Springboard derzeit einen eigenen Venture-Capital-Fonds auf. Der Anspruch: früher investieren, aktiver begleiten – und europäische Innovationsmodelle jenseits des Silicon-Valley-Dogmas stärken.

Plattform Life Sciences: Herr Dr. Schmidt, wie unterscheidet sich Springboard ­strukturell von klassischen Fonds

Dr. Andreas Schmidt
Dr. Andreas Schmidt, Co-Founder, Springboard Health Angels. Copyright Foto: Privat

Dr. Schmidt: Wir sind als Angel-Netzwerk gestartet, mit rund 20 bis 30 Core Angels und einem erweiterten Expertenkreis. In zweieinhalb Jahren haben wir über 30 Investments getätigt. Parallel dazu bauen wir ­einen VC-Fonds mit einem Zielvolumen von rund 40 Mio. EUR auf. Wichtig ist: Das ­Angel-Netzwerk bleibt bestehen. Es ist kein Entweder-oder, sondern eine bewusste Kombination aus frühem Kapital, operativer Nähe und späterer Skalierung.

Welche Instrumente nutzen Sie für Ihre Investments?

Unsere Investments erfolgen als direkte ­Beteiligungen, über Special-Purpose-Vehikel zur Bündelung von Investoren, über Simple Agreements for Future Equity nach dem Y-Combinator-Standard, bei denen Anteile zu einem späteren Zeitpunkt entstehen, oder über Darlehen mit späterer Wandlung in Eigenkapital. Entscheidend ist für uns nicht die rechtliche Struktur, sondern ­Geschwindigkeit und Klarheit in der ­Umsetzung. Oft sind wir Lead-Investor oder sorgen dafür, dass Finanzierungsrunden überhaupt zustande kommen. Jeder Gründer kennt den Satz: „Wenn ein Lead da ist, sind wir dabei.“ Zu oft kommt dieser Lead nie. Genau dort setzen wir an – auch wenn das Verantwortung bedeutet.

Sie kritisieren offen die starke Orientierung Europas an den USA. Warum?

Weil Europa seit Jahren versucht, ein Innovations- und Exitsystem zu kopieren, das historisch und wirtschaftlich nicht zu uns passt. Wir schauen auf das Silicon Valley oder Boston und leiten daraus ab, dass nur IPOs oder Milliardenexits als Erfolg gelten – das halte ich für gefährlich. Europa hat andere strukturelle Stärken: exzellente ­Forschung, starke Kliniken, Industrie und einen innovationshungrigen Mittelstand. Diese Stärken werden im aktuellen Narrativ zu wenig berücksichtigt.

Was läuft aus Ihrer Sicht konkret falsch?

Wir sind sehr gut darin, Grundlagen­forschung zu fördern, und gleichzeitig stark fixiert auf das Ideal des Unicorns. Was fehlt, ist die Mitte: Unternehmen, die aus Forschung marktfähige Produkte entwickeln und für 100 Mio. oder 300 Mio. EUR verkauft werden können. Genau diese Exits tragen ein Innovationssystem. Unicorns sind wichtig, aber sie dürfen nicht das einzige Ziel sein. Ein dreistelliger Millionenexit kann für Investoren ein exzellenter Return sein – und genau solche Unternehmen sind für den europäischen Mittelstand attraktive Übernahmeziele.

Wie übersetzen Sie diese Haltung in konkrete Investments?

Wir investieren sehr frühphasig in Healthtech, Biotech, Life Sciences und Deeptech. Hinzu kommen Smart Health Systems, also KI-gestützte Versorgung, ­Automatisierung und Simulation. Beispiele sind Virtonomy oder Sonia AI. Dort entstehen heute Produkte, die vor fünf Jahren technisch noch nicht möglich waren und in kurzer Zeit realen Wert schaffen.

Das Interview mit Herrn Dr. Andreas Schmidt, Co-Founder, Springboard Health Angels, ist in der aktuellen Plattform Life Sciences-Ausgabe „Investoren in Life Sciences“, 2 Jg., erschienen. Titelbild. Copyright: Phoenix AI Photo – stock.adobe.com

Das klingt nach hoher technologischer und regulatorischer Komplexität. Warum trauen Sie sich das zu?

Weil wir keine reinen Finanzinvestoren sind. Viele von uns haben selbst Unternehmen aufgebaut, Exits verhandelt oder ­waren in C-Level-Positionen in Pharma- oder Technologieunternehmen tätig. Wenn wir investieren, gibt es fast immer jemanden im Netzwerk, der genau dieses ­Geschäftsmodell bereits operativ verantwortet hat. Diese Erfahrung fließt direkt in die Begleitung der Start-ups ein.

s

Was ist Ihre zentrale These zur Zukunft des europäischen Innovationssystems?

Das größte Risiko ist nicht Risikokapital – das größte Risiko ist, nicht in Innovation zu investieren. Wenn Europa wettbewerbs­fähig bleiben will, muss es aufhören, fremde Modelle zu kopieren, und anfangen, eigene Systeme konsequent aufzubauen. Dazu ­gehört, Erfolg breiter zu definieren. Wir brauchen nicht nur ein paar spektakuläre Ausnahmen, sondern ein funktionierendes Ökosystem mit unterschiedlichen Unternehmensgrößen und Exitpfaden. Kurz ­gesagt: Wir brauchen nicht nur Einhörner, sondern den ganzen Zoo.

Herr Dr. Schmidt, herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Urs Moesenfechtel.

Autor/Autorin

Redaktionsleiter Plattform Life Sciences at  | Website

Urs Moesenfechtel, M.A., ist Redaktionsleiter der Plattform Life Sciences und gehört zum Redaktionsteam der Kapitalmarkt-Plattform GoingPublic (GoingPublic, HV Magazin, www.goingpublic.de). Urs beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Themenfeldern Biotechnologie und Bioökonomie und war u.a. bereits als Wissenschaftsredakteur für mehrere Forschungseinrichtungen tätig.