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Weltweit wird der Cannabisbranche in den kommenden Jahren ein enormes Wachstum zugeschrieben. Grund sind vor allem regulatorische Veränderungen, die eine Nutzung von medizinischem Cannabis in verschiedenen Segmenten künftig erleichtern sollen. Von Holger Garbs

 

Das Thema ist prominent besetzt: Personen des öffentlichen Lebens, wie der Fußballprofi Mario Götze, der TV-Moderator Klaas Heufer-Umlauf oder das Topmodel Stefanie Giesinger – sie alle haben im Dezember vergangenen Jahres im Rahmen einer erweiterten Pre-Series-A-Finanzierung in das Berliner Start-up Sanity Group investiert. Schon zu Beginn 2020 hatte das Start-up 20 Mio. EUR von Investoren erhalten; vor wenigen Monaten kamen dann noch einmal 4 Mio. EUR dazu. Geschätzt wird vor allem das medizinische Potenzial von Cannabidiol (CBD). Dabei handelt es sich um ein nicht-psychoaktives Cannabinoid, welches aus dem weiblichen Hanf (Cannabis) gewonnen wird. Leistungssportlern dient es zur Regeneration bei Muskelverletzungen. Auch im Wellnessbereich sowie als Nahrungs­ergänzungsmittel kommen Cannabisprodukte zunehmend zum Einsatz. Natürlich haben Investitionen von Prominenten mitunter einen angenehmen Marketingeffekt für das jeweilige Produkt – denn obwohl Anbau und Nutzung von medizinischem Cannabis aktuell einen Boom erleben, wird das Thema weiterhin lebhaft diskutiert.

Cannabis mit langer Tradition

Indes wird für die erste Jahreshälfte 2021 die erste Ernte des erstmalig in Deutschland angebauten Cannabis erwartet. Auf 18,3 Tonnen schätzt der Internationale Suchtstoffkontrollrat (INCB) den diesjährigen Bedarf der Bundesrepublik an medizinischem Cannabis. Dabei wird die Cannabis sativa, eine der ältesten und vielseitigsten Kulturpflanzen, seit über 5.000 Jahren von Menschen genutzt: von der Faserherstellung über Samen als Nahrungs- und Futtermittel bis hin zu Ölen für Lebensmittel und technische Anwendungen. Auch in der Medizin fand die Pflanze weithin Verwendung, etwa bei der Behandlung von Schmerzen, Depressionen und Übelkeit sowie weiteren Symptomen. Jahrzehntelang standen Cannabis und Cannabisharz auf der Verbotsliste der UN; im vergangenen Jahr wurde das Verbot schließlich aufgehoben. Auch von der Europäischen Kommission wird der Wirkstoff CBD nicht mehr als Betäubungsmittel deklariert. Die Entscheidungen zur Legalisierung von Cannabis können in Zukunft weitere biotechnologische und medizinische Forschungen in diesem Bereich ermöglichen. Die gezielte biotechnologische Synthese der 120 aktuell bekannten Cannabinoide, die nur in geringen Mengen in der Pflanze vorkommen, kann die derzeitigen Grenzen bei der Untersuchung des pharmakologischen Profils und der Wirkungen überwinden. Biotechnologische Produktionswege und daraus resultierende Synergieeffekte mit aktuellsten Extraktions- und Produktionsverfahren sollen die Entdeckung möglicher weiterer positiver Effekte dieser Moleküle vorantreiben.

Wirtschaftliche Vorteile durch Legalisierung

Seit 2017 stehen in Deutschland Cannabisprodukte für medizinische Zwecke zur Verfügung. In Kanada und einigen US-Staaten ist Cannabis als Genussmittel inzwischen legalisiert. Aktuell macht das nicht-psychotrope CBD etwa 50% des weltweiten Umsatzes der Hanfindustrie aus. Der Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung vom November 2019 weiß zu berichten, dass jeder fünfte Jugendliche bereits Cannabis konsumiert hat. In der Altersgruppe der 18- bis 25-Jährigen lag der Anteil sogar bei über 40%. Eine weitere Legalisierung von Cannabis könnte den deutschen Staat also auch erhebliche Steuereinnahmen bescheren. Der Health Report 2022 zitiert aus einer Analyse des US-Marktforschungsunternehmens BDSA, wonach der globale Umsatz im legalen Cannabismarkt von 19,7 Mrd. USD für das Jahr 2020 auf 47,2 Mrd. USD anno 2025 steigen könnte. Die häufigste Anwendung von Medizinalcannabis (THC) findet sich in der Schmerzbehandlung, nämlich mit rund 72%. In 11% der Fälle wird THC an Spastiker verschrieben. 7% machen Fälle von Magersucht aus, weitere 4% werden in Fällen von Übelkeit verschrieben, etwa im Rahmen von Chemotherapien. Auch bei ­Depressionen oder Migräne kommt THC zum Einsatz.

Wachstumsmarkt Deutschland

Umso attraktiver erscheinen daher Investments in Cannabisproduzenten und andere Teilhaber des entsprechenden Geschehens. Beispielhafte Namen sind etwa die kanadischen Unternehmen Canopy Growth, Aurora Cannabis oder Tilray sowie die britische GW Pharmaceuticals oder eben das deutsche Start-up Sanity Group. Interessante Firmen, die in den vergangenen Jahren auch durch erfolgreiche Finanzierungsrunden auf sich aufmerksam gemacht haben, sind auch Emmac Life Sciences, Cannamedical, Cansativa, Farmako (2019 durch AgraFlora übernommen) oder das britische Unternehmen Cannaray. „Erstmals seit über 80 Jahren können Investoren heute ganz legal in Cannabisproduzenten investieren“, erklärt Kingsley Wilson, Investmentpartner bei Verdite Capital. Die Venture-Capital-Gesellschaft plant derzeit einen neuen Fonds, der künftig in Cannabisprojekte in der DACH-Region investieren soll. Noch im März soll ein First Closing bei 100 Mio. USD verkündet werden. „In den kommenden sechs Monaten wollen wir dann weitere 100 Mio. USD für unseren Fonds gewinnen“, so Wilson. Mit seinem Kapital könnte sich Verdite Capital kurzfristig zum größten in Europa ansässigen Fonds entwickeln, der sich auf medizinisches Cannabis konzentriert – bei Investitionen über 5 Mio. bis 20 Mio. USD pro Investment. „Bislang wurde die Branche von vermögenden Anlegern und Family-Office-Kapital unterstützt“, sagt Wilson. „Jetzt kommt eine neue Welle von institutionellem Kapital, die den Sektor durch die nächste Wachstumsphase führen soll.“ Bis heute hat das 2017 gegründete Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) 13 Anbaulizenzen an drei verschiedene Unternehmen sowie weitere Importlizenzen an Vertreiber erteilt, die Produkte aus anderen regulierten Märkten importieren dürfen. Die Regulierung bietet einen Rahmen für Nutzung, Qualitätskontrolle, Forschung und Entwicklung. Insbesondere „Deutschland hat eine Vorreiterrolle übernommen und ist nun der größte medizinische Cannabismarkt in Europa“, so Wilson. Man stehe jedoch erst am Anfang des Wachstums. „Die wichtigste fehlende Zutat ist die Möglichkeit für neue medizinische Cannabisunternehmen in Europa, Wachstumskapital zu erhalten, um bis 2025 eine legale medizinische Cannabisindustrie im Wert von 3,9 Mrd. USD in ­Europa aufzubauen“, sagt Penny McDermid, Investmentpartnerin bei Verdite Capital. „Investoren und Unternehmen können jetzt ganz legal in M&A-Geschäfte auf dem Cannabissektor investieren. Die Qualität der deutschen Cannabis­unternehmen ist enorm“, so McDermid.

Fazit

Zwar ist der medizinische Nutzen von Cannabis inzwischen unbestritten – doch Investitionen hängen eben auch von politischen Gegebenheiten, also der weiteren Legalisierung des Cannabismarkts ab. Zudem befinden sich vielzählige junge Unternehmen der Branche noch immer in der Wachstumsphase. Hier kann es zu Marktkonsolidierungen kommen, an deren Ende vor allem kleinere Player das Nachsehen haben können – und mit ihnen Investoren und Anleger. Ein interessantes Segment für Kapitalgeber bleibt der ­Cannabismarkt in jedem Fall.

Über den Autor

Holger Garbs ist seit 2008 als Redakteur für die GoingPublic Media AG tätig. Er schreibt für die Plattform LifeSciences und das VentureCapital Magazin.