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Der US-Pharmakonzern Eli Lilly sichert dem Dresdner Gene-Editing-Spezialisten Seamless Therapeutics aus Dresden bis zu 1,12 Mrd. USD zu. Im Interview ordnet CEO Albert Seymour ein, warum die Kooperation weniger auf einen schnellen Produktpfad als auf die industrielle Validierung einer neuen Gene-Editing-Plattform zielt. Von Urs Moesenfechtel

 

Seamless Therapeutics aus Dresden hat heute eine strategische globale Forschungs- und Lizenzkooperation mit Eli Lilly bekannt gegeben. Ziel der Zusammenarbeit ist die Entwicklung programmierbarer rekombinasebasierter Therapeutika für genetisch bedingte Formen von Hörverlust. Das Gesamtvolumen der Vereinbarung kann sich – einschließlich entwicklungs- und kommerzialisierungsabhängiger Meilensteinzahlungen – auf über 1,12 Mrd. USD belaufen. Eingeschlossen darin sind garantierte, nicht näher bezifferte Vorauszahlung sowie vertraglich zugesagte Forschungs- und Entwicklungsfinanzierung; gestaffelte Umsatzbeteiligungen im Erfolgsfall sind in dieser Summe nicht enthalten.

Bemerkenswert ist die Höhe des potenziellen Dealvolumens vor allem mit Blick auf den Entwicklungsstand der Technologie. Vereinbarungen im Milliardenbereich sind im Gene-Editing-Sektor bislang vor allem ausgereiften CRISPR-Plattformen vorbehalten. Dass Eli Lilly eine vergleichbare Größenordnung bereits für eine präklinische Rekombinase-Technologie in Aussicht stellt, unterstreicht den strategischen Charakter der Kooperation.

Über das konkrete Hörverlust-Programm hinaus markiert die Kooperation einen seltenen Moment für die deutsche Biotechlandschaft. Mit Seamless bindet Eli Lilly eine frühe, hochspezialisierte Gene-Editing-Plattform aus Deutschland langfristig in seine globale Entwicklungsstrategie ein – und belässt den technologischen Kern bewusst am Standort Dresden.

Für Lilly steht der Deal exemplarisch für eine Innovationsstrategie, die weniger auf vollständige Internalisierung als auf funktional verteilte Partnerschaften setzt: Plattformentwicklung extern, klinische Translation intern. Für den deutschen Biotech-Sektor ist dies ein Signal, dass Deep-Tech-Expertise aus einem akademisch geprägten Umfeld nicht nur Anschluss findet, sondern als eigenständiger Kompetenzanker Teil internationaler Entwicklungsprogramme werden kann – auch jenseits der etablierten CRISPR-Pfade.

Wir sprachen mit CEO Dr. Albert Seymour über den Milliarden-Deal.

Plattform Life Sciences: Herr Dr. Seymour, frühe Plattformkooperationen werden häufig bewusst klein strukturiert. Warum geht Lilly hier dennoch ein vergleichsweise großes finanzielles Commitment ein?

Dr. Seymour: Das liegt an unserer Technologie. Unsere programmierbaren Rekombinase-Systeme ermöglichen gezielte genomische Veränderungen, einschließlich des Austauschs oder der Integration größerer DNA-Segmente. Der potenzielle Vorteil liegt darin, solche Veränderungen gezielt und präzise vorzunehmen, ohne auf zelluläre DNA-Reparaturmechanismen angewiesen zu sein. Dieses Profil wurde in den Gesprächen als interessant bewertet, und Lilly sieht darin ein Potenzial, das weiter untersucht werden soll.

Dr. Albert Seymour, CEO, Seamless Therapeutics. Copyright Foto: Seamless Therapeutics
Dr. Albert Seymour ist Präsident, CEO und Managing Director der Seamless Therapeutics GmBH und Mitglied des Board of Directors. Im Laufe seiner Karriere in der Humangenetik sowie der pharmazeutischen Forschung und Entwicklung leitete er bei Homology Medicines das Programm zur Behandlung der Phenylketonurie (PKU).
Zuvor hatte Dr. Seymour verschiedene leitende Führungspositionen bei Shire Pharmaceuticals und Pfizer inne. Darüber hinaus ist er Mitglied des Board of Directors von Ensoma und Iris Medicine. Dr. Seymour erwarb seinen Bachelorabschluss (BSc) in Biologie an der University of Delaware sowie seinen Masterabschluss (MSc) in Molekularbiologie an der Johns Hopkins University. Seine Promotion sowie seine postdoktorale Ausbildung im Bereich Humangenetik absolvierte er an der University of Pittsburgh. Copyright Foto: Seamless Therapeutics

Seamless ist aus akademischer Forschung hervorgegangen. Können Sie diesen Ursprung einordnen – und erklären, was sich seitdem verändert hat? 

Die wissenschaftlichen Grundlagen wurden in der akademischen Forschung gelegt, insbesondere durch Arbeiten von Prof. Dr. Frank Buchholz und Dr. Felix Lansing an der TU Dresden. Dort wurde gezeigt, dass Rekombinasen prinzipiell durch gezielte Evolution umprogrammiert werden können. Der Übergang von akademischer Machbarkeit zu industrieller Anwendbarkeit war jedoch der entscheidende Schritt für Seamless. Klassische Rekombinasen sind hochspezifisch, aber kaum flexibel einsetzbar. Unser Fokus liegt darauf, diese Enzyme reproduzierbar programmierbar zu machen und den Entwicklungsprozess zu industrialisieren. Während die Entwicklung früher bis zu zwei Jahre dauern konnte, liegt der Zeitrahmen heute bei etwa sechs Monaten.

Rekombinasen gelten im Vergleich zu CRISPR-Systemen als technisch anspruchsvoll, aber potenziell präziser. Wie positionieren Sie Ihre Plattform im Verhältnis zu CRISPR-basierten Ansätzen?

CRISPR-Systeme sind sehr leistungsfähig für punktuelle Veränderungen oder Schnitte im Genom. Unser Ansatz adressiert Fragestellungen, bei denen größere genomische Veränderungen erforderlich sind – etwa der Austausch ganzer Exons oder größerer DNA-Segmente. Rekombinase-basierte Ansätze sind dabei unabhängig von den DNA-Reparaturwegen der Zelle, was in bestimmten Kontexten Vorteile haben kann. Wir sehen die Plattform daher nicht als Ersatz, sondern als komplementären Ansatz.

Wie belastbar ist der aktuelle Stand der Technologie jenseits des konzeptionellen Rahmens?

Wir befinden uns weiterhin in einer frühen präklinischen Phase. Intern konnten wir zeigen, dass programmierte Rekombinasen gezielte genomische Veränderungen ermöglichen, einschließlich größerer struktureller Integrationen, und dass diese Eingriffe funktionell wirksam sind. Diese Daten haben wir noch nicht öffentlich präsentiert. Derzeit bauen wir entsprechende Datensätze auf, über die wir im Laufe des Jahres sprechen wollen.

Die Zusammenarbeit mit Lilly fokussiert sich auf genetisch bedingten Hörverlust, ein Anwendungsfeld, das bislang kein eigenständiger Schwerpunkt Ihrer internen Programme war. Wie kam es dennoch zu dieser Indikationswahl?

Hörverlust war kein eigenständiges internes Programm bei Seamless, da unsere Plattform grundsätzlich indikationsagnostisch aufgebaut ist. Im Austausch mit Lilly wurde dieser Bereich jedoch als klar definierte, strategisch relevante Anwendung identifiziert, bei der sich unsere Technologie prinzipiell einsetzen lässt. Die Partnerschaft erlaubt es uns, die Plattform in einem Bereich anzuwenden, der nun gemeinsam priorisiert wird, während Lilly die entsprechende Krankheitsbiologie- und Entwicklungsexpertise einbringt.

Seamless ist mit etwas mehr als 20 Mitarbeitenden ein relativ kleines Unternehmen. Wie vermeiden Sie, in einer Partnerschaft dieser Größenordnung strukturell an Einfluss zu verlieren?

Die Zusammenarbeit ist klar strukturiert. Es gibt gemeinsame Forschungs- und wissenschaftliche Ausschüsse, in denen frühe Entscheidungen gemeinsam getroffen werden. Sobald ein Rekombinase-System definiert ist, übernimmt Lilly die präklinische und klinische Entwicklung. Das reflektiert die jeweiligen Kernkompetenzen. Unser Fokus liegt bewusst auf der Technologie. Dabei ist Dresden der Standort, an dem das zentrale Know-how zur Programmierung und Evolution der Rekombinasen aufgebaut wurde, und genau dort liegt unsere technologische Kernkompetenz. Diese Struktur ist bewusst so gewählt und derzeit nicht zur Disposition gestellt. Für Lilly ist entscheidend, dass diese Expertise dort bleibt, wo sie entstanden ist, während Lilly seine Stärken in Krankheitsbiologie, präklinischer Entwicklung, Klinik und Zulassung einbringt. Die Zusammenarbeit folgt damit einer klaren funktionalen Logik: Technologieentwicklung bei Seamless, Translation und Entwicklung bei Lilly.

Aktienkurs Eli Lilly am 28.1.26, 13:25 Uhr. Copyright: stock3.com
Aktienkurs Eli Lilly am 28.1.26, 13:25 Uhr. Copyright: stock3.com

Die Kooperation entsteht in einem derzeit angespannten Finanzierungsumfeld. Welche Rolle spielte Ihre bestehende Kapitalbasis in den Verhandlungen?

Seamless ist auch unabhängig von dieser Kooperation gut finanziert, unter anderem durch Forbion, Wellington Partners und UCB Ventures. Wir standen daher nicht unter unmittelbarem Finanzierungsdruck. Die Gespräche mit Lilly wurden auf Basis der wissenschaftlichen Fragestellungen geführt.

Ab wann wäre diese Kooperation aus Ihrer Sicht mehr als ein gut finanzierter Technologie-Test?

Für Seamless ist die Zusammenarbeit bereits wirtschaftlich sinnvoll. Darüber hinaus wäre ein einzelnes erfolgreiches therapeutisches Programm mit klinischem Nutzen ein signifikanter Erfolg. Ob und wann dieser Punkt erreicht wird, hängt vom Verlauf der präklinischen und klinischen Entwicklung ab.

Wann lässt sich realistisch beurteilen, ob diese Plattform den Sprung in die Klinik schafft?

Solche Programme benötigen Zeit. Selbst bei seltenen Erkrankungen kann es acht bis zehn Jahre dauern, bis ein Produkt den Markt erreicht. Wir treffen bewusst keine Abkürzungsannahmen. Am Ende werden die Daten entscheiden.

Große Plattformdeals werden häufig auch als Vorstufe zu einem Exit interpretiert. Ist diese Partnerschaft eher als langfristige Kooperation oder als möglicher Integrationspfad zu verstehen?

Wir haben uns nicht auf ein bestimmtes strukturelles Szenario festgelegt. Unser Fokus liegt darauf, die Technologie weiterzuentwickeln und ihre Leistungsfähigkeit zu demonstrieren – sowohl in Partnerschaften als auch in eigenen Programmen. Alles Weitere würde sich aus den Daten ergeben.

Herr Dr. Seymour, herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Urs Moesenfechtel.

Autor/Autorin

Redaktionsleiter Plattform Life Sciences at  | Website

Urs Moesenfechtel, M.A., ist seit 2021 Redaktionsleiter der GoingPublic Media AG - Plattform Life Sciences und für die Themenfelder Biotechnologie und Bioökonomie zuständig. Zuvor war er u.a. als Wissenschaftsredakteur für mehrere Forschungseinrichtungen tätig.