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Dr. Peter Reff, Senior Medical Expert, KfW, Geschäftsbereich Entwicklungsbank

Die Anwendung von Telemedizin setzt sich in Deutschland schrittweise weiter durch. Der Einsatz moderner Informations- und Kommunikationstechnologien im Gesundheitswesen ist weltweit eine bedeutende Entwicklung mit großem Potenzial, die gesundheitliche Versorgung besser und effektiver zu gestalten. Einerseits bieten vielfältige innovative Ansätze die Möglichkeit, moderne Medizin auch außerhalb von Zentren mit direktem Zugriff auf medizinische Expertise anzubieten und die Qualität der Versorgung in der Fläche zu verbessern, andererseits besteht infolge Ärztemangel der Zwang, mithilfe technischer Lösungen Engpässe zu vermeiden und überhaupt eine flächendeckende, qualitativ hochwertige Versorgung zu gewährleisten.

Damit ist Telemedizin ein Wachstumsmarkt, in dem die Innovationskraft der deutschen Gesundheitswirtschaft zur Geltung kommt und im internationalen Wettbewerb einen komparativen Vorteil besitzt. Seitens der Anbieter wird allerdings bemängelt, dass die Gestaltungsräume für einen stärkeren Einsatz der Telemedizin nicht ausgeschöpft werden.

Im Rahmen des nationalen Fachkongresses der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin, der Ende Oktober stattfand, wurde auch ein kurzes Schlaglicht auf den Einsatz der Telemedizin in Entwicklungsländer geworfen. Ein wesentliches entwicklungspolitisches Ziel der Entwicklungszusammenarbeit im Gesundheitssektor ist es, den Zugang zu qualitativen Dienstleistungen, insbesondere für arme und benachteiligte Bevölkerungsgruppen im ländlichen Raum, zu verbessern. Genau hierfür bietet die Telemedizin ein großes Potenzial.

Eklatanter Mangel an fachärztlicher Expertise auf Distrikt- und kommunaler Ebene ist ein durchgängiges Phänomen in allen Entwicklungsländern. Die Anbindung peripherer Gesundheitseinrichtungen an nationale „Center of Excellence“ mittels angepasster telemedizinischer Applikationsformen kann mit Sicherheit zur Steigerung der qualitativen Versorgung in der Fläche beitragen. Gleichzeitig kann die Akzeptanz und Nutzung peripherer Einrichtungen erhöht werden – die Umgehung kommunaler Krankenhäuser bzw. Gesundheitsstationen und die Überlastung der Krankenhäuser auf Provinzebene bzw. zentraler Ebene mit ineffizientem „case-mix“ ist ebenfalls weit verbreitet in Entwicklungsländern.

Effizienzsteigerung
Es lässt sich noch eine Reihe weiterer positiver Beiträge zur Effizienz- und Effektivitätssteigerung des Gesundheitssystems durch Telemedizin anführen. Kosten, die gerade auch den Patienten durch unnötige Überweisungen in entfernte Krankenhäuser entstehen, können vermieden werden, bei Unfällen und Notfallbehandlungen kann zeitnah behandelt und die Mortalitätsrate gesenkt werden. Außerdem sind Entwicklungsländer oft auch Krisen- und Konfliktländer. Telemedizin ermöglicht hier u.U. die Aufrechterhaltung qualitativer Versorgung auch in abgelegenen, abgeschnittenen oder nur unter hohem Risiko zu erreichenden Einrichtungen. Positive Beispiele hierfür finden sich in Afghanistan und Pakistan im Gesundheitsnetzwerk der Aga Khan Stiftung.

Darüber hinaus können telemedizinische Applikationsformen im Bereich Aus- und Weiterbildung ein wichtiger Anreizpunkt sein, die Attraktivität peripherer Gesundheitseinrichtungen für das medizinische Personal zu erhöhen, indem dort auch – zumindest teilweise – eine qualifizierte Fort- und Weiterbildung ermöglicht wird.

Foto: PantherMedia / Christos Georghiou

Sicherlich ist Telemedizin in Entwicklungs- und Schwellenländern kein neues Thema – in fast allen Ländern lassen sich Beispiele unterschiedlichster Applikationsformen finden. So betreibt z.B. die indische Krankenhaus-Kette Apollo ein Krankenhaus in Kathmandu, Nepal, das wiederum telemedizinisch mit Spezialkrankenhäusern in Indien verbunden ist. Hier, wie auch in den meisten anderen Fällen, ist Telemedizin vorwiegend im privaten Sektor zu finden und dient in erster Linie der Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit.

Dem offensichtlichen Potenzial der Telemedizin, auch im öffentlichen Sektor flächendeckend und strukturbildend wirksam zu ein, stehen natürlich – ähnlich wie in Deutschland – diverse Herausforderungen gegenüber.

Fehlende Planungskapazitäten
Die durch den Systemcharakter bedingte Komplexität verlangt Planungskapazitäten, die in Entwicklungsländern kaum vorhanden sind; ebenso fehlen meist Normen und Standards, und rechtliche Rahmenbedingungen – z.B. hinsichtlich Datenschutz – sind oft unklar. Eine wesentliche Herausforderung ist das fehlende Anreizsystem zur Etablierung und Akzeptanz von Telemedizin in öffentlichen Krankenhäusern, da es durchgehend keine Vergütungsstrukturen für telemedizinische Leistungen gibt und andererseits u.U. erhebliche Belastungen zur Deckung der Betriebskosten entstehen können. Darüber hinaus gibt es bislang keine plausiblen Kosten-Nutzen-Rechnungen, die für den Dialog mit den politischen Entscheidungsträgern herangezogen werden könnten. Problematisch ist natürlich auch die Verfügbarkeit von qualifiziertem Personal in entlegenen Krankenhäusern zur Pflege der Systeme und auch generell die Infrastruktur für geeignete Übertragungstechniken.

Ausblick
Es ist zu hoffen, dass sich im Dialog mit den Entwicklungsländern angepasste Lösungen finden, die es ermöglichen, durch Pilotvorhaben ein Momentum zu generieren und initial finanziell geförderte Projekte auch den Weg in die Routineanwendung finden. Es gibt einige konkrete Ansätze, wie z.B. in Vietnam und Zentralasien, bei denen das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) über die KfW Telemedizin fördern will. Eine gemeinsame Aufgabe mit den Partnerländern ist, zügig zur Umsetzung zu kommen und belastbare Daten hinsichtlich Wirkung und Kosten-Nutzen-Analysen zu erhalten.