Innovative Krebsmedizin

Neue Ansätze für „unbehandelbare“ Mutationen

Bildnachweis: Amgen.

In der COVID-19-Pandemie ist sowohl das Wissen als auch das Interesse der Bevölkerung an der medizinischen Forschung und Entwicklung gestiegen. Fast drei Viertel der Befragten geben in einer Amgen-Umfrage von April 2021 an, dass sie durch die Berichterstattung während der Pandemie mehr über Arzneimittelforschung und verschiedene Therapieansätze wissen als noch vor einem Jahr. Bei knapp sieben von zehn Deutschen ist in diesem Zeitraum auch das Interesse an innovativen Therapieansätzen zur Bekämpfung von Krankheiten deutlich gewachsen. Von Manfred Heinzer

 

Wissen schafft Vertrauen. Das zeigt auch die Umfrage: Jeder Zweite hat seit Corona spürbar mehr Vertrauen in neue, innovative Therapieansätze – und forschende Pharmaunternehmen haben bei zwei Dritteln der Bevölkerung an Ansehen gewonnen.[1]

Mehrwert der medizinischen Forschung

Der Mehrwert der medizinischen Forschung ist breiten Bevölkerungsschichten durch die Pandemie deutlich geworden. Ihnen wurde bewusst, wie wichtig es ist, von den Fortschritten in der Medizin ohne Verzögerungen profitieren zu können. Die Pandemie hat uns ebenfalls vor Augen geführt, dass Fortschritte in der Medizin auf jahrzehntelanger Forschung und damit verbunden auf hohen Investitionen beruhen. Wir bei Amgen investieren jährlich rund 17% unseres Umsatzes in Forschung und Entwicklung. Dies entspricht dem Durchschnitt unserer Branche und zeigt, wie hoch das Investitionsniveau im Pharma- und Biotechnologiesektor ist. Diese Forschungsinvestitionen bergen große Risiken, weil erfahrungsgemäß eine Vielzahl der Projekte nicht über das Forschungsstadium hinauskommt und dieser Prozess bis zu einer Zulassung zehn und mehr Jahre dauern kann.

Vor diesem Hintergrund ist es für jedes Unternehmen essenziell, seine Innovationen zu sichern. Um weiterhin schwere Erkrankungen erforschen sowie neue und innovative Therapien entwickeln zu können, müssen Patente konsequent geschützt und verteidigt werden. Patente sind die Voraussetzung wie auch Grundlage für den medizinischen Fortschritt – und medizinischer Fortschritt ist im Sinne aller Patient:innen.

Fortschritte im Kampf gegen Krebs

Am Beispiel der Onkologie lässt sich der medizinische Fortschritt der vergangenen Jahre ausgezeichnet illustrieren. Eine Prognose zur Krebssterblichkeit in der EU aus diesem Jahr zeigt, dass die Todesfälle bei den meisten Krebsarten 2021 im Vergleich zu 2015 sinken.[2] Prävention, neue Diagnosemöglichkeiten und innovative Therapien zeigen Wirkung.

Biopharmazeutika haben in der Onkologie einen Anteil von 43% am Gesamtpharmamarkt, so der aktuelle Biotech-Report des Verbands der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa).[3] Seit zehn Jahren nimmt die Onkologie zudem die Spitzenposition in der biotechnologischen Forschung ein. 39% aller Wirkstoffkandidaten in der aktuellen Pipeline sind für die Krebstherapie bestimmt. Diese Zahlen des vfa-Branchenreports stehen nicht nur für den Stellenwert von Biopharmazeutika im Kampf gegen Krebs, sondern auch für sehr hohe und kontinuierliche Investitionen in die biotechnologische Krebsforschung.

„Biology first“ und personalisierte Medizin

Ein wichtiger Aspekt der Forschung und Entwicklung bei Amgen ist es, die biologischen Mechanismen von Erkrankungen zu verstehen. Wir verfolgen einen „Biology-first-Ansatz“. Das heißt, unsere Wissenschaftler:innenr erforschen zunächst die komplexen molekularen Mechanismen einer Erkrankung. Auf dieser Grundlage entscheiden sie über den Ansatz bzw. den Wirkstoff, der den größten Erfolg gegen die Krankheit haben könnte. Je besser das Verständnis der Erkrankung, desto gezielter kann der therapeutische Eingriff sein und desto höher ist die Aussicht auf hohe Effektivität und weniger Nebenwirkungen. Dank der Forschung wissen wir bereits viel über die Entstehung von Krebs, über Auslöser von Mutationen und über Unterschiede bei molekularen Veränderungen. Die Arzneimittelentwicklung nutzt dieses Wissen, und es entstehen Therapien, die auf tumorspezifische Mutationen abzielen. Die Kurve der identifizierten Angriffspunkte, an denen Therapien ansetzen können, wächst stetig. Und auch die Zahl der definierten Biomarker steigt. Durch Biomarkertests werden die Targets für eine individuelle Krebstherapie erkannt.

Mutationsstatus für die richtige Therapie

Ein wichtiger Schritt in der personalisierten Medizin war die Entdeckung des RAS-Gens. 2008 haben Forscher:innen von Amgen erkannt, dass Patient:innen mit fortgeschrittenem Darmkrebs abhängig vom RAS-­Mutationsstatus auf bestimmte Wirkstoffe reagieren. Nur bei einem sogenannten RAS-Wildtyp ist eine individuelle Therapie erfolgversprechend. Schon vor Beginn der Krebstherapie vorhersagen zu können, ob Betroffene auf das Arzneimittel ansprechen – das war damals eine Sensation. Und auch heute ist die Analyse des RAS-Status eine wichtige Voraussetzung für die Therapieentscheidung.

Neuer Ansatz für „unbehandelbare“ Mutation

Als „undruggable“, also als unbehandelbar, galt bisher die KRAS-Mutation. Über 40 Jahre wurde diese spezielle Krebsmutation erforscht, ohne einen Durchbruch zu erzielen. Sie kommt vor allem bei Lungenkrebs wie auch bei Darmkrebs und bei soliden Tumoren vor. In gesunden Zellen ist das KRAS-Protein ein zentrales Element in Signalketten, die z.B. das Wachstum von Zellen regulieren. Mutierte KRAS-Proteine können die normale Signalübertragung stören und die Entstehung von Krebs fördern.

Forscher:innen von Amgen ist es gelungen, ein Target auszumachen. Sie entdeckten auf der Oberfläche des G12C-mutierten KRAS-Proteins eine kleine Tasche, an der ein Inhibitor binden, interagieren und die krebsfördernde Signalübertragung verhindern kann. Diese Entdeckung ermöglicht es, zielgerichtete Therapien für diese spezielle Krebsmutation zu entwickeln.

Unterstützung der T-Zellen

Einen innovativen Ansatz in der zielgerichteten Krebsmedizin hat das Forschungsteam am Münchner Forschungsstandort, der Amgen Research (Munich) GmbH, entwickelt. Die BiTE-Moleküle ­(Bi-specific T-cell Engager) helfen den körpereigenen Abwehrzellen, Krebszellen zu bekämpfen: Denn die meisten T-Zellen sind gegen andere gefährliche Viren und Organismen gerichtet, erkennen aber keine Krebszellen. BiTE-Moleküle wirken wie Brillen, durch die auch diese große Mehrheit der T-Zellen, die für Krebszellen blind sind, die Zellen einer bestimmten Krebsart erkennen und zerstören können. Gegen welche Krebsart ein bestimmtes BiTE-Molekül auf diese Weise praktisch alle T-Zellen im Körper dirigieren kann, richtet sich nach der Zielstruktur auf der Krebszellenoberfläche, an die dieses BiTE-Molekül bindet. Prinzipiell können BiTE-Moleküle viele Tumorantigene bei verschiedenen Krebsarten ins Visier nehmen.

Nutzen-Kosten-Debatte

Der Mehrwert der innovativen Krebsmedizin ist eindeutig: Krebs als Todesursache nimmt seit Jahren bei zahlreichen Krebsindikationen ab. Schwerkranke Menschen gewinnen durch neue Arzneimittel an Lebensqualität und häufig auch an Lebenszeit. Der medizinische Fortschritt geht weiter und viele Krebserkrankungen werden chronischen Charakter annehmen. Dieser Wert, den innovative Arzneimittel für Betroffene und die Gesellschaft erbringen, sollte im Fokus stehen. Dann zeigt sich deutlich, dass die Kosten im Verhältnis zum Mehrwert vertretbar sind.

 

ZUM AUTOR

Seit September 2020 ist Manfred Heinzer VP & General Manager der Amgen GmbH in München. Als führendes unabhängiges Biotechnologieunternehmen ist Amgen mit etwa 24.000 Mitarbeiter:innen in fast 100 Ländern vertreten. Deutschland ist für Amgen außerhalb der USA der zweitwichtigste Markt sowie ein wesentlicher Forschungsstandort.

[1] Amgen (2021): Sichere Arzneimittelversorgung: Die Bedeutung des Forschungs- und Produktionsstandorts. Marktforschungsinstitut Toluna, April 2021

[2] Carioli, G. et al. (2021): European cancer mortality predictions for the year 2021 with focus on pancreatic and female lung cancer. In: Annals of Oncology, online veröffentlicht 21.02.2021, https://doi.org/10.1016/j.annonc.2021.01.006

[3] Boston Consulting Group, vfa bio – Verband Forschender Arzneimittelhersteller e.V. (2021): Biotech-Report „Medizinische Biotechnologie in Deutschland 2021“