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Die Coronavirus-Pandemie trifft auf eine Weltgemeinschaft ohne historische Immunität. Der Kampf gegen die schweren gesundheitlichen und ökonomischen Folgen wird an mehreren Fronten ausgefochten. Zum einen sollen flächendeckend angewendete diagnostische Schnelltests infizierte Personen identifizieren; zum anderen geht es darum, den Verlauf und die Verbreitung des Virus besser zu verstehen und Informationen auszuwerten, welcher Anteil der Bevölkerung eine erste Immunität aufgebaut hat. Von Dr. Daniel Koller

 

Dieser Schritt ist enorm wichtig, denn nur mit einer besseren Eingrenzung möglicher Infektionsherde und einer effizienteren klinischen Versorgung lässt sich die wahrscheinliche zweite Infektionswelle in den Griff bekommen, ohne wieder auf Social­Distancing oder Lockdowns zurückgreifen zu müssen, und die massiven ökonomischen Verwerfungen, die damit einhergehen, möglichst vermeiden.

Chance für Biotechindustrie

Für die Biotechbranche stellt die Krise eine einmalige Chance dar, sich in ein positives Licht zu rücken. Ihr Ansehen in der Öffentlichkeit hat in den vergangenen Jahren aufgrund heiß diskutierter Themen gelitten – man denke etwa an Medikamentenpreise; die Durchbrüche, etwa in der Gentherapie oder in der Krebsmedizin, gerieten demgegenüber in den Hintergrund. Die Mehrheit der Unternehmen, die an der Bekämpfung des Virus arbeiten, – sei es im diagnostischen Bereich oder in der Akutbehandlung und Impfstoffentwicklung – haben verkündet, dass sie den Zugang zu den Produkten als oberste Priorität setzen und nicht die Gewinnmaximierung. Viele wollen aktiv einen Beitrag zur Lösung eines gesellschaftlichen Notstands leisten. Gelingt es, die Corona-­Pandemie dauerhaft zu überwinden, wird sichtbar, dass medizinische Innovation in ihrer Gesamtheit eine große gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Relevanz hat. Davon werden langfristig sowohl der Gesundheits- als auch der Biotechsektor profitieren.

Attraktive Branchenbewertung

Unserer Meinung nach war die Biotechbranche vor der Krise bereits mit einer attraktiven Bewertung versehen – dies hat sich nun im Verlauf der Korrektur noch weiter akzentuiert. Die aktuelle Sektorbewertung befindet sich auf historisch niedrigen Niveaus. So kommen alle im NASDAQ Biotechnology Index enthaltenen profitablen Biotechgesellschaften auf ein durchschnittliches Kurs-Gewinn-Verhältnis von 13 für das Jahr 2021. Small- und Mid Caps wurden vom Abwärtstrend stärker getroffen. Meist handelt es sich aber um einen unspezifischen Ausverkauf von Aktien, der wenig mit der fundamentalen Werthaltigkeit der Unternehmen zu tun hat. Sorgen bereiten die Fragen, ob sich kleinere Firmen weiter finanzieren können und ob die frühen klinischen Studien unterbrochen oder verzögert werden. Auch Unternehmen, welche in diesen Tagen Produkte lanciert haben, leiden unter dieser zusätzlichen Unsicherheit – der Fokus ist auf COVID-19 gerichtet. Wir sind überzeugt, dass es sich um eine kurzfristige, durch das negative Sentiment der Investoren bedingte Bewegung handelt. Die Unternehmen in unserem Portfolio sind fundamental gut aufgestellt und verfügen in der Mehrheit über eine solide Finanzierungslage. Der Investment Case ist intakt, und wir erwarten von den Unternehmen ein großes Wachstumspotenzial, getrieben von der Innovationsstärke, die sich vor allem in den vielversprechenden neuen Technologien abzeichnet.

Dazu gehört beispielweise auch die nun in den Fokus der breiten Öffentlichkeit gerückte mRNA-Technologie, auf der ein möglicher Impfstoff der US-Firma Moderna beruhen könnte. Dieser neuartige Ansatz erlaubt die Herstellung von Proteinen, die Patienten aufgrund genetischer Defekte im Erbgut nicht selbst herstellen können. Bei den mRNA-Therapien wird eine Boten-RNA extern eingespeist, um einzelne Proteine herzustellen.

Hoffnungskandidat Moderna

Der mRNA-Impfstoff (mRNA-1273) des ­Unternehmens wird gegen das neuartige Coronavirus (SARS-CoV-2) im Rahmen der entsprechenden Phase-I-Studie erstmals an Menschen getestet. Bei mRNA-1273 handelt es sich um einen mRNA-Impfstoff, der eine präfusionsstabilisierte Form des Spike-Proteins (S) von SARS-CoV-2 codiert. Die Phase-I-Studie untersucht die klinische Sicherheit und Immunogenität von drei Dosierungen des Impfstoffs, wobei die Probanden zwei Impfdosen im Abstand von 28 Tagen erhalten. Insgesamt nehmen 45 gesunde, erwachsene Probanden an der Studie teil, die die Sicherheit eines Zwei-Dosen-Impfschemas und die Immunogenität gegen das S-Protein von SARS-CoV-2 untersucht. Die Gesellschaft hat im März mit klinischen Tests begonnen und wird beobachten, ob diese Antikörper gegen das Coronavirus bilden. Im Erfolgsfall kann im Sommer eine breiter angelegte Wirksamkeitsstudie mit dem allenfalls zweimal verabreichten Impfstoff folgen. Um die Zeitachse zu verkürzen, muss wohl die US-Zulassungsbehörde FDA auf gewisse regulatorische Kriterien verzichten, wie etwa auf den Vergleich der Infektionsverläufe bei Geimpften und ­Ungeimpften. Im Idealfall liegen die weiteren Studienergebnisse im vierten Quartal dieses Jahres vor und bilden dann die Basis für eine schnelle Zulassung. Risikogruppen könnten somit bei einer eventuellen zweiten Infektionswelle zeitnah geimpft werden. Ein solcher Schritt ist zudem nur möglich, weil Moderna frühzeitig in Herstellungskapazitäten investiert hat. Die Firma wäre deshalb auf Sicht der nächsten sechs bis zwölf Monate in der Lage, 100 Mio. Dosen für 50 Mio. Personen zu liefern. Moderna hat inzwischen auch die Zusage der US-Regierung für 483 Mio. USD erhalten, um den Impfstoffkandidaten weiterzuentwickeln.

BB Biotech ist seit 2018 in Moderna investiert, überzeugt vom Erfolg der mRNA-Technologieplattform als Ganzes. Die weiteren laufenden Projekte gegen COVID-19 sind für BB Biotech kein Anlass, in diese Firmen zu investieren. Nach unserer Einschätzung werden zahlreiche Biotechs mit spezifischen Produkten gegen das Coronavirus kaum nachhaltig rentable Geschäftsmodelle realisieren. Ein wesentlicher Grund dafür besteht darin, dass die Therapien wegen des gesellschaftlichen Drucks mehr oder weniger zu Herstellungskosten verkauft werden müssen.

Auswirkungen der Corona-Krise auf Zulassungen

Die Auswirkung des Virus auf die öffent­liche Verwaltung ist schwer einzuschätzen. Wir rechnen sicherlich mit einer allgemeinen Verlangsamung der Prozesse, erwarten jedoch, dass mögliche Verzögerungen bei Behörden in diesen Monaten im weiteren Verlauf des Jahres wieder aufholbar sind – die FDA hat beispielsweise allein im vierten Quartal des vergangenen Jahres 20 Medikamente zugelassen. Darüber hinaus kann die Krisensituation die Prozesse auch beschleunigen, wie das Beispiel Moderna zeigt. In diesem Fall haben die Behörden Ausnahmen gemacht, sodass der Impfstoffkandidat in nur 40 Tagen Entwicklungszeit mit einer Phase I beginnen konnte.

 

Über den Autor

Dr. Daniel Koller
Senior-Portfoliomanager at

Dr. Daniel Koller trat 2004 bei Bellevue Asset Management ein und ist als Senior-Portfoliomanager im Bereich Bio­tech­nologie mit Spezialgebiet Herz-Kreislauf-Krankheiten tätig. Seit 2010 ist er Head Investment Management Team der börsennotierten Beteiligungsgesellschaft BB Biotech AG. Vor seinem Eintritt bei Bellevue Asset Management war er vier Jahre in der Finanzindustrie tätig – zuerst in der Funktion als Aktienanalyst bei UBS Warburg, danach als Private-Equity-Investor bei equity4life. Dr. Koller studierte Biochemie an der ETH Zürich und doktorierte im Bereich Biotechnologie während seiner Tätigkeit bei Cytos Biotechnology.