“Im Bereich nachwachsender Rohstoffe besteht eine riesige Innovationslücke”

Plattform Life Sciences: 5 Fragen an Ludwig Lehner, Vorstandsvorsitzender, Technikum Laubholz

Bildnachweis: Technikum Laubholz.

Das Technikum Laubholz (TLH) ist eine unabhängige, außeruniversitäre Forschungseinrichtung, die auf Initiative des Landes Baden-Württemberg unter Federführung des Ministeriums für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz im Frühjahr 2020 neu gegründet wurde. Das Technikum soll die Entwicklung innovativer und hochwertiger Anwendungen für Laubholz beschleunigen und für Baden-Württemberg international eine Spitzenposition in der laubholzbasierten Rohstoffverwendung besetzen.

 

Plattform Life Sciences: Bitte stellen Sie uns das Technikum Laubholz kurz vor. Welche Idee steckt hinter dieser Institution?

Lehner: Die ersten Diskussionen über eine unabhängige Forschungseinrichtung zur Nutzung der Ressource Laubholz kamen mit der Klimaanpassungsstrategie des Landes Baden-Württemberg auf. Damals forderte die Landesregierung, die stoffliche Nutzung von Laubholz zu stärken – weg vom Verbrennen, hin zum Werkstoff. Hintergrund ist, dass das Potenzial zur Nutzung von Laubholz entlang der Wertschöpfungskette Holz längst nicht ausgereizt ist. Doch gerade Baden-Württemberg hat das Zeug dazu – nämlich das Holz, die Kompetenz in der Forschung und eine umtriebige Gründerlandschaft.

Welche Arbeit findet im Technikum statt? Was ist Ihre Aufgabe und wie gehen Sie konkret vor?

Wir sehen uns als kreativen Treiber im Forschungsbereich des nachwachsenden Rohstoffs Holz, weil wir die Welt grüner, gesünder und vor allem nachhaltiger gestalten wollen. Hierzu entwickeln wir in acht verschiedenen Forschungsbereichen innovative Produkte und neue Einsatzgebiete für den Rohstoff Laubholz, die bislang nahezu undenkbar waren. Dabei sind wir stets stark an der Praxis orientiert und wollen über die bloße technologische oder ökonomische Machbarkeit hinausgehen. Kurz gesagt, es geht um das Machen und Ausprobieren.

Expertinnen und Experten aus ganz unterschiedlichen Bereichen arbeiten bei uns an nachhaltigen Lösungen für die Industrie. Unser gemischtes Forschungsmodell ermöglicht ihnen, sich zwischen abstraktem, kreativem Denken sowie realen Problemlösungsanwendungen flexibel und bedarfsorientiert hin- und her zu bewegen. Ziel ist es, Verfahren und Produkte schnellstmöglich auf den Markt zu bringen.

Um eine Nachfrage für Laubholz zu pushen, beginnt die Arbeit am TLH aber nicht im Wald. Wir analysieren zuerst die Bedürfnisse der Märkte und Konsumenten. Dann konzipieren ein Projekt sozusagen rückwärts – ausgehend vom Bedarf bis zum Rohstoff Laubholz.

Mit welchen Partnern arbeiten Sie zusammen? Forschungseinrichtungen, Unternehmen und andere?

Ohne Kooperationspartner wäre ein wissenschaftlicher Austausch und damit ein Vorankommen in Schlüsseltechnologien für unsere Zukunft natürlich nur schwer möglich. Das Technikum Laubholz versteht sich neben seiner Forschungs- und Projektarbeit daher auch als Drehscheibe für den wissenschaftlichen Austausch. Kooperationspartner finden sich in der Wissenschaft und der Industrie. Weitere Partner sind staatliche Institutionen, die allen voran beim Thema Waldwirtschaft besonders großen Einfluss haben. Aktuell arbeiten wir eng mit den Deutschen Instituten für Textil- und Faserforschung (DITF) in Denkendorf zusammen, sowie mit der Hochschule Aalen und der TU Dresden.

Warum ist eine Einrichtung wie das TLH überhaupt so wichtig?

Im Bereich der nachwachsenden Rohstoffe besteht eine riesige Innovationslücke – diese wollen wir durch verschiedenste Produkte und Einsatzgebiete schließen, indem wir die teilweise mit besonderen Eigenschaften ausgestatteten Laubholzarten langfristig in die Rohstoffkreisläufe einspeisen. Durch die langfristige Bindung des Kohlenstoffs können wir so einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leisten.

Außerdem wollen wir den zukunftsorientierten Zielen des Landes gerecht werden. Denn: Unser Anliegen ist es, die Entwicklung innovativer und hochwertiger Anwendungen für Laubholz so zu beschleunigen, dass wir für Baden-Württemberg international eine Spitzenposition in der laubholzbasierten Rohstoffverwendung besetzen.

An welchen Punkt seiner strategischen Entwicklung steht das TLH derzeit? Und wo wollen Sie in 24 Monaten stehen?

Insgesamt stehen acht Forschungsfelder im Fokus, von denen die ersten vier bereits im Aufbau sind: Faserbasierte Biopolymerwerkstoffe, Biotechnologische Konversion, Holzaufschlussverfahren und Verpackungsmaterialien. Ab 2023 folgen dann: Intelligente Fabrik, Papier und Holzwerkstoffe, Leichtbau sowie Energiespeicherung.

Ein Beispiel: Derzeit führen wir gemeinsam mit der DITF die Entwicklung zur Herstellung von Hochleistungsfasern und multifunktionellen Carbonfasern auf Basis von Zellulose fort. Diese sollen die herkömmlichen, häufig auf Erdöl basierenden Textilfasern und Carbonfasern ersetzen. Damit leisten wir einen Beitrag zum Schutz des Klimas und zur Erhöhung der Wertschöpfung in der baden-württembergischen Bioökonomie.

Langfristig gesehen würde ich mir natürlich wünschen, dass mir sehr bald die ersten am Technikum Laubholz entwickelten Produkte in meinem täglichen Leben beim Einkaufen, in der Bahn und vielleicht sogar auf der Straße begegnen.

Herr Lehner, haben Sie herzlichen Dank für das Interview.

Das Interview führte Holger Garbs.

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