Werbung

Bildnachweis: Anthony Brown – stock.adobe.com, SMTI 2020, SMTI-Umfrage 2019 bei Medtech-Herstellern und -Zulieferern (n = 139).

Investitionsschwerpunkte in der Schweiz liegen eindeutig in den Bereichen Gesundheit und IT. Dabei kommt dem Schweizer Franken mitunter auch sein langjähriger Ruf als stabile Hafenwährung zugute. So ist die Alpenrepublik im Life-Science-Bereich hervorragend aufgestellt. Von Holger Garbs

 

Britta Thiele-Klapproth vom Swiss Business Hub Germany stellt fest: „Die Schweiz steht für eine hohe Innovationskraft, ein sehr gutes Ausbildungsniveau sowie einen exzellenten Ruf in den Bereichen Forschung und Entwicklung.“ So arbeitet rund die Hälfte aller Angestellten in der Schweiz in wissens­intensiven Bereichen.

Gerade die Medizintechnik in der Schweiz wächst seit Jahren. Die Branche beschäftigt rund 63.000 Arbeiter und Angestellte und schuf allein in den letzten zwei Jahren 4.500 neue Arbeitsplätze. Die rund 1.400 Unternehmen erwirtschafteten 2019 einen Umsatz von 17,9 Mrd. CHF. Der Exportanteil liegt demnach mit 12 Mrd. CHF bei 67%. Die Schweizer Medizintechnikindustrie trägt damit laut Verband Swiss Medtech 16,4% zur positiven Handelsbilanz des Landes bei. Die Mehrheit der Unternehmen plant in den nächsten zwei Jahren Investitionen in der Schweiz – vor allem in den Bereichen Produktion, Forschung und Entwicklung sowie Vertrieb. Über 85% der Hersteller und Zulieferer produzieren hier. Die Tendenz zum Aufbau zusätzlicher Produktionsstandorte im Ausland setzt sich nach Angaben von Swiss Medtech jedoch fort. Insgesamt wenden die Unternehmen rund 10% ihres Umsatzes für Forschung und Entwicklung auf.

Abb. 1: Die Schweiz als Medizintechnik-Hub – Key Figures

Laut einer Branchenstudie zur „Schweizer Medizintechnikindustrie 2020“ umfassen die wichtigsten adressierten Technologietrends Werkstoffinnovation, Smart Devices, Herstellungsprozesse sowie intelligente Datenaufnahme. Gleichzeitig würden jedoch, so die Studie weiter, Digitalisierung und neue Substitutionstechnologien als die größten Bedrohungen empfunden.

Schweiz: Die Politik holt auf

Nachholbedarf sieht Thiele-Klapproth im Bereich der Digitalisierung. „Die Schweiz verfügt über eines der besten Gesundheitssysteme in Europa. Trotzdem liegt der Digitalisierungsgrad im Gesundheitswesen bei nur 24%.“ In einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zum Digitalisierungsreifegrad im Gesundheitswesen in Europa aus dem Jahr 2018 liegt die Schweiz zudem auf Platz 14 von 17 untersuchten Ländern. In einer Studie aus 2019 fordert die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) daher, dass wichtige Entscheidungsträger den digitalen Wandel aktiver mitgestalten müssten: Denn dieser hänge nicht allein von der Technologie ab, so die Verantwortlichen der Studie, sondern von der Politik und den Managemententscheidungen, die dahinterstehen.

Dabei gibt es längst gute Nachrichten seitens der Politik: Die nationale E-Health-Strategie der Schweiz wurde erstmals 2007 erlassen und im März 2018 durch die Verabschiedung der „Strategie eHealth Schweiz 2.0“ abgelöst. Darin eingebettet ist das Bundesgesetz über das elektronische Patientendossier (EPDG), das seit 2017 in Kraft ist. Das Gesetz verpflichtet Krankenhäuser und Pflegeheime, bis 2020 bzw. 2022 auf EPDs umzustellen. Trotz der starken föderalistischen Strukturen und politischer Konstellationen im Land, die eine effizientere Zusammenarbeit und Umsetzung neuer Maßnahmen zuweilen behindern mögen, herrscht beim Thema Digitalisierung doch Einigkeit.

Innovationen kommen auf den Markt

Dabei werden auch in der Schweiz längst zahlreiche neue Digital-Health-Lösungen getestet und eingeführt. Dazu gehören Medizintechnikprodukte aus den Bereichen Augmented Reality oder Telemedizin. Auch Roboter in der Pflege, digitale Avatare oder künstliche Intelligenz für medizinische Analysen sind im Land der Eidgenossen längst im Einsatz. „Die Rolle der Datenerfassung und -analyse wird immer wichtiger“, sagt Michael Altorfer, CEO der Swiss Biotech Association. Vor dem Hintergrund der drei bewährten Säulen „Forschende“, „Dienstleister“ sowie „Berater und Investoren“, nach denen sich auch die Life-Science-Unternehmen in der Schweiz bislang einordnen ließen, entstehen neue Unternehmen mit einer besonderen Expertise im Einsatz künstlicher Intelligenz beim Sammeln und Auswerten großer Datenmengen. „Diese Firmen sind selbst nicht in der Wirkstoffentwicklung tätig“, so Altorfer. „Aber sie geben wichtige Unterstützung, indem sie Daten von Patienten, aber auf freiwilliger Basis auch von gesunden Menschen sammeln, die dann für die Optimierung und Beschleunigung der Wirkstoffentwicklung herangezogen werden können.“ Im vergangenen Jahr kam es in der Schweiz zu rund 40 Biotechneugründungen. „Viele Patente werden im Bereich der Anwendung künstlicher Intelligenz in der Wirkstoffentwicklung angemeldet“, beobachtet Altorfer.

Hungrige Start-ups

Schließlich beschleunigt die Coronakrise die Entwicklung von Digital-Health-Lösungen auch in der Schweiz enorm. Einige Beispiele: Der Roboter Lio der F&P Robotics AG wird in der Pflegeassistenz eingesetzt. Gegenwärtig wird er von seinem Hersteller mit coronaspezifischen Funktionalitäten ausgerüstet. So kann Lio beispielsweise Getränke anbieten, bei der Desinfektion der Umgebung unterstützen, mit Personen interagieren, sich unterhalten und informieren.

Abb, 2: Top-5-Gründe von Medtech-Firmen für Investitionen in der Schweiz

Die App des Berner Start-ups eedoctors bietet Patienten die Möglichkeit, mit dem Arzt Kontakt aufzunehmen und professionelle Beratung zu erhalten, ohne das Haus verlassen zu müssen. So wird die Ansteckungsgefahr minimiert und die App ist weltweit nutzbar. Das Unternehmen bietet Ärzten zudem an, sie beim Übergang von der physischen zur Onlinevideopraxis zu unterstützen.

Die Zürcher Sleepiz AG bringt das Schlaflabor quasi in die eigenen vier Wände. Die Technologie verbindet Hard- und Software mit Millimeterwellentechnologie, Sensorfusion und Machine Learning, um das Schlafverhalten von Patienten kabellos zu untersuchen und behandelbare Schlafstörungen zu erkennen. Mit seiner Technologie will das Unternehmen Personen mit Schlafproblemen ermöglichen, Analysen und Maßnahmen von zu Hause aus zu entwickeln, sodass ein Krankenhausbesuch angesichts der Pandemie unnötig wird.

Fazit

Der Rückstand der Schweiz bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens ist in einem größeren Kontext zu sehen – denn die Basis für Innovationen im Digital-Health-Sektor ist längst gelegt. Auch zahlreiche internationale Investoren zählen auf die Schweiz; das Land besitzt den Ruf einer sicheren und stabilen Volkswirtschaft. Die Schweiz selbst beherbergt auf Investorenseite eine Vielzahl von reichen Privatpersonen, Business Angels und Family Offices sowie eine wachsende Zahl von Venture-Capital- und Private-Equity-Investoren und verfügt über einen starken Mittelstand. Investoren schätzen die stabilen politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in der Schweiz – davon profitieren auch die Life Sciences. Allein die Investitionen in Biotechfirmen haben laut Swiss Biotech Report 2020 in den letzten zehn Jahren von 250 Mio. pro Jahr auf 1,5 Mrd. CHF um rund das Sechsfache zugenommen.

Dank ihres hoch entwickelten und finanziell gesunden Gesundheitssystems gilt die Schweiz als wichtiger strategischer und klinischer Markt für medizintechnische Produkte. Das Land bietet dank seiner hohen Dichte an Herstellern, branchenspezialisierten Zulieferern und Dienstleistern einen besonderen Medtech-Cluster. Insbesondere der internationale Fokus ist bemerkenswert, da durch die Vielzahl der in der Schweiz angesiedelten Konzerne ein Großteil aller produzierten Medtechgüter ins Ausland exportiert wird.

Über den Autor

Holger Garbs ist seit 2008 als Redakteur für die GoingPublic Media AG tätig. Er schreibt für die Plattform Life Sciences und die Unternehmeredition.