Bildnachweis: anon – stock.adobe.com, BioCentury BCIQ – China at the threshold.

Nachdem China sich in der Vergangenheit zum einem der großen Lieferanten von Generika entwickelt hatte, treibt es seit vielen Jahren die Entwicklung zu einer führenden Nation im Biotech-Sektor voran. Auf dem Weg dahin sind in China viele Pharma- und Biotech-Unternehmer an den Start gegangen (bzw. gehen aktuell), die eine Top Ausbildung im Ausland genossen und wertvolle Erfahrungen bei großen multinationalen Biotech- und Pharmaunternehmen gesammelt haben. Für Investoren ergeben sich dabei auch Chancen. VON GEORG VON STEIN

Ein Drittel der weltweiten Biotech-IPOs wurde bereits 2020 von chinesischen Unternehmen initiiert. Dass es im Vorjahr noch ein Viertel war, zeigt, wie rasant die Entwicklung läuft. An den chinesischen Börsen fanden 2020 sechs der zehn größten Börsengänge weltweit statt. Unter den Top Ten der Biopharma-IPOs an der Nasdaq finden sich z.B. das auf chronische Entzündungskrankheiten spezialisierte Connect BioPharma aus Taicang und das auf Krebserkrankungen ausgerichtete Gracell Biotechnologies aus Suzhou. Bereits länger an der Nasdaq findet man andere chinesische Biotech-Unternehmen wie I-Mab, Zai Lab, BeiGene oder Hutchmed. Andere wichtige Spieler sind Chi-Med, C Stone Pharmaceuticals, Harbour Biomed, Hua Medicine, Top Alliance, Legend Biotech und Innovent. Viele der chinesischen Biotechs und ihre Investoren streben also auch nach den Märkten außerhalb Chinas. Schließlich sind die für Medikamente in China erzielbaren Preise oft deutlich geringer. Sog. Programmierte PD-1-Hemmer (Death-1) gegen Krebs kosten teilweise gar bis zu 80 % weniger als in den Vereinigten Staaten.

Finanzierung in China

Bei ihren Finanzierungen allerdings richten sich viele chinesische Biotechs auf die chinesischen Börsen. Hilfreich mag eine Regeländerung von 2018 an der Hongkonger Börse gewesen sein, der zufolge auch Unternehmen an die Börse gehen können, wenn sie noch in der Verlustzone sind.
So haben im Jahr 2020 Biotech-IPOs dort 6,4 Mrd. USD generiert. Der Hongkonger Biotech-Index, zu dessen Top-Ten-Unternehmen die Biotech Unternehmen Innovent, Akeso und WuXi AppTec gehören, stieg 2020 um 50 % und damit fast doppelt so stark wie der Nasdaq Biotech-Index. 2021 kam es auch zu Folgefinanzierungen, beispielsweise konnte Innovent 610 Mio. USD einsammeln.

Biotech 2020 IPOs nach Region

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt eine McKinsey-Studie. Zwischen Anfang 2020 und 2021 stiegen die durchschnittlichen Aktienkurse von in China notierten Biotechs um 106 %, bei in Europa notierten Biotechs waren es 39 %, bei denen in den Vereinigten Staaten 37 %. Interessant sei, dass man hinter kurzfristigen Pipelines von Biosimilars oder Me-toos immer mehr „echte schnelle Nachfolger zu sehen beginne, die innerhalb von ein–zwei Jahren nach dem First-in-Class auf den Markt kommen“, kommentiert Jay Lee, Analyst bei Morningstar in Hongkong, die Entwicklung. Das Defizit, dass China sich immer noch stark auf Originalentdeckungen aus westlichen Märkten verlässt und zu wenig in die Grundlagenforschung investiert, könnte sich also immer mehr verringern.

Optimierung der Rahmenbedingungen

Auch die Regierung unterstützt die Entwicklungen im Biotech Sektor massiv. So investiert sie in Biotech als Kommanditistin in Beteiligungsgesellschaften aber auch durch die Vergabe von günstigem Land oder zinslosen Darlehen. Und eine Reihe weiterer Maßnahmen sollen die Entwicklung im Biotech- und Health-Sektor vorantreiben:

  • Innovative Unternehmen erhalten eine niedrigere Steuerlast als andere Unternehmen.
  • Die Zulassung von Arzneimitteln und klinischen Studien soll in China jetzt viel schneller erfolgen. Beschleunigt und vorrangig werden dabei Produkte geprüft, wenn sie einen unerfüllten Bedarf decken.
  • Bereits erfolgte ausländische Studiendaten werden zur Unterstützung von Anträgen vermehrt akzeptiert. So will Chinas FDA innovative Medikamente schneller auf den Markt bringen.
  • Innovatoren von Arzneimitteln können anstatt einer kostspieligen Eigenproduktion leichter Vertragshersteller beauftragen. So müssen sie geistiges Eigentum nicht an große Unternehmen verkaufen.
  • Andererseits müssen Generikahersteller nun die Bioäquivalenz zu ihren Referenzmarkenprodukten nachweisen, was originäre Biotech-Unternehmen besser stellt.

Und ein weiterer Faktor dürfte die chinesische Biotech-Industrie ebenfalls stärken: Viele der im Ausland lebenden chinesischen Wissenschaftler sind in den letzten zehn Jahren nach China zurückgekehrt, um die heimische Forschung voranzutreiben.

Dieser Beitrag erschien erstmals auf der Investmentplattform China/Deutschland.