Biotechnologieaktien in Deutschland: Deutsches Aktieninstitut fordert „neue Aktienkultur“

Dr. Christine Bortenlänger, Geschäftsführende Vorständin des Deutschen Aktieninstituts im Gespräch

Bildnachweis: Deutsches Aktieninstitut e.V..

Das Deutsche Aktieninstitut (DAI) publiziert im Vorfeld der Bundestagswahl verschiedene Studien und Positionspapiere zur Förderung einer „neuen Aktienkultur in Deutschland“. Ganz explizit wird in einigen dieser Papiere auch die Biotechnologie genannt und das mangelhafte Ökosystem für inländische Börsengänge und einen anhaltend aktiven Börsenhandel solcher Papiere moniert.
Die Plattform Life Sciences im GoingPublic Mediahaus konnte mit Dr. Christine Bortenlänger, Geschäftsführende Vorständin des Deutschen Aktieninstituts, hierüber näher sprechen.

Plattform Life Sciences: Sie haben mit dem Deutschen Aktieninstitut aktuell ein Positionspapier mit 10 Forderungen an die Politik zur Förderung einer neuen „Aktienkultur“ in Deutschland herausgebracht. Welche 3 Punkte davon sind Ihnen die Wichtigsten?

C. Bortenlänger: Die zehn Forderungen bilden ein Gesamtpaket, das umgesetzt werden muss, um den Kapitalmarkt fit für die Zukunft zu machen. Was die nächste Bundesregierung zuerst angehen sollte, ist Folgendes:
– Aktien müssen ein fester Bestandteil der Altersvorsorge werden, damit die Menschen in Deutschland ihren Lebensstandard im Alter sichern können.
– Die virtuelle Hauptversammlung sollte als gleichwertige Alternative neben der Präsenz-Hauptversammlung im Aktiengesetz verankert werden. Die positiven Erfahrungen aus zwei Jahren virtueller Hauptversammlungen sprechen für diese Option. Aber auch junge börsennotierte Tech-Unternehmen haben ein großes Interesse, Hauptversammlungen virtuell abzuhalten.
– Deutschland braucht ein besseres Ökosystem für Börsengänge, also eine leistungsfähige Basis von Kapitalgebern, Emissionsbanken und Analysten. Nur dann werden auch Unternehmen aus den kapitalintensiven (Bio)Tech-Branchen in Deutschland an die Börse gehen und verstärkt zukunftsfähige Arbeitsplätze im Lande entstehen.

 

PLS: Derzeit sieht man durchaus eine gewisse Belebung bei IPOs auch in Deutschland, und selbst mit einigen Pharma- bzw. LifeScience-Firmen auch in diesem Sektor. Sehen Sie da schon eine Trendwende?

C. Bortenlänger: Mit zehn Neuemissionen ist der IPO-Markt an der Frankfurter Wertpapierbörse im ersten Halbjahr 2021 gut gestartet. Im weltweiten Vergleich ist das allerdings weiterhin nicht viel. Alleine im ersten Quartal lag die Zahl der Börsengänge global bei 391, europaweit bei 68, in Deutschland bei lediglich vier. Von einer Trendwende in Richtung eines lebhaften IPO-Marktes, der angemessen die Wirtschafts- und Innovationskraft Deutschlands widerspiegelt, kann da keine Rede sein. Die Politik ist deshalb gefordert, die Rahmenbedingungen so attraktiv zu gestalten, dass mehr Unternehmen in Deutschland an die Börse gehen.

Zur Forderung nach einer gerechteren Besteuerung von Aktien, hier ein aktueller Beitrag

PLS: Die Mehrheit der deutschen börsennotierten Biotech-Unternehmen ist ja in den letzten Jahren eher in den USA an die Börse gegangen oder hat über einen Merger oder SPAC einen Börsenmantel dort übernommen. Wie kann Frankfurt hier wieder Anschluss finden, was müsste passieren?

C. Bortenlänger: Ein entscheidendes Kriterium für die Wahl des Börsenplatzes sind die Kapitalgeber, die die Chancen eines Wachstumsunternehmens beurteilen können und über die notwendigen Finanzmittel verfügen. Aber auch Emissionsbanken und Analysten, die den Börsengang mit ihrer Expertise begleiten und entsprechend vermarkten, sind wichtig.
Im Vergleich zu den USA hat Deutschland bei seinem Ökosystem Kapitalmarkt großen Nachholbedarf. Das gilt insbesondere mit Blick auf finanzstarke Kapitalgeber. Aus anderen Ländern wissen wir, dass Pensionsfonds dabei eine entscheidende Rolle spielen. Je mehr Gelder im Rahmen der Altersvorsorge am Aktienmarkt angelegt werden, desto eher bildet sich eine kritische Masse an Finanzierungsmitteln, die in Wachstumsunternehmen investiert werden. Länder wie UK, die USA oder Schweden, die erfolgreich auf Aktien in der Altersvorsorge setzen, zeigen, wie es geht.

 

PLS: Andere Länder stärken die Finanzierungsoptionen für junge Unternehmen auch über Staatsfonds. Wäre das ein wünschenswertes Modell für Deutschland – wie könnte die Ausgestaltung aussehen?

C. Bortenlänger: Wir halten den Weg über Aktien in der Altersvorsorge für geeigneter, damit sich auch in Deutschland ein Ökosystem Kapitalmarkt herausbilden kann. Damit hätten wir in Deutschland kapitalkräftige Pensionsfonds, die auch in Wachstumsunternehmen investieren können. Dies schließt einen zusätzlichen Staatsfonds nicht aus, wenn der Wettbewerb unter den Anbietern damit nicht eingeschränkt wird. Dabei muss sichergestellt werden, dass der Staatfonds eine langfristige Strategie verfolgt und von kurzfristigen politischen Begehrlichkeiten zum Stopfen von Haushaltslöchern abgeschirmt ist. Entscheidend ist dabei, dass der Staatsfonds private Investitionen nicht verdrängt, sondern diese ergänzt.

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PLS: Ist ein „lokaler“ Börsenplatz heutzutage überhaupt noch ein wichtiger Faktor, oder kann digital und global ein möglicher „Standorteffekt“ hier sowieso nicht mehr ausgemacht werden?

C. Bortenlänger: Alle Börsenplätze, egal ob in New York, Singapur, London oder Frankfurt, sind digital erreichbar. Dementsprechend legen die meisten professionellen Investoren ihre Gelder global an. Für private Anleger gibt es über den Freiverkehr an den deutschen Börsen ein preiswertes Angebot, internationale Aktien in Deutschland zu erwerben.
Die Börsen unterliegen den jeweiligen Regularien und Gesetzen der Länder, in denen sie beheimatet sind. Hieraus und aus den ansässigen Kapitalgebern, Analysten und Banken ergibt sich im Zusammenspiel möglicherweise ein entscheidender Wettbewerbsvorteil. Insofern haben der Börsenstandort und sein Ökosystem eine große Bedeutung. Das wurde beispielsweise in der Biotechnologie deutlich, wo sich in den USA ein Cluster aus Investoren, Analysten und Emissionsbanken herausgebildet hat. Die Investoren kommen nicht nach Deutschland, sondern die Unternehmen müssen zu den Investoren in die USA gehen.
Diese Erkenntnis ist von besonderer Bedeutung für die Politik. Denn man darf nicht vergessen, dass ein Auslandslisting oftmals dazu führt, dass sich mehr und mehr Geschäftstätigkeit dieser Unternehmen ins Ausland verlagert – mit dem Risiko des Verlustes deutscher Arbeitsplätze. Die neue Bundesregierung muss deshalb den gesetzlichen Rahmen so setzen, dass in Deutschland ein leistungsfähigen Ökosystems Kapitalmarkt entsteht und Zukunftstechnologien wie die Biotechnologie auch in Deutschland finanziert werden können.

 

PLS: Studien zeigen, dass gerade eine jüngere Generation in der Pandemie neu zum Aktienhandel gefunden hat. Wie kann man diesen Trend stabilisieren und auch zu einem wirklich breiten Ansatz eines nachhaltigen Vermögensaufbaus generationsübergreifend verankern?

C. Bortenlänger: Ich freue mich, dass die Jüngeren 2020 die Börse und den Aktienmarkt für sich entdeckt haben. Viele haben sich dafür entschieden, mit Aktienfonds und ETFs zu sparen. Eine ausgesprochen erfreuliche Entwicklung, wie ich finde, die auch der Altersvorsorge zu Gute kommen kann.
Um das Erreichte zu stabilisieren und auszubauen, braucht es eine nationale Agenda, mit der wir die Rahmenbedingungen für das Sparen, den Vermögensaufbau und die Altersvorsorge verbessern. Zum Beispiel sollte eine Haltefrist eingeführt werden, nach deren Ablauf Kursgewinne von der Kapitalertragssteuer befreit sind. Gewinne bei der Veräußerung von Gold oder auch Bitcoin sind beispielsweise nach einem Jahr steuerfrei. Es ist nicht nachvollziehbar, warum die Anlage in Aktien, also in Produktivkapital, das Arbeitsplätze sichert, steuerlich schlechter gestellt wird als in Gold und Bitcoin oder auch in Immobilien. Auch die Finanztransaktionssteuer gehört endlich vom Tisch, um ein klares Signal pro Aktiensparen zu setzen.
Schließlich muss die finanzielle Bildung in Deutschland verbessert werden. Dafür sollte Wirtschaft als eigenständiges Schulfach in den Lehrplan aller Schulformen aufgenommen werden. Nur so wird es gelingen, künftigen Generationen das notwendige Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge zu vermitteln sowie ihnen praktisches Rüstzeug für ihren Lebensweg mitzugeben.

PLS: Wir danken für dieses Gespräch.

 

Über den Autor

Dr. Georg Kääb ist seit 1. Februar Redaktionsleiter der Plattform LifeSciences. Davor war er über 10 Jahre Manager Communications bei der Biotech-Netzwerkagentur BioM. Von der Ausbildung her Biologe waren die ersten Berufsstationen als freier Journalist bei u.a. Süddeutscher Zeitung sowie DIE ZEIT und dann ebenfalls ein gutes Jahrzehnt als Chefredakteur der Mitgliederzeitschrift des Verbandes dt. Biologen, vdbiol.