Werbung

Bildnachweis: fasciotens GmbH, Gründerfonds Ruhr.

Aufgrund von Komplikationen entsteht bis zu 10.000 Mal jährlich allein in Deutschland die Notwendigkeit, den Bauchraum nach Operationen offen zu belassen. Zu den Nebenwirkungen einer solchen Maßnahme zählt die Rückbildung der Bauchdecke, die einen späteren Bauchverschluss erschwert. Abhilfe verschaffen die Produkte des Essener Medizintechnikunternehmens fasciotens. Von Holger Garbs

 

Die Idee zum Produkt kam den Gründern und Chirurgen Frank Beyer und Gereon Lill im Jahr 2014. Lill hatte im Rahmen seiner Arbeit mehrere Patienten mit offenen Abdomen behandelt, die nicht verschlossen werden konnten. Eine junge Patientin war an den Nebenwirkungen gestorben. Noch im selben Jahr meldeten sie ihr Produkt Fasciotens Abdomen zum Patent an. Die Idee dahinter: die Möglichkeit, die Bauchfaszie bei zeitgleich geöffnetem Bauchraum anzuspannen. 2016 wurde das Unternehmen gegründet. Aus privaten Mitteln konnten zunächst 200.000 EUR zur Finanzierung des Unternehmens gewonnen werden. Nachdem der Prototyp gebaut war, konnten erste Tierversuche bis 2017 den Nachweis eines hochsignifikanten Vorteils erbringen, was schließlich auch das Interesse von Chirurgen und Investoren weckte.

Risiken bei offenen Bauchwänden

Bei Fasciotens Abdomen handelt es sich um ein Produkt für die Behandlung von Patienten, deren Bauchwand offen belassen werden muss. Die Gründe hierfür sind mannigfaltig: Bei schweren Infekten, nach Unfällen oder Ähnlichem kann eine Schwellung der Eingeweide bewirken, dass die Schwellung ohne Offenbelassen des Abdomens ein Sistieren der Durchblutung im Bauchraum hervorruft, welche zum Tode führt. Somit müssen diese Patienten über Tage bis Wochen offen belassen werden. Mit Dauer des offenen Abdomens steigen die Komplikationen; die Sterblichkeit erreicht bis zu 40%. „Das Hauptproblem für einen frühen Verschluss ist das Zurückweichen oder die Retraktion der Bauchwand. Dies führt dazu, dass aufgrund der Retraktion kein späterer Bauchverschluss mehr möglich ist“, erklärt Gereon Lill.

Die Lösung ist eine externe Vorrichtung, welche die Bauchwandfaszie in einem Spannungszustand hält und gleichzeitig das Bauchvolumen vergrößert. Dabei werden die Prinzipien der „mesh-mediated traction“ und die Grundidee des Fixateur externe für das offene Abdomen kombiniert: Es besteht sofort eine Zugkraft auf die Bauchwand, und über das Hochziehen der Bauchwände wird die abdominelle Höhle vergrößert oder das Volumen erhöht. Bisher konnte nur horizontal Zug auf die Bauchdecken gebracht werden, was aber initial nicht möglich ist, da dadurch der Druck im Abdomen wieder erhöht und der Patient somit gefährdet würde.

Im weiteren Verlauf der Entwicklung traten Kinderchirurgen an das Gründerteam mit der Idee heran, ein spezielles System für Neugeborene zu entwickeln: Fasciotens Pediatric ist ein Medizinprodukt, welches den gleichen Effekt hat wie Fasciotens Abdomen, aber bei Defekten neugeborener Bauchwände zum Einsatz kommt. Die Kinder werden mit diesen Defekten, Gastroschisis oder Omphalozele, geboren. „Der Unterschied ist, dass bei Neugeborenen das Gerät nicht auf dem fragilen Körper abgestützt werden soll“, erklärt Lill. „So werden die Kinder in eine Art Wiege verbracht und dann die Aufhängung der Bauchdecken extern erfolgt.“

Ein drittes Produkt ist Fasciotens Hernia. Diese Vorrichtung nutzt eine externe Befestigung der Zugvorrichtung am OP-Tisch. Somit findet auch hier keine Abstützung des Produkts auf dem Patienten statt. Hier wird vor allem bei großen Bauchwandbrüchen intraoperativ die Bauchwand für eine gewisse Zeit, rund 30 bis 45 Minuten, mit einer größeren Zugkraft vertikal gedehnt.

Alle Meilensteine erreicht

Im Februar vergangenen Jahres konnte fasciotens erfolgreich eine Series-A-Finanzierung über 2,6 Mio. EUR abschließen. Kapitalgeber waren der Gründerfonds Ruhr sowie der Risikofinanzierer Coparion; es handelte sich zugleich um das erste Investment des Gründerfonds Ruhr. 2018 wurde Fasciotens Abdomen erstmals auf Kongressen präsentiert.

Im Januar 2019 kam es zur ersten Anwendung im Rahmen einer Operation. Neben der geplanten Verhinderung der Retraktion der Faszie erfolgt eine Dehnung derselben. Dieses Prinzip wurde in der Vergangenheit bereits von anderen Chirurgen als intraoperative Maßnahme beschrieben. Aktuell laufen klinische Studien an den Universitäten Bonn und Aachen sowie an der Berliner Charité. Eine weitere klinische Studie in Miami, USA, befindet sich in fortgeschrittener Planung. Im September kam es zur ersten Anwendung in Italien; gleichzeitig wurden Vertriebspartnerschaften mit Unternehmen in Italien und der Schweiz geschlossen. Entsprechende Abkommen in Irland und Österreich sollen ebenfalls noch in diesem Jahr folgen. „Alle Meilensteine aus der Series-A-Finanzierung wurden erreicht“, freut sich Gereon Lill. Zeit für den nächsten Schritt!

Lesen Sie auf der nächsten Seite ein Interview mit Daniela Breiman vom Gründerfonds Ruhr.