Emittentenstimmen_statistic_id234891_familienunternehmen-in-deutschlandFür viele Familienunternehmen hierzulande ist das Thema Börse immer noch ein recht kontroverses Thema, von dem sich viele lieber fernhalten. Das mag eine ganz Reihe von Gründen haben: Die altbekannten, wie Angst vor Kontrollverlust und Reportingaufwand – doch in den letzten Jahren ist auch eine Reihe neuer Argumente dazugekommen, darunter die teilweise negative Berichterstattung über das Mittelstandsanleihensegment, die erhöhten Compliance-Pflichten, das Investitionsverhalten und natürlich die Sorge um das Wiederaufflammen der Euro-Krise. Familienunternehmen und Börse: ein Schuh, der etwa nicht passt?

Eines der bestimmenden Themen unter familiengeführten Unternehmen ist seit 2010/11 der Mittelstandsanleihenmarkt. Viele äußern die Sorge, dass dieser noch nicht professionell genug sei – so würden einheitliche Standards bei Ratingagenturen und Börsen fehlen. Auch würden die Medien die Emittenten aufgrund zahlreicher Ausfälle vorschnell in einen Topf schmeißen. Neben Kritik gibt es aus der Reihe der Familienunternehmen aber auch Lösungsvorschläge zu der Thematik.

Dr. Immanuel Kohn, Reiff Gruppe
Dr. Immanuel Kohn, Reiff Gruppe

„Aus unserer Sicht müssen die Börsen, die sich im Mittelstandssegment engagieren, sehr genau darauf achten, welche Unternehmen in die Segment zugelassen werden. Jede Unternehmensanleihe, die die Anleger verunsichert und nicht auf einem solidem Fundament basiert, schwächt den Ruf des Mittelstandssegments“, betont zum Beispiel der Mit-Geschäftsführer der REIFF Gruppe Dr. Immanuel Kohn. „Entsprechend sorgfältig muss die Auswahl sein. Familienunternehmen, die sich dieses Marktes bedienen, brauchen eine grundsätzlich solide Finanzierung – und die Anleihe sollte auch nur einen Baustein von mehreren darstellen.“

Doch einen Teil der Problematik sieht Kohn auch bei der Berichterstattung über das Segment. So hätte sich das Medienecho häufig auf Anleihen aus Branchen konzentriert, die großen Schwankungen unterliegen – was Anleger entsprechend enttäuscht hätte. „Es gibt sehr viele Unternehmensanleihen, die sehr solide aufgestellt sind und die alle Bedingungen und Erwartungen uneingeschränkt erfüllen. Nachdem sich auch in der Finanzwelt die schlechten Nachrichten leichter verkaufen lassen, fehlt es in der Berichterstattung an guten Beispielen“, mahnt Kohn an.

Gesetzgeber in der Pflicht?

Thomas Hoffmann,artec technologies
Thomas Hoffmann,artec technologies

Andere sehen als Hauptverantwortlichen den Gesetzgeber, da der Börsengang einen großen Berichtsaufwand mit sich bringen würde. „Ein wesentliches Thema ist, dass der Börsengang viele Berichtspflichten mit sich bringt – vor allem im Prime Standard. Die Erstellung der Quartalsberichte und eines Geschäftsberichts sowie der stetige Austausch mit dem Kapitalmarkt bedeuten einfach einen sehr großen Aufwand“, meint der CFO der Bauer Gruppe, Hartmut Beutler, im Gespräch mit dem GoingPublic Magazin. „Seit unserem Börsengang 2006 haben sich der Aufwand und die Quantität des Geschäftsberichts annähernd verdoppelt. Das interne Berichtswesen muss sich diesen Anforderungen anpassen.“

Auch der Behrens-Chef Tobias Fischer-Zernin sieht im Berichtswesen eine Problematik: „So sind gerade mittelständische Unternehmen weniger geneigt, ein IPO durchzuführen, weil mit dem Börsengang auch die Bilanzierung auf IFRS umgestellt werden muss. Hier sind erhebliche organisatorische und finanzielle Aufwendungen erforderlich, um die zusätz liche Rechnungslegung umzusetzen.“

Für Thomas Hoffmann, den Gründer und Mit-Geschäftsführer von artec technologies, die Software- und Systemlösungen für die Übertragung und Aufzeichnung von TV-, Video-, Radio-, Audio- und Metadaten im Internet produzieren, sind es vor allem die hohen Kosten, die den kleineren Familienunternehmen den Zugang zur Börse erschweren. „Entscheidend ist die Attraktivität für kleinere Werte insgesamt. Und hier scheint es tatsächlich zu hapern, wie nicht zuletzt die zahlreichen Delistings zeigen. Vielleicht sollte man deswegen über die Kosten der Notiz nachdenken und sie für kleinere Werte reduzieren“, sagt Hoffmann im Gespräch mit dem GoingPublic Magazin.

Der CFO der Daldrup & Söhne AG Curd Bems sieht hingegen vor allem die Regierung und die Börse in der Pflicht, für ein größeres Börseninteresse und eine tiefere Aktienkultur zu sorgen: „Das Interesse der Bürger, in junge und mutige Geschäftsmodelle zu investieren, ist ja durchaus da, Stichwort Crowdfunding“, meint Bems. „Auch muss die Politik darauf achten, ihren Regelungseifer im Zaum zu halten, um eine Börsennotierung auch für kleinere und mittlere Unternehmen ohne
großen Verwaltungs- und Expertenapparat attraktiv zu  halten. Die EU-Marktmissbrauchsregulierung oder die Aktienrechtsnovelle schaffen erneut zusätzlichen Aufwand und binden unternehmerische Ressourcen.“

Familie sucht langfristig orientierten Investor

Curd Bems, Daldrup&Söhne AG
Curd Bems, Daldrup&Söhne AG

Vielen Familienunternehmen wäre ein Buy-&-Hold-Investor natürlich lieber als ein taktischer Investor oder ein Trader, der schneller Gewinne verwirklichen möchte – doch gerade unter institutionellen Anlegern, denen die Unternehmer oft misstrauen, könnten Familienunternehmen fündig werden. Beutler will sogar einen langsamen Wandel in Richtung langfristige Investments erkennen. Für viele Familienunternehmen, für die Planbarkeit und solide Zusammenarbeit wichtiger sind als knallige Schlagzeilen und heftiges Kursflimmern am schnelllebigen Börsenparkett, wären das durchaus gute Neuigkeiten: „Wir haben festgestellt, dass das Interesse gerade bei langfristig orientierten Investoren wieder zugenommen hat“, so der CFO. „Daher diskutiert man wieder häufiger die langfristige Strategie, das Geschäftsmodell und ob dieses auch in fünf bis zehn Jahren noch erfolgreich sein kann.“

Thomas Hoffmann von artec technologies unterstreicht hingegen, dass die Familie als Anker von Investoren sehr gerne gesehen sei. „Gerade Anleger ohne die Ambitionen oder finanzielle Möglichkeiten, selbst einen signifikanten Anteil zu übernehmen, schätzen es, dass es mit der Familie einen Ankerinvestor gibt, der dem Unternehmenswohl langfristig verpflichtet ist und deswegen auf Kontinuität setzt“, sagt er im Gespräch mit dem GoingPublic Magazin. Der CFO von GFT Technologies, Dr. Jochen Ruetz, schlägt in dieselbe Kerbe und appelliert an den starken Familienaktionär als Sicherheitsfaktor für risikoscheue Anleger: „Ein Börsengang bedeutet nicht automatisch Kontrollverlust. Es gibt genug Unternehmen in Deutschland, die auch nach einem Börsengang von der Stabilität eines starken Familienaktionärs profitieren und erfolgreich sind.“

Fazit

Es scheint für viele Familienunternehmen eher mehr als weniger Hindernisse zu geben, wie die Negativschlagzeilen einiger Mittelstandsanleihekandidaten, die teils ausufernden Berichterstattungs- und Compliance-Anforderungen und die Kosten zeigen – doch diejenigen, die an der Börse sind und im regen Austausch mit den Investoren stehen, fühlen sich dort letztlich ganz wohl. Denn permanente Transparenz und Kommunikation hilft den Unternehmen nach innen und nach außen. Der Weg zum
Erfolg ist beim Börsengang und der späteren Existenz an und mit der Börse gleichzeitig auch der steinige Weg aus der eigenen Komfortzone heraus.

Der Text erschien zuerst im GoingPublic Magazin 11 im Oktober.

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