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SPD, Grüne und FDP diskutieren im Zuge der zeitnahen Koalitionsverhandlungen die wohl umfassendsten Reformen des deutschen Altersvorsorgesystems seit der Agenda 2010. Und passend dazu steht am 29. Oktober der Weltspartag vor der Tür. Wohin geht der Weg – kapitalgedeckte Altersvorsorge oder Bürgerfonds?

Die Idee geht auf den ersten Internationalen Sparkassenkongress im Oktober 1924 zurück. Und schon damals wollte diese Initiative nicht bloß das Sparen fördern, sondern ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Sparen als gesamtgesellschaftliche Aufgabe wahrgenommen werden muss. Heute, knapp 100 Jahre später, ist dieses Thema aktueller denn je für unsere Gesellschaft.

Der Weltspartag

Der Weltspartag ist ein besonderer Tag für Sparer auf der ganzen Welt, an dem nicht nur das Sparen an sich, sondern auch die Aspekte der Vermögensbildung und die Bedeutung der finanziellen Vorsorge eine gewichtige Rolle spielen. Und gerade im Zuge der Corona-Pandemie haben diese beiden Themen in der Bevölkerung noch einmal an Relevanz hinzugewonnen – und rücken damit wieder stärker in den Fokus der Finanzbranche.

So hat sich die Teuerungsrate in Deutschland im September auf ein Niveau von rund 4% erhöht, was zuletzt 1993 beobachtet wurde. Laut Experten könnte die Preissteigerung gegen Jahresende im Zwölfmonatsvergleich sogar die 5%-Hürde überspringen. Betrachtet man den Durchschnitt des gesamten Jahres, dürfte sich die Inflationsrate bei über 3% einpendeln – ein Wert, der deutlich über der Zielmarke der Europäischen Zentralbank von 2% liegt.

Ob die aktuelle Teuerungsrate nur vorübergehend, also lediglich mit dem Mehrwertsteuereffekt und den höheren Energiepreisen zu erklären ist oder aber eine neue Realität darstellt, wird sich in den nächsten Monaten zeigen. Aber sicher ist schon jetzt: Die Auswirkungen sind für Millionen von Sparer bereits konkret spürbar. So sind die realen Renditen von klassischen Sparbuchguthaben aktuell tiefrot, und damit geht eine erhebliche Entwertung der mühsam angesparten Vermögenswerte einher.

Wie lässt sich hier gegensteuern?

Eine zukunftsfähige Lösung für das Problem liegt in Aktien, da diese eine der wenigen Anlageklassen mit einem echten effektiven Inflationsschutz darstellen. So lassen sich in der anhaltenden Phase niedriger und zum Teil negativer Zinsen auskömmliche Renditen fast nur noch mit Aktien erzielen.

Lesen Sie hier unsere IPO News.

Die durchschnittliche Aktienrendite des DAX für den Zeitraum 1980 bis Ende 2020 liegt bei über 8%. Ein Wert, der für viele alternative Sparprodukte nahezu unerreichbar ist. Eine internationale Betrachtung der Aktienindizes kommt auch für längere Zeiträume auf durchschnittliche Aktienrenditen von 6 bis 9%. Aus diesem Grund sind Aktien ein wichtiges Instrument für Sparer sowohl zum Aufbau als auch zum Erhalt von kleinen und großen Vermögen und könnten für das Modell der kapitalgedeckten Altersvorsorge zum entscheidenden Puzzleteil in Deutschland werden.

Klare Reformbereitschaft in der Bevölkerung

Und hinzu kommt: Die Deutschen sind bereit für eine Modernisierung des Altersvorsorgesystems, das zeigt eine von der forsa Politik- und Sozialforschung GmbH im Auftrag der Initiative Minderheitsaktionäre durchgeführte repräsentative Umfrage zur Altersvorsorge und Aktienrente. So hat eine große Mehrheit in Deutschland (86%) kein Vertrauen mehr in die Stabilität und Sicherheit der gesetzlichen Rentenversicherung in ihrer aktuellen Form.

Über die Hälfte der Befragten (58%) befürwortet daher den Vorschlag der Einführung einer Aktienrente als Bestandteil der gesetzlichen Rente. Zudem hält eine knappe Mehrheit der Befragten (51%) Aktien, Aktienfonds beziehungsweise ETFs als Instrumente zur Absicherung im Alter für geeignet. Unter ihnen sind insbesondere Jüngere zwischen 18 und 45 Jahren.

Gleichzeitig zeigt die Umfrage aber auch: Aktienbesitz fristet in Deutschland noch immer ein Nischendasein. So bestehen die unter den Teilnehmern der Umfrage am häufigsten genutzten Instrumente zur privaten Altersvorsorge aus Versicherungsprodukten (41%) sowie der Riester-Rente (28%) – die Vorsorge durch Aktien spielt mit 21% eine untergeordnete Rolle.

Jedoch hat ein Fünftel der Befragten (21%), die bisher keine der abgefragten privaten Vorsorgeprodukte nutzen, vor, zukünftig private Vorsorgeprodukte wie Aktien, Aktienfonds, Aktienanlagen oder Investmentfonds zu nutzen, um sich im Alter abzusichern. Die Umfrage spiegelt ein großes Interesse in der deutschen Bevölkerung an der Aktie im Allgemeinen und an einer fixen aktienbasierten Rentenkomponente im Besonderen wider. Und insbesondere unter jüngeren Befragten scheint sich eine vielversprechende Aktienkultur zu entwickeln. Doch warum sind die Deutschen im Hinblick auf den Börsenmarkt so zurückhaltend? Ist es nur die Angst vor Geldverlust, die die Anleger lähmt?

Ein Grund für die bisherige Zurückhaltung liegt sicherlich auch in der Skepsis hinsichtlich der Mitsprache an der Börse. Diese Bedenken stehen dem mehrheitlichen Interesse der Umfrageteilnehmer an Kapitalmärkten gegenüber. So sehen insgesamt 84% der Befragten ein unzureichendes Mitspracherecht von Minderheitsaktionären bei börsennotierten Gesellschaften in Deutschland.

Lediglich 5% glauben, dass sie ein großes Mitspracherecht haben, wenn es um das Geschehen am Aktienmarkt geht. Doch eine Stärkung dieser Rechte wird immer wichtiger, da der Glaube an ein stabiles Rentenniveau in der Gesellschaft schwindet – und damit wohl der Anteil von Aktionären in der Bevölkerung zwangsläufig steigen wird.

So ist eine große Mehrheit der Befragten (86%) der Meinung, dass das Rentenniveau absinken und es zu einer Versorgungslücke bei der gesetzlichen Rente kommen werde. Nur 11% der Befragten glauben, dass das Versprechen durch die Politik, langfristig eine sichere und stabile Rente zu gewährleisten, gehalten werden kann. Ein klares Votum also gegen den Status quo.

Schweden und Norwegen als Vorbild

Wie ein Turnaround in der Altersvorsorge gelingen kann, zeigen Länder wie Schweden und Norwegen eindrucksvoll. Sie verfügen bereits über erfolgreiche kapitalgedeckte Vorsorgemodelle und sind Deutschland damit schon jetzt um Jahre voraus. Dabei ist eines sicher: Je früher in Deutschland die Einführung einer aktienbasierten gesetzlichen Rente beschlossen und umgesetzt wird, desto früher kann sie als entscheidender Baustein zum langfristigen Kapitalaufbau und damit zur Schließung der Rentenlücke der nachkommenden Generationen beitragen.

Doch ehrlicherweise sind wir von diesem großen politischen Wurf derzeit wohl noch ein gutes Stück entfernt. Die Politik und insbesondere die mögliche Ampel-Koalition müssen daher nun kurzfristig an den richtigen Stellschrauben drehen, um das Rentensystem mithilfe des Aktienmarktes nachhaltig zu erneuern.

Zunächst einmal bietet sich die Wiedereinführung einer Spekulationsfrist für private Veräußerungsgewinne aus Wertpapieren an. Das bedeutet, dass beispielsweise Kursgewinne von Aktien nach einer Haltedauer von einigen Jahren steuerfrei sein sollten. Das würde Privatanleger einen wichtigen Anreiz geben, überhaupt Aktien zu erwerben und sie darüber hinaus über einen längeren Zeitraum zu halten – und eben nicht nach kürzester Zeit wieder zu verkaufen. Die Ergebnisse der forsa-Umfrage bestätigen diese Einschätzung: So wäre es für eine Mehrheit der Befragten (58%) ein Anreiz, verstärkt in Aktien, Fonds, ETFs oder Anleihen zu investieren, wenn diese nach einer Haltedauer von mindestens fünf Jahren steuerfrei wären. Überproportional groß ist die Gruppe der Befürworter dieser Steuerfreiheit bei den 18- bis 29-Jährigen (75%).

Zudem sollte die Politik die Anlegerrechten konsequent stärken – hier legt die forsa-Umfrage, wie oben dargelegt, den Finger in die Wunde: Die Aktionärsrechte in Deutschland sind noch immer unzureichend ausgestaltet – dies drückt sich vor allem in einem mangelnden Mitspracherecht von Minderheitsaktionären aus, die auch die niedrige Zahl an Aktionären hierzulande erklären könnte. Mit dem steigenden Interesse und möglicherweise zukünftigem Zugang der Gesamtbevölkerung zu den Kapitalmärkten ist eine Stärkung von Anlegerrechten in Deutschland unabdingbar.

Und zu guter Letzt könnte die Erhöhung des Sparerfreibetrags von derzeit 810 EUR pro Jahr auf beispielsweise 3.000 EUR an Aktien interessierte Deutsche zum Kauf bewegen. Immerhin ist dieser seit über zwölf Jahren unverändert und liegt heute sogar niedriger als vor 30 Jahren. Insbesondere für die zusätzliche private Altersvorsorge könnte ein höherer Sparerfreibetrag eine entlastende Wirkung zeigen. Dabei haben alle finanzpolitischen Maßnahmen eines gemeinsam: Die Umsetzung sollte besser heute als morgen erfolgen. Denn wie auch bei der kapitalgedeckten Altersvorsorge gilt: Time is money!

Robert Peres ist Rechtsanwalt und spezialisiert auf Anlegerschutz. 2016 gründete er mit anderen Privatanlegern die Initiative Minderheitsaktionäre, die sich um einen Dialog mit dem Gesetzgeber bemüht und sich für die Rechte von Anlegern einsetzt.