Bildnachweis: KI generiertes Bild || ChatGPT.

Der österreichische Spezialist für sicherheitskritische Kommunikation wächst deutlich schneller als der Markt. CEO Norbert Haslacher über das Milliardengeschäft mit der US-Luftverkehrskontrolle, neue Wachstumsmärkte bei Bahn und öffentlicher Sicherheit und die Übernahmepläne von Frequentis.


GoingPublic: Herr Haslacher, Frequentis hat das Umsatzwachstum für 2026 von rund 10 auf 15 % angehoben. Ist das bereits der Beginn einer neuen Wachstumskurve?

Haslacher: Wir glauben, dass wir den Wachstumspfad der vergangenen Jahre im Durchschnitt auch in den kommenden drei Jahren fortsetzen können. Natürlich gibt es Unsicherheiten. Ein wesentlicher Wachstumstreiber sind derzeit die USA, wo in diesem Jahr rund 12 Mrd. USD für die Modernisierung der Flugsicherung bereitgestellt wurden. Im ersten Halbjahr haben wir dort bereits eine sehr starke Entwicklung gesehen. Entscheidend ist, dass wir die Aufträge auch operativ umsetzen können. Gerade im Hardware-Bereich ist der Markt derzeit extrem angespannt, die Kapazitäten der Chipproduktion werden massiv von KI-Chips beansprucht. Von großen Herstellern bekommen wir derzeit teilweise nur schwer verlässliche Lieferzeiten und Preise.

Wie nachhaltig ist dieser US-Schub – und was macht ihn für Frequentis so attraktiv?

Das Programm zur Modernisierung der amerikanischen Flugsicherung ist zudem politisch breit getragen. Es ist kein Projekt einer bestimmten Regierung oder Partei. Nach einer Reihe von Zwischenfällen im amerikanischen Luftraum ist das Thema Sicherheit für die Bevölkerung sehr präsent. Gleichzeitig wächst der Flugverkehr. Die USA müssen ihre Infrastruktur modernisieren, und Frequentis spielt dabei eine Rolle. Deshalb sehen wir dort eine starke Wachstumsperspektive für die kommenden Jahre.

Welche weiteren Wachstumstreiber sehen Sie?

Im europäischen Bahnbereich ist GSM-R, das heutige digitale Kommunikationssystem für den Zugverkehr, am Ende seines Lebenszyklus angelangt und muss ersetzt werden. Weil der europäische Bahnverkehr grenzüberschreitend funktioniert, braucht es eine interoperable Lösung. Der Nachfolger wird auf 5G MCX beziehungsweise dem europäischen FRMCS-Standard basieren. Das ist ein riesiges Infrastrukturprogramm, das sich über viele Jahre erstrecken wird. Die ersten Ausschreibungen kommen jetzt, z. B. von den Schweizer Bundesbahnen. Im Bereich der Blaulicht-Organisationen, also Polizei, Rettung, Feuerwehr hat Schweden in diesem Jahr den Umstieg von TETRA auf 5G MCX ausgeschrieben. Entscheidend ist: Diese Programme ersetzen unser bestehendes Geschäft nicht, sondern erweitern es. Genau darin liegt die große Chance.

Seit dem Börsengang 2019 hat sich Frequentis in etwa verdoppelt, der Umsatz nähert sich der Marke von 700 Mio. EUR. Ist die Milliarde das nächste große Ziel?

Für 2026 liegt der Marktkonsens beim Umsatz inzwischen bei knapp 700 Mio. EUR, und mit dieser Wachstumserwartung fühlen wir uns grundsätzlich wohl. Die Milliarde Euro kann man sich irgendwann durchaus vorstellen. Einen konkreten Zeitpunkt dafür möchte ich aber nicht nennen. Wir wollen kein Potemkinsches Dorf in den Markt tragen. Unsere Priorität ist, das Wachstum nachhaltig zu gestalten und die Projekte erfolgreich umzusetzen.

Frequentis ist in der breiten Öffentlichkeit deutlich weniger bekannt als viele andere Technologieunternehmen. Stört Sie das?

Die entscheidende Frage ist: Wo wollen wir bekannt sein? In Österreich haben wir einen sehr hohen Bekanntheitsgrad. In Deutschland ist das naturgemäß anders, weil der Markt viel größer und fragmentierter ist. International ist Frequentis in der breiten Öffentlichkeit ebenfalls wenig präsent. In unserem Segment sieht das allerdings anders aus: Dort werden wir als Tier-1-Anbieter wahrgenommen. Wir haben rund 600 Behördenkunden weltweit und sind in unserem Markt sehr gut positioniert. Wir investieren zudem in Investor Relations, PR und Konferenzen, um Frequentis auch am Kapitalmarkt bekannter zu machen.

Wollen Sie diese Nische irgendwann verlassen?

Ganz im Gegenteil. Unsere Stärke ist genau diese Nische – und sie ist groß genug. Weltweit werden in unserem sicherheitskritischen Markt jedes Jahr Projekte im Volumen von rund 14 Mrd. EUR Euro ausgeschrieben. Mit unserem heutigen Produktportfolio können wir davon etwa 4 Mrd. EUR adressieren. Wir brauchen nicht ständig neue Kunden – wir wollen bei unseren bestehenden Auftraggebern mehr Geschäft machen. Dafür erweitern wir unser Produktportfolio und können so einen größeren Anteil ihrer Budgets abdecken. Das ist aus meiner Sicht wesentlich effizienter, als immer neue Kundensegmente zu erschließen. Wir verlassen dieses Umfeld nicht. Unsere gesamte DNA ist auf Anwendungen mit höchsten Sicherheitsanforderungen ausgerichtet.

Rund 20 % Ihres Umsatzes entfallen auf das Militär. Profitiert Frequentis damit vom weltweiten Anstieg der Verteidigungs- und Sicherheitsausgabe?

Wir sind seit Jahrzehnten im militärischen Bereich tätig, vor allem in den USA und innerhalb der NATO. Natürlich sehen wir jetzt zusätzliche Ausschreibungen. Themen wie Drohnen, Drohnenabwehr, die Absicherung von Flughäfen und kritischer Infrastruktur oder die Luftverteidigung führen zu höheren Budgets. Wir produzieren aber keine klassischen Rüstungsgüter. Wir liefern Kontrollzentralen, Kommunikation und Systeme für militärische Flugsicherung und Luftabwehr. Ich würde Frequentis deshalb nicht als Rüstungskonzern bezeichnen. Wir waren immer ein Technologiekonzern für besonders sicherheitsrelevante Anwendungen. Nur die Budgets in diesem Bereich sind inzwischen größer.

Sie wollen nicht nur organisch, sondern auch durch Übernahmen wachsen. Was muss ein Unternehmen mitbringen, damit Frequentis zugreift?

Es sollte profitabel sein und sich aus eigener Kraft tragen können. Wir sind keine klassische Restrukturierungsplattform und kaufen kein Unternehmen, um anschließend massiv Stellen abzubauen. Wir wollen Know-how erhalten. Außerdem muss die Unternehmenskultur passen. Frequentis ist trotz der Börsennotierung ein Familienunternehmen geblieben. Wir denken langfristig, wollen Innovationen entwickeln und keine unnötigen Risiken in die Bilanz nehmen. Wir sehen uns jedes Jahr rund 30 bis 35 Unternehmen an. Nur drei oder vier davon prüfen wir genauer. Eine Gesellschaft mit einem Umsatz von bis zu 100 Mio. Euro könnten wir uns inzwischen durchaus als Übernahmeziel vorstellen. Wichtig ist uns auch, dass Gründer und Eigentümer nach der Übernahme noch einige Jahre im Unternehmen bleiben. Wir wollen ihr Know-how nicht verlieren. Aktuell gibt es keinen konkreten Kandidaten, der diesen Kriterien entspricht.

Was dürfen Anleger von Frequentis in den kommenden Jahren erwarten?

Wir haben mehrere strukturelle Wachstumstreiber: die Modernisierung der amerikanischen Flugsicherung, der Ausbau des weltweiten Flugverkehrs, die Erneuerung der Bahnkommunikation und der Ersatz von TETRA sind Programme, die uns über viele Jahre beschäftigen werden. Auch personell wachsen wir mit. Inzwischen beschäftigen wir mehr als 3.000 Menschen aus 53 Nationen. Das zeigt, wie international Frequentis geworden ist. Unser Anspruch ist nicht, möglichst schnell möglichst groß zu werden. Wir wollen in unserem Markt langfristig führend bleiben und dabei nachhaltig wachsen.

Das Interview führte Christian Euler. 

Zum Interviewpartner

Norbert Haslacher, CEO, Frequentis || Foto: Frequentis

Norbert Haslacher verstärkt den Vorstand von Frequentis seit April 2015. In den ersten drei Jahren verantwortlich für Vertrieb & Marketing, wo sein Fokus auf dem Ausbau der Frequentis-Präsenz in den internationalen Märkten lag, übernahm er per Mitte April 2018 die Funktion des Vorstandsvorsitzenden (CEO). ​

Autor/Autorin

Christian Euler
Redakteur at GoingPublic Media AG

Christian Euler gehört zum Redaktionsteam der Kapitalmarkt-Plattform GoingPublic (GoingPublic, HV Magazin, www.goingpublic.de) und ist regelmäßig Autor von Beiträgen und Aktienanalysen. Als Redakteur beschäftigt er sich schon seit über 20 Jahren mit Wirtschaft und Finanzen.