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Das Jahr 2021 ist so oder so ein außergewöhnlich guter IPO-Jahrgang. Nach den ersten drei Quartalen war in Deutschland das höchste Emissionsvolumen seit 20 Jahren zu verzeichnen. Auch weltweit und vor allem in den USA hat sich eine ungeahnt positive Dynamik für Börsengänge entwickelt. Doch zuletzt häuften sich die Absagen geplanter Erstnotizen. Trans-O-Flex, Chronext und Babbel gaben jeweils das schwierige Marktumfeld als Grund für ihren Rückzieher an. Die Erzielung des avisierten Emissionserlöses war offensichtlich nicht mehr wahrscheinlich.

Die Gründe für die zuletzt getrübte Stimmung am IPO-Markt sind vielschichtig. Ein Aspekt dürfte die Flut an Neuemissionen im bisherigen Jahresverlauf sein, die teilweise auch auf Nachholeffekte aus dem Coronajahr 2020 zurückzuführen ist. Aktuell fehlt das noch zur Allokation bereitstehende Kapital, um weiterhin alle sich bietenden IPOs aufzunehmen. Viele potenzielle Zeichner werden wählerischer und bevorzugen eine gute Mischung aus Wachstumsperspektiven und Profitabilität. Denn die fundamentalen Aussichten für die kommenden Monate werden schwieriger. Zwar ist der langfristige Nachcorona-Wachstumspfad weiterhin intakt. Kurzfristig nehmen aber die Sorgen vor einem Abwürgen der Wirtschaft aufgrund anhaltender Lieferengpässe und Produktionskostenexplosionen zu. Besonders in China, der Konjunkturlokomotive der letzten eineinhalb Jahre, ist das Wirtschaftswachstum mit einem Plus im dritten Quartal von nur noch 0,2% nahezu zum Stillstand gekommen, auch aufgrund der regulatorischen Verschärfungen der Regierung und wegen des unsicheren Ausgangs der Evergrande-Krise. In Kombination mit derzeit massiv steigenden Inflationsraten erkennen viele sogar das volkswirtschaftliche Schreckensszenario der Stagflation. Zudem werden Anleger durch den in Aussicht stehenden Beginn des Tapering in den USA verunsichert. Nicht zufällig geht die Schwäche des IPO-Marktes nahezu zeitgleich mit dem Übergang vieler Aktienindizes in eine Konsolidierungsphase seit Anfang September einher.

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Unternehmen, die heute an die Börse gehen, laufen damit Gefahr, im Falle einer deutlicheren konjunkturellen Schwächephase gleich in den ersten Quartalsberichten Gewinnerwartungen und Ausblicke nach unten korrigieren zu müssen – kein vertrauenerweckender Start an der Börse. Ein weiterer Grund für die verhaltene Nachfrage mag die durchwachsene Bilanz der bisherigen IPOs sein. Viele Neuemissionen notieren heute unterhalb ihrer Ausgabepreise. Dieses Risiko wollen Anleger gegen Ende des Jahres vermutlich nicht mehr eingehen bzw. sie hoffen auf die Gelegenheit, zu günstigeren Kursen einsteigen zu können.

Von einem generellen Ende der positiven IPO-Marktphase kann aber nicht ausgegangen werden, auch wenn bis zum Jahresende die Unsicherheitsfaktoren vorerst weiter den Markt belasten dürften. Unsere Basisannahme ist, dass sich spätestens Anfang 2022 die Aussichten für die globale konjunkturelle Entwicklung wieder aufhellen sollten. Grundsätzlich bleiben die Aussichten für reale Assets und Risikoanlagen positiv angesichts weiterhin historisch expansiver geldpolitischer Ausrichtungen vieler Notenbanken, einer ab 2022 erwartbaren Fortsetzung des dynamischen globalen Aufschwungs sowie Aktienindizes nahe Höchstkursen und kaum vorhandener verzinslicher Anlagealternativen. Anfang des Jahres dürfte dann auch neu zu allokierendes Kapital und wieder vorhandene Risikobudgets die Nachfrage von Anlegerseite verbessern.

Über den Autor / die Autoren

Carsten Mumm

Carsten Mumm ist Chefvolkswirt bei der Privatbank Donner & Reuschel.