Es ist nun über eine Dekade Zeit vergangen, seit der damalige Senator Obama versuchte, den „Genomics and Personalized ­Medicine Act“ (GPMA) durch den US-Kongress zu bekommen, ein Versuch, der viele weitere Jahre lang mit diversen Neuanläufen eines immer wieder überarbeiteten und ergänzten Gesetzestextes nicht von Erfolg gekrönt war. So gibt es auch das darin ­enthaltene „Office for Personal Healthcare“ als Bestandteil des US-Gesundheitsministeriums nicht, eine in den überarbeiteten Gesetzestexten enthaltene „nationale Biobank“ entsteht erst seit Mitte 2016 an der Mayo Clinic – als Teil der schließlich vom ­Präsidenten Obama 2015 ausgerufenen „Precision Medicine Initiative“ (PMI). Von Dr. Georg Kääb

Ein weiterer Teil dieser dann präsidi­alen Initiative ist das sogenannte „all-of-US“-Forschungsprogramm, das über die longitudinale Untersuchung einer nationalen Kohorte von rund
1 Mio. US-Bürgern ein gewaltiges molekularbiologisches Forschungsprogramm beinhaltet und über die führenden Institutionen der US-Gesundheitsforschung verteilt. In diesen Zusammenhang fällt auch das „moon-shot“-Programm, das der ehemalige US-Vizepräsident mit seinem Namen (vielmehr dem seines an einem Hirntumor verstorbenen Sohnes) verknüpfen konnte und in dem für die nächsten zehn Jahre rund 6 Mrd. USD für den Kampf gegen den Krebs bereitgestellt werden sollen.

USA geben Startschuss

Dieser als etwas rückwärtsgewandt ­erscheinende historische Einstieg soll ­zeigen, dass es selbst im (zumindest bisher) gelobten Genom-Land USA ein gutes Jahrzehnt dauern kann, bis aus einer ­ersten gesetzlichen Initiative eine kraftvolle, finanziell stark ausgestattete Programmatik wird – und dass dies offensichtlich sehr stark u.a. mit der Person ­Obama zu tun hatte (nicht die Verzögerung, sondern natürlich die schlussend­liche Umsetzung). Es soll an dieser Stelle nicht der Versuch unternommen werden, vorherzusagen, was die neue US-Administration mit all diesen Vorgängerinitiativen machen wird, es bleibt festzuhalten, dass man in den USA zumindest einen deut­lichen Startschuss gegeben hat – und manchmal ist das ja fast wichtiger, als der Zieleinlauf nach einigen weiteren Stadionrunden.

Nun sollte man nie Deutschland mit den USA vergleichen, sondern eher Europa, um in den Zahlenkategorien einigermaßen im Maß zu bleiben. Auf der anderen Seite ist es geradezu erstaunlich, dass viele der in den US-Initiativen aufgeführten ­Bestandteile, die für eine patientenwirk­same Umsetzung der Personalisierten ­Medizin als notwendig angesehen werden, in Deutschland ebenfalls angeschoben wurden: mehrere Spitzencluster ­widmeten sich der Thematik; Förderprogramme zur klinischen Forschung rings um Biomarker und „individualisierte ­Medizin“ inklusive soge­nannte Demons­tratoren; System-Medizinische Ansätze, um die vielen komplexen molekularen Ebenen und Daten mit den unterschied­lichen Phänotypen zusammenzubringen; ja, sogar eine „nationale Biobank“ gibt es in Deutschland (auf dem ­Papier) ­bereits. Föderaltypisch ist dies ein „Netzwerk von Biobanken“ und im ersten Ansatz ­haben nun die Charité, Kiel, ­Aachen, Würzburg sowie Heidelberg ­jeweils eine zentrale Bio(material)bank und in einer neuen Ausschreibung werden noch ­einige ­weitere deutsche Standorte eine solche Förderung erhalten. Nicht ­gerade weniger kompliziert werden diese nationalen ­Vorhaben bekanntermaßen durch die ­Anknüpfung an die europä­ische Ebene, was nicht immer nur an der europäischen Ebene liegt, sondern auch daran, dass man sich national vortrefflich darum zu streiten beliebt, welcher nationale ­Knotenpunkt denn zum europäischen, zentralen Knotenpunkt verknüpft werden darf.

Hierzulande ist die Politik gefordert

Die wichtigste Erkenntnis jedoch ist: Eine nationale „Strategie“ einer Bundesregierung im Bereich der Personalisierten ­Medizin ist nicht zu erkennen. Die Rangeleien um Knoten-Standort, Infrastrukturförderung und also das liebe Fördergeld zeigen eher, dass allzu viele regionale ­Interessen und ebenso viele politische Einflüsterer auch ein wesentlicher Hinderungsgrund für eine kraftvolle nationale Programmatik sein können.

Doch ganz zum Schluss keimt Hoffnung auf, und diese hat, Sie ahnen es, mit Personen zu tun. Zwei kürzlich verlautbarte Stellungnahmen sind nämlich von der ­Autorenschaft bemerkenswert und könnten es schaffen, den „common sense“ mehr ins Zentrum zu stellen und regionale Partikularinteressen und Insellösungen zu überwinden.

So veröffentlichte das „Forum Gesundheitsforschung“ im April dieses Jahres eine Stellungnahme zur „Strategie für den Auf- und Ausbau einer ­Nationalen Infrastruktur für Hochdurchsatz-Sequenzierung (Next Generation Sequencing, NGS)“ und hält darin fest: „Die Medizin der ­Zukunft wird eine ­personalisierte Medizin sein. Maßgeschneiderte Prävention, Diagnostik und Therapie können Realität werden. ­Unabdingbare Basis dafür sind Next-Generation-Sequencing-Technolo­gien (NGS). NGS-Technologien sind in Deutschland zurzeit nicht auf interna­tionalem Top-Niveau und es fehlt eine ­koordinierende Struktur. Die Nutzung der vorhandenen Ressourcen ist stark von ­individuellen Interessen und lokalen Gegebenheiten geprägt.“

Zudem bestünde die Gefahr, dass Deutschland international abgehängt ­werde, wenn es nicht zu einem Paradigmenwechsel in der Etablierung und ­Nutzung der NGS-Infrastrukturen käme.

Ins gleiche Horn stießen kurz darauf der Verband der Universitätsklinika Deutschlands (VUD) sowie der Medizinische Fakultätentag (MFT), die ihrerseits bemängelten, dass es im Bereich der NGS „nur dezentrale Lösungen, die weder nachhaltig genug ausgebaut noch aus­finanziert sind“, gebe. Wichtig sei, die ­Zentren für die Genanalysen eng an die Kliniken anzubinden.

Heyo Kroemer, Präsident des MFT, zeichnete hier für dieses Unterstützungsschreiben – seiner interessanterweise von ihm selbst als Mitglied der Arbeitsgruppe des „Forums für Gesundheitsforschung“ mitverfassten Stellungnahme. In diesem Falle kann eine gewisse Ämterhäufung einmal wichtig sein, um ein Momentum zu entwickeln, das die Personalisierte Medizin in Deutschland dringend als nationalen Ansatz benötigt. Kroemer ist dabei mit einer der ersten Initiativen der persona­lisierten Medizin verknüpft, der GANI MED am Uniklinikum Greifswald, und durch den Wechsel nach Göttingen nun gleichzeitig „überregional“ und damit ein erfahrener und glaubwürdiger Fürsprecher für nationale Strategieempfehlungen.

Klinika wollen elektronische Patientenakte entwickeln

Eine weitere wichtige Initiative der deutschen Universitätsmedizin soll auch ­erwähnt werden: Im Zusammenhang mit einer aktuellen BMBF-Fördermaßnahme zur „Medizininformatik“ wollen die ­Universitätsklinika (VUD wiederum ­gemeinsam mit dem MFT) eine eigene elektronische Patientenakte entwickeln, die allen beteiligten Ärzten bei jedem ­Behandlungsschritt alle relevanten Informationen ­liefert und gleichzeitig das ­neueste Forschungswissen zur Verfügung stellt. Neu daran ist im Vergleich zu vielen singulären e-Health-Ansätzen vor allem, dass die ­vernetzte Patientenakte auch an die klinische und biomedizinische Forschung ­angebunden sein solle. So sollen die Daten aus der Krankenversorgung (endlich besser) in der Forschung ­genutzt werden, um „schneller Erkenntnisse über Erkrankungen und Behandlungskonzepte zu gewinnen“. Es tut sich also – vielleicht –etwas in Deutschland.­

Zum Autor

Dr. Georg Kääb ist Unternehmenssprecher, Leiter Corporate Communications, der BioM Biotech Cluster Development GmbH. Der studierte Biologe hat am Max-Planck-Institut für Neurobiologie promoviert.

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