Bildnachweis: QIAGEN, stock3.com.

Mit rund 9 Mrd. EUR Börsenwert ist die im DAX gelistete Qiagen (NL0015002SN0)-Aktie nach BioNTech (US090765V1026) das zweitgrößte Schwergewicht unter den deutschen Biotechs. Die erste Reaktion der Anleger auf die Geschäftszahlen für 2025 fällt jedoch negativ aus. Nach der Analystenkonferenz des Diagnostikspezialisten und Labordienstleisters am Donnerstagnachmittag verringern sich jedoch die Kursverluste und die Aktie dreht vor Börsenschluss ins Plus. Das Management um den scheidenden Vorstandschef Thierry Bernard hat in seiner Präsentation erklärt, warum sich das Wachstum nach einem verhaltenen ersten Halbjahr im Jahresverlauf beschleunigen soll. Von Stefan Riedel

 

Die in USD bilanzierende Gesellschaft hat den Konzernumsatz im Gesamtjahr bei konstanten Wechselkursen um fünf Prozent auf fast 2,1 Mrd. USD und im Schlussquartal 2026 um ein Prozent auf 540 Mio. USD gesteigert. Qiagen hat damit das obere Ende seiner Prognose für 2025 erreicht. Darin enthalten sind negative Wechselkurseffekte, aber auch Belastungen in Höhe von etwa 20 Mio. USD durch eingestellte Produkte wie NeuMoDx und Dialunox. Der bereinigte verwässerte Gewinn je Aktie kletterte auf 2,40 USD und toppte auch hier die eigene Prognose, die von 2,39 USD ausgegangen war.

Wachstumsträger überzeugen

„Qiagen hat in einem schwierigen Marktumfeld, das von Zurückhaltung bei Neuanschaffungen geprägt war, erneut ein solides profitables Wachstum gezeigt“, kommentierte Finanzvorstand Roland Sackers die Geschäftszahlen. Die Basis dafür gelegt haben die fünf von Qiagen als solche bezeichneten Wachstumsträger. Dazu zählen das Tuberkulose-Diagnostikum Quantiferon, die Probentechnologien, das Bioinformatikgeschäft, das Gerät QIAstat-Dx zur Diagnose von Infektionskrankheiten sowie Qiacuity, ein digitales molekularbiologisches Testsystem für die klinische Diagnostik. Dieses Quintett schaffte ein währungsbereinigtes Wachstum von 8 % und fast 1,5 Mrd. EUR Jahresumsatz.

QIAGEN-Aktienkurs am 6.2.26, 9:20 Uhr. Copyright, Quelle: stock3.com
QIAGEN-Aktienkurs am 6.2.26, 9:20 Uhr. Copyright, Quelle: stock3.com

Positiv überrascht hat Qiagen auch bei der Profitabilität. Ungeachtet von negativen Währungseffekten und Zollbelastungen schob sich die bereinigte operative Marge um 80 Basispunkte auf 29,5 %. Dass der operative Cashflow gegenüber dem Vorjahr leicht von 674 auf 654 Mio. USD schrumpfte, begründete das Unternehmen mit höheren Kapitalkosten für die IT-Infrastruktur. Mit 839 Mio. USD an Cashreserven sieht sich Qiagen nach den Worten von Sackers gut gerüstet für weitere Zukäufe.

Zukäufe und Produktneuheiten

Zwei solcher Akquisitionen hat Qiagen zuletzt abgeschlossen, um das eigene Produktportfolio zu erweitern. Die israelische Firma Genoox ist auf KI-basierte Software zur Genomdatenanalyse spezialisiert. 225 Mio. USD in Barmitteln zuzüglich bis zu 55 Mio. USD erfolgsabhängige Meilensteinzahlungen an die Anteilseigner legte Qiagen im November für die Übernahme von Parse Biosciences auf den Tisch. Das US-Unternehmen verfügt über eine Plattform, die Hochdurchsatz-Einzelzellanalysen in Milliardenzahlen ermöglicht. Ein großer Vorteil der Parse-Lösungen ist die hohe Skalierbarkeit: Sie erfordern kein spezielles Gerät und sind deshalb schnell in jedem Labor einsetzbar. Das Parse-Portfolio lieferte bereits im Dezember erste Erlöse und soll 2026 mit 40 Mio. USD zum Konzernumsatz beitragen.

Zu den eigenen Produktneuheiten für 2026 zählt die neue Generation von QuantiFERON, mit der Qiagen weitere Marktanteile erschließen will. 2025 glänzte QuantiFERON mit zweistelligen Wachstumsraten aus allen geografischen Regionen. Das neue Produkt soll Testergebnisse von 75 % mehr Patienten mit 25 % weniger Zeitaufwand auslesen können. „Bei drei Produktstarts betreten wir dieses Jahr komplett neue Märkte,“ erläuterte dazu Firmenchef Thierry Bernard.

Verhaltener Start 2026

Die neuen Produkte sollen im Verbund mit den fünf bestehenden Wachstumsträgern im Verlauf des Geschäftsjahres 2026 eine Wachstumsbeschleunigung herbeiführen. Für 2026 erwartet Qiagen ein währungsbereinigtes Umsatzwachstum in der Größenordnung von mindestens 5%. Der Gewinn je Aktie soll von 2,38 auf 2,50 US$ steigen. Die bereinigte operative Marge dürfte im Vergleich zu 2025 stabil bleiben, wobei etwa 160 Basispunkte Belastung durch die Übernahme von Parse sowie durch Zölle und Währungsschwankungen absorbiert werden dürften.

Ambitionierte Mittelfristziele

Dieser vorsichtige Ausblick in der Pressemitteilung zu den Zahlen hatte wohl etliche Investoren als erste Reaktion veranlasst, Qiagen-Aktien zu verkaufen. In der Analystenkonferenz erläuterte das Management die Gründe dafür. Das verhaltene Wachstum von bis zu 3% im ersten Halbjahr ist demnach auch den negativen Effekten durch die eingestellten Produkte NeuMoDx und Dialunox geschuldet. Im zweiten Halbjahr soll sich das Wachstum dann auf 7 % bis 8 % beschleunigen.

Mittelfristig hat sich Qiagen zum Ziel gesetzt, bis 2028 ein jährliches Umsatzwachstum von im Schnitt sieben Prozent einzufahren. Dann sollen die Wachstumsträger 2 Mrd. USD Jahresumsatz einfahren. Die bereinigte operative Marge soll bis dahin 31 % erreichen.

Dividende und Übernahmespekulationen

Qiagen will die Aktionäre noch stärker an der positiven Entwicklung beteiligen. Mehr als 1,1 Mrd. USD hat das Unternehmen vorzeitig an die Aktionäre zurückgeführt. Die Hauptversammlung im Juni soll über eine Dividende und neue Aktienrückkaufprogramme entscheiden.

Nicht geäußert hat sich das Management dagegen zu Übernahmespekulationen, die den Aktienkurs im Januar beflügelten. „Wir fühlen uns mit unseren organischen Wachstumsmöglichkeiten sehr gut aufgestellt“, kommentierte Finanzvorstand Sackers auf Nachfrage. Keine Auskunft gab es auch zu möglichen Nachfolgekandidaten für den scheidenden Vorstandschef Bernard. Im November hatte das Unternehmen angekündigt, dass der seit 2019 als CEO amtierende Franzose auf der Hauptversammlung im Juni nicht mehr für den Vorstand kandidieren wird.

FAZIT

Vor allem die an den Finanzmärkten wieder kursierenden Übernahmespekulationen hatten die Qiagen-Aktie im Januar auf das höchste Kursniveau seit drei Jahren befördert. Nach dem jüngsten Rücksetzer bezahlen Anleger für den Titel immer noch das 20-Fache des für 2027 erwarteten Gewinns je Aktie. Das ist auch für einen Diagnostikspezialisten mit einer im Branchenvergleich hohen operativen Marge von 29,5 % eine stattliche Bewertung. Um deutlich höhere Kurse jenseits der 50,00 EUR zu rechtfertigen, muss Qiagen in den nächsten Quartalen im operativen Geschäft liefern. Dazu muss die Nachfrage bei den zwei Endkundengruppen, der biopharmazeutischen Industrie und der akademischen Forschung, in den nächsten Quartalen deutlich anziehen.

Autor/Autorin

Stefan Riedel
Finanzredakteur at Büro für Kommunikation

Stefan Riedel ist in den internationalen Finanzmärkten unterwegs. Seit 20 Jahren schreibt der passionierte Börsianer für die Plattformen und Publikationen von GoingPublic Media, unter anderem GoingPublic und die Plattform Life Sciences.