Ist der polnische Life Science Sektor bereits reif für die globale Konkurrenz? Eine Frage, die Industrievertreter aus Deutschland, Russland, USA, China und Indien brennend interessierte und während einer von AGERON Polska organisierten Delegationsreise nach Polen geklärt werden sollte. Unter dem Motto „Polish biotech and pharma go global“ wurden Unternehmensführungen, Firmenpräsentationen und B2B-Gespräche geboten, die einen Einblick in die noch junge aber durchaus aufstrebende Szene geben sollten.

Die polnische Life Science Szene ist global ausgerichtet, dafür spricht schon die Tatsache, dass fast alle in den Life Sciences agierenden Wissenschafter Auslandserfahrungen in Englisch sprachigen Wissenschaftsstandorten vorweisen können. Und das ist auch nicht weiter verwunderlich, schließlich ist der US-Markt in den Bereichen Biotechnologie und Pharma nach wie vor der aussichtsreichste Markt der Welt.

Entstehung von Technologieparks

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Hauptgruppen der innovativen Produkte der polnischen Pharmaunternehmen in Polen, Quelle: aus „Polnische Biotechnologie und Pharmazie – ein Überblick“

Was die Delegationsreise auch zeigte, polnische Unternehmen wollen nicht mehr nur Biosimilars produzieren oder in Lohnherstellung für große Pharmaunternehmen arbeiten. Ziel vieler Firmen scheint eine eigene Entwicklung innovativer Produkte und Medikamente zu sein. Dafür sprechen auch die zahlreichen Technologieparks mit entsprechender Logistik, die sich vor allem in der Nähe der großen Städte etabliert haben. Dort findet man zwar auch viele Generika-Herstellern, vermehrt siedeln sich dort aber auch innovative Unternehmen aus Forschung und Auftragsforschung an – die meisten von ihnen kaum älter als fünf Jahre.

Life Science Unternehmen zieht es in die Städte

Die Zentren der jungen polnischen Life Science Szene liegen laut Abschlussbericht der Delegationsreise in Warschau und im benachbarten Lodz sowie in Krakau. Als weitere interessante Stützpunkte der Branche werden Danzig/Gdingen sowie Breslau an der Oder genannt. Die klassische Pharmaproduktion, wie sie POLPHARMA oder UNIA betreiben, scheint zu Gunsten von Unternehmen mit eigener Forschung und Entwicklung etwas in den Hintergrund zu treten. BIOTON S.A. ist ein Beispiel für einen solchen Wandel, das Unternehmen will neben Biosimilars nämlich auch eigene Arzneimittel für die Onkologie, Immunologie und Metabolik entwickeln.

Biotechnologie-Unternehmen in Polen

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Biotechnologie-Unternehmen in Polen, Quelle: aus „Polnische Biotechnologie und Pharmazie – ein Überblick“

Auch die polnische Regierung scheint das Potenzial der Life Sciences erkannt zu haben. Mit dem Slogan „Polish biotech and pharma go global“ sollen Partner für Joint Ventures aber auch Auftraggeber für Auftragsfertigung und Auftragsforschung auf die Expertise der Polen aufmerksam gemacht werden. Vor allem kleinere Unternehmen holen auf, ihre Anzahl wächst kontinuierlich. BIOTON aus Warschau, das rekombinantes Humaninsulin fertigt, erwirtschaftete 2012 bereits einen Umsatz von 31 Mio. EUR und zählt somit bereits zu den etablierten Firmen. Die Produktion des Proteins erfolgt in einer „state of the art“ Anlage, die in vier Schichten produziert und auch über EU-Fonds finanziert wurde. Am Institut für Biotechnologie und Antibiotika (www.iba.waw.pl) hat BIOTON bereits eigene Produkte für Diabetiker und Patienten mit metabolischen Störungen entwickelt. Produziert werden sie in der eigenen Anlage, die noch Ressourcen zur Verfügung hat.

Auch Zukunftsthemen wagen

Auch an Zukunftsthemen wagen sich die Polen, wie das 2009 in Danzig gegründete Unternehmen Biovico zeigt. Nutrazeuticals, also Lebensmittel mit pharmazeutischer Wirkung, will das Unternehmen zur Marktreife führen. Die Forschung erfolgt nicht nur in eigenen Labors sondern auch in Kooperation mit nationalen und internationalen Industriepartnern. Auch in der Auftragsforschung, bei den so genannten CROs (Contract Research Organisation), will Polen nicht hinten anstehen. Laut Delegationsbericht gibt es bereits Dienstleister, die Auftragsforschung und Auftragsanalytik anbieten und auch eine Expertise im Bereich klinischer Studien besitzen. Das in 2008 gegründete Unternehmen Blirt S.A. ist ein solcher Dienstleister und steht laut Delegationsbericht nur stellvertretend für die wachsende Vielfalt der Life Science Branche in Polen. Wer die Delegationsreise verpasst hat, aber dennoch Interesse an einer Kooperation mit einem polnischen Unternehmen hat, für den bietet die am 28. und 29. Mai in Lodz stattfindende Messe „Bioforum 2014“ eine gute Möglichkeit zur Information und Kontaktknüpfung.

Der Original-Delegationsbericht stammt von Dr. Anna K. Heide, Dipl.-Biol. – Patentanwältin, RUHR-IP Patentanwälte.

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