MRM Health hat im September vergangenen Jahres eine Series-B-Finanzierung über 55 Mio. EUR abgeschlossen; in der vergangenen Woche folgte die FDA-IND-Zulassung für den Start der Phase-2b-Studie STARFISH-UC. Im Interview erläutert CEO Dr. Sam Possemiers, warum der Arzneimittelkandidat MH002 heute im Zentrum der Wertschöpfung steht und wie sich das Unternehmen im Markt für Colitis-ulcerosa-Therapien positioniert. Von Urs Moesenfechtel

Plattform Life Sciences: Herr Dr. Possemiers, warum hat MRM Health den Arzneimittelkandidaten MH002, ein mikrobiombasiertes Therapeutikum zur Behandlung milder bis moderater Colitis ulcerosa, als zentralen Werttreiber für Investoren positioniert?

Dr. Possemiers ist Mitgründer und CEO von MRM Health und verfügt sowohl auf akademischer als auch auf industrieller Ebene über mehr als 15 Jahre Expertise in den Themenbereichen Mikrobiologie des Darms, Interaktionen zwischen Wirt und Mikrobiom sowie der Immunologie. Er war zuvor Mitgründer von ProDigest, das er über zwölf Jahre hinweg als CEO aufgebaut und geleitet hat. Zudem war er Mitgründer von MRM Technologies, einem Kompetenzzentrum für Mikrobiom-F&E, und zuvor als F&E-Direktor bei BioActor tätig, einem in den Niederlanden ansässigen Unternehmen für Health Ingredients. Er promovierte in intestinaler mikrobieller Ökologie an der Universität Gent (Belgien).

Sam Possemiers: Den Ausschlag dafür haben die klinischen Daten geliefert. Die Finanzierungsrunde war dann der Moment, in dem wir die klare Entscheidung getroffen haben, den Arzneimittelkandidaten MH002 konsequent in die klinische Weiterentwicklung zu überführen und den dafür notwendigen Kapitaleinsatz abzusichern. Die Ergebnisse aus den Jahren 2021 bis 2023 haben gezeigt, dass MH002 ein außergewöhnlich günstiges Sicherheitsprofil aufweist – deutlich sicherer als praktisch alle anderen Therapien in diesem Feld – und gleichzeitig eine Wirksamkeit erreicht, die sich im Vergleich behaupten kann. Gleichzeitig bleibt unsere CORAL-Plattform die technologische Grundlage unserer Arbeit, da sie definiert, wie wir solche Therapeutika entwickeln. In der klinischen Entwicklung und in der Kapitalallokation steht jedoch der Wirkstoff selbst im Mittelpunkt – weil er letztlich darüber entscheidet, welchen Unterschied wir für die Patienten machen können.

Warum bleibt Colitis ulcerosa aus Ihrer Sicht ein attraktives Entwicklungsfeld, obwohl andere Wirkmechanismen – etwa von Abivax – klinisch voranschreiten?

Trotz einer Vielzahl verfügbarer Therapieansätze sehen wir, dass die meisten Behandlungen nur bei etwa 15 bis 30 Prozent der Patienten wirklich wirksam sind. Entsprechend besteht nach wie vor ein hoher ungedeckter medizinischer Bedarf. Wir konzentrieren uns gezielt auf die milde bis moderate Colitis ulcerosa. Für diese Patientengruppe stehen heute im Wesentlichen nur klassische Erstlinien-Therapien wie 5-Aminosalicylate und Kortikosteroide zur Verfügung, die häufig keine dauerhafte Krankheitskontrolle ermöglichen. Wenn diese Therapien nicht ausreichend wirken, bleibt den Patienten oft nur der frühe Wechsel auf immunsuppressive Behandlungen, die sie in diesem Stadium der Erkrankung eigentlich noch nicht benötigen. Wir schließen diese Lücke mit einer alternativen step-up medication, die früher in der Behandlungskaskade eingesetzt werden kann und den Patienten eine wirksame, gut verträgliche Option bietet, bevor eine Eskalation auf immunsuppressive Therapien notwendig wird.

Mit der Series-B-Finanzierung haben Sie nun deutlich mehr finanziellen Spielraum, vor allem für die Phase-2b-Studie. Wo haben Sie ganz bewusst entschieden, dieses Geld nicht einzusetzen?

Natürlich fließt der Großteil der Mittel in die Phase-2b-Studie – das ist der zentrale klinische Prüfstein für MH002. Eine wesentliche Entscheidung lag aber auch darin, wie fokussiert wir bleiben. Wir haben uns ganz bewusst dagegen entschieden, das Unternehmen zu früh in die Breite zu entwickeln oder zusätzliche Programme aggressiv voranzutreiben. Stattdessen investieren wir gezielt dort, wo wir entweder kurzfristig klinische Klarheit gewinnen oder langfristig den Wert unserer Technologieplattform stärken können. Konkret bedeutet das: Neben MH002 treiben wir genau zwei frühe Programme in Richtung klinische Entwicklung voran – eines im Bereich Morbus Crohn und eines in der Immunonkologie. Uns war wichtig, den Fokus zu halten und gleichzeitig die Plattform so weiterzuentwickeln, dass sie auch über dieses eine Programm hinaus tragfähig bleibt.

Wie erleben Sie aktuell das Interesse von Investoren und potenziellen Partnern? Und welcher nächste Schritt wäre aus Ihrer Sicht entscheidend, um weitere Finanzierung zu ermöglichen?

Klassisches Venture Capital ist im Mikrobiom-Bereich nach wie vor zurückhaltend. Viele Investoren haben in der Vergangenheit in diesem Feld schlechte Erfahrungen gemacht und warten heute sehr bewusst auf robuste klinische Daten. Positive Phase-2b-Daten wären daher ein wirklicher Wendepunkt. Sie würden zeigen, dass unser differenzierter Ansatz nicht nur sicher, sondern auch in einer größeren Patientenpopulation wirksam ist. Gleichzeitig haben wir gemerkt, dass die Series-B-Finanzierung über 55 Millionen Euro im Markt als klares Signal wahrgenommen wurde, dass MRM Health die nächste Entwicklungsstufe erreicht hat. Die 55 Millionen Euro wurden im Markt deutlich wahrgenommen, bei Investoren ebenso wie bei spezialisierten Pharmaunternehmen – insbesondere bei Unternehmen mit einem klaren Fokus auf gastrointestinale Erkrankungen.

MRM Health ist derzeit auf der JP Morgan Healthcare Conference präsent. Welche Rolle spielt die Konferenz aktuell für das Unternehmen?

Die JP Morgan Healthcare Conference ist für uns vor allem ein Ort der Verdichtung. In sehr kurzer Zeit treffen wir dort Investoren, potenzielle Partner und Industrievertreter, mit denen wir unseren Entwicklungsstand und unsere strategische Ausrichtung diskutieren können. Unsere Finanzierungsrunde ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht finalisiert. Die 55 Millionen Euro ermöglichen uns die Phase-2b-Studie in Colitis ulcerosa sowie die Weiterentwicklung unserer frühen Programme. Für ein zusätzliches klinisches Programm in der seltenen Indikation Pouchitis, das aufgrund des Orphan-Status direkt in eine zulassungsrelevante Phase-3-Studie führen könnte, prüfen wir derzeit eine Ergänzungsfinanzierung. Entsprechend führen wir auf der Konferenz gezielt Gespräche.

Sie haben wachsendes Interesse spezialisierter Pharmaunternehmen angesprochen. Wie denken Sie aktuell über Partnerschaften?

Partnerschaften sind ein zentraler Bestandteil unserer Strategie. Wir wollen das Potenzial der CORAL-Plattform nicht ausschließlich über eigene Programme heben, sondern gezielt mit Industriepartnern zusammenarbeiten, um zusätzliche Indikationen zu adressieren.
Dabei sehen wir derzeit vor allem bei spezialisierten Pharmaunternehmen mit Fokus auf gastrointestinale Erkrankungen ein hohes Interesse. Große Pharmaunternehmen sind im Mikrobiom-Bereich oft noch abwartend, während spezialisierte Player offener für neue Ansätze sind. Diese Art von Partnerschaften kann für uns sowohl strategisch als auch finanziell sehr sinnvoll sein.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Urs Moesenfechtel.

Autor/Autorin

Redaktionsleiter Plattform Life Sciences at  | Website

Urs Moesenfechtel, M.A., ist seit 2021 Redaktionsleiter der GoingPublic Media AG - Plattform Life Sciences und für die Themenfelder Biotechnologie und Bioökonomie zuständig. Zuvor war er u.a. als Wissenschaftsredakteur für mehrere Forschungseinrichtungen tätig.