Bildnachweis: Art_spiral – stock.adobe.com, Immatics N.V..
Dank der jüngsten Fortschritte in der klinischen Pipeline hat die Aktie der auf Krebstherapien spezialisierten Biotechfirma ihren Börsenwert in den letzten drei Monaten in der Spitze verdoppelt. Aktuell ist die seit Sommer 2020 an der Nasdaq gelistete Immatics N.V. (NL0015285941) nach BioNTech, Qiagen und Evotec das vierte deutsche Biotechunternehmen, das bei der Marktkapitalisierung die Milliardenmarke knackt. Liefert Immatics im nächsten Jahr starke klinische Daten in einer zulassungsrelevanten Studie, steht die Aktie vor einer Neubewertung. Von Stefan Riedel
Die großen kurssteigernden Effekte positiver klinischer Resultate, die auf Fachkonferenzen präsentiert werden, sind bei Immatics Anfang Dezember 2025 zwar ausgeblieben; nichtsdestotrotz haben die auf dem ESMO Immuno-Oncology Congress in London präsentierten Daten aus einer laufenden Phase-1a-Dosis-Eskalationsstudie das Wirksamkeitspotenzial des Wirkstoffs IMA203CD8 gezeigt.
Bei IMA203CD8 handelt es sich um eine weiterentwickelte TCR-T-Zelltherapie mit verbesserter Pharmakologie. TCR-Ts sind gentechnisch veränderte T-Zellen mit Rezeptoren, die bestimmte Tumorantigene binden können und eine neue Form der Krebsimmuntherapie darstellen. Während sich CAR-T-Zellen gegen Oberflächenproteine richten, können TCR-Ts auch in den Zellen vorhandene Tumorantigene identifizieren.
Ein Killerduo gegen Tumorzellen
Immatics geht hier mit einem völlig neuen Ansatz solide Tumore an, die für mehr als 80 % aller Krebsarten verantwortlich sind. Das Zusammenspiel von einem Peptid und einem T-Zell-Rezeptor ist dabei der entscheidende Faktor. Über den HLA-Rezeptor, ein humanes Leukozyt-Antigen, werden diese Zielmoleküle auf der Zelloberfläche präsentiert. In Kombination mit einem T-Zell-Rezeptor (TCR) entsteht ein Schlüssel-(TCR)-Schloss-(Peptid)-Mechanismus, um die Zellen solider Tumoren zu knacken. Neben den Zelltherapien enthält die klinische Pipeline von Immatics auch bispezifische T-Zell-Rezeptoren. In der Krebsmedizin sieht sich Immatics als eines der wenigen Biotechunternehmen, das klinische Produkte mit diesen beiden therapeutischen Ansätzen entwickelt.
IMA203CD8 zielt darauf ab, das therapeutische Potenzial der PRAME-Targetierung über das Melanom hinaus auf weitere schwer behandelbare solide Tumoren auszuweiten. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf gynäkologischen Tumoren wie dem Ovarialkarzinom. Das Zielmolekül PRAME kommt bei einer Vielzahl von Tumorarten vor. Harpreet Singh, der Vorstandsvorsitzende von Immatics, ist davon überzeugt, dass PRAME eine der aktuell vielversprechendsten Zielstrukturen für die Behandlung unterschiedlichster Tumorarten darstellt: „PRAME ist ein einzigartiges Zielmolekül, da es in sehr vielen verschiedenen Krebsarten wie Eierstockkrebs, Hautkrebs, uvealem Melanom, Brustkrebs, Synovialsarkom, Lungenkrebs und Gebärmutterkrebs vorkommt, in gesundem Gewebe aber nicht oder kaum zu finden ist.“
Starke klinische Daten
Die auf dem ESMO Immuno-Oncology Congress in London präsentierten klinischen Studienergebnisse bis zum Datenstichtag 27. Oktober 2025 umfassen insgesamt 78 stark vorbehandelte Patienten mit fortgeschrittenen oder metastasierten PRAME-positiven soliden Tumoren. Die Patienten hatten zuvor im Durchschnitt drei systemische Therapielinien erhalten und verfügten nur noch über begrenzte Behandlungsoptionen. IMA203CD8 zeigte dabei über alle Dosisstufen hinweg ein insgesamt gutes Sicherheitsprofil. Auf Basis dieses Sicherheitsprofils wird die Dosiseskalation fortgeführt. Die Bestimmung der empfohlenen Phase-2-Dosis ist für 2026 vorgesehen.
In der Phase-1a-Dosis-Eskalationsstudie lag die objektive Ansprechrate bei 46 %. Bei rund drei Viertel der behandelten Patienten wurde eine Tumorverkleinerung beobachtet, die Krankheitskontrollrate nach sechs Wochen betrug 84 %. Ein erheblicher Anteil der Responder zeigte eine Tumorreduktion von mindestens 50 %, einzelne komplette Remissionen hielten über mehrere Jahre an. Ein zentrales Ergebnis der vorgestellten Daten ist das dosisabhängige Wirksamkeitssignal beim Ovarialkarzinom. Alle ansprechenden Patientinnen waren zuvor gegen platinbasierte Chemotherapien resistent.
Viele Tumorarten behandelbar
Firmenchef Harpreet Singh skizziert die potenziellen Vorteile des Wirkprofils folgendermaßen: „Im Unterschied zu unserem am weitesten fortgeschrittenen klinischen Kandidaten anzu-cel nutzt IMA203CD8 zwei unterschiedliche Typen von Immunzellen. Es sind die sogenannten CD8- und CD4-T-Zellen, die sich in ihren Fähigkeiten ergänzen, um Krebszellen noch besser und langfristiger zu bekämpfen. Durch diese verbesserten pharmakologischen Eigenschaften sehen wir das Potenzial, mit IMA203CD8 auch schwer behandelbare PRAME-positive solide Tumoren außerhalb von Hautkrebs zu adressieren, zum Beispiel Eierstockkrebs.“
Warum 2026 ein Schlüsseljahr wird
Aus Investorensicht bleibt anzu-cel der größte Werttreiber des Unternehmens. „Unser erklärtes Ziel ist es, dieses Produkt 2027 als unsere erste PRAME-Therapie auf den Markt zu bringen“, erläutert Singh. Zur Vermarktungsstrategie sagt er: „Aktuell planen wir, anzu-cel ohne Partner zu entwickeln. Dafür sind wir gut aufgestellt und richten unsere Organisation gezielt auf diese nächsten Schritte Richtung Marktzulassung aus.“
Als wichtigen Datenpunkt mit potenziell kurstreibendem Effekt sieht Singh im Jahr 2026 die Zwischen- und finale Analyse der Phase-3-Studie „SUPRAME“. Bei positiven Ergebnissen plant Immatics im ersten Halbjahr 2027 die Einreichung des Zulassungsantrags für die USA. Grünes Licht von Seiten der US-Behörde vorausgesetzt, will Immatics noch in der zweiten Jahreshälfte 2027 mit der Markteinführung starten.
Neue Kapitalmaßnahme
Die positive Resonanz der Investoren auf die klinischen Fortschritte hat Immatics Anfang Dezember für eine weitere Kapitalerhöhung genutzt. Im Rahmen eines gezeichneten Angebots verkaufte das Unternehmen 12,5 Mio. Aktien zu einem Preis von jeweils 10 USD. Der entsprechende Bruttoerlös belief sich auf 125 Mio. USD. An der Börse hatte sich Immatics zuletzt vor rund einem Jahr 150 Mio. USD frisches Kapital beschafft. Zum Stichtag 30. September 2025 verfügte das Unternehmen über 505,8 Mio. USD an Cashreserven. Legt man den Barmittelverbrauch von rund 204 Mio. USD im Zeitraum Januar bis September 2025 zugrunde, wäre Immatics bis zum Frühjahr 2028 durchfinanziert.
Positive Analystenstimmen
Schwarze Zahlen sind bei Immatics in den kommenden Jahren nicht zu erwarten. Die Konsensschätzungen der neun Analysten, die das Unternehmen beobachten, gehen jedoch davon aus, dass sich der Konzernverlust nach 2025 schrittweise verringert – von 241,4 Mio. EUR auf 196,5 Mio. EUR im Jahr 2027. Alle neun Analysten empfehlen die Aktie zum Kauf, wobei die Kursziele mit einer Spanne von 11,00 USD bis 25,00 USD weit auseinanderliegen. Auf Basis des aktuellen Aktienkurses sieht das optimistische Szenario bei einer Kurssteigerung von 143 % die faire Bewertung erreicht. In der konservativsten Schätzung verbleiben dagegen nur noch rund sieben Prozent bis zum Erreichen des Kursziels.
Fazit
Die Aktie ist hochspekulativ. Gelingt es Immatics im kommenden Jahr, mit den klinischen Kandidaten exzellente Wirksamkeitsdaten zu liefern, sollte die Aktie ein Kursfeuerwerk in deutlich zweistellige Kursregionen zünden. Im Bereich der TCR-T-Zelltherapien konkurriert Immatics mit zahlreichen börsennotierten und privaten Biotechunternehmen, darunter die T-Knife GmbH aus Berlin. Erhält anzu-cel die Zulassung, hätte das Produkt im Segment der soliden Tumoren einen Pionierstatus. Die möglichen jährlichen Spitzenumsätze sind daher derzeit nur schwer zu beziffern. Bei den bereits zugelassenen CAR-T-Therapien, die bei Blutkrebserkrankungen einen vergleichbaren technologischen Ansatz verfolgen, gehen aktuelle Branchenstudien davon aus, dass sich das kommerzielle Potenzial von 4,4 Mrd. USD im Jahr 2023 auf über 16 Mrd. USD im Jahr 2032 nahezu vervierfachen wird.
Autor/Autorin

Stefan Riedel
Stefan Riedel ist in den internationalen Finanzmärkten unterwegs. Seit 20 Jahren schreibt der passionierte Börsianer für die Plattformen und Publikationen von GoingPublic Media, unter anderem GoingPublic und die Plattform Life Sciences.








