Bildnachweis: Boehringer Ingelheim Venture Fund GmbH.

Der Boehringer Ingelheim Venture Fund (BIVF) ist ein globaler, evergreen Corporate Venture Fund mit klarem Fokus auf First-in-Class-Therapeutika. Als strategischer Investor kombiniert der BIVF tiefe wissenschaftliche Expertise mit langfristigem Kapital und operativer Board-Präsenz.

Plattform Life Sciences: Herr Dr. Mennerich, wo verorten Sie den Boehringer Ingelheim Venture Fund entlang der VC-Wertschöpfungskette?

Dr. Mennerich: Ganz klar, wir sind ein Frühphaseninvestor mit Fokus auf First-in-Class-Therapeutics. Wir investieren nicht in Drug Repurposing, nicht in Fast Follower und keine Me-too-Ansätze. Seit 2010 haben wir rund 72 Investments getätigt, bei etwa der Hälfte waren wir der erste echte Equity Investor. Wir sind ein strategischer Evergreen Fund einer Pharma-Corporation – mit zwei Zielen: strategischer Relevanz für Boehringer Ingelheim und nachhaltiger Wertentwicklung des Fonds. Wir verfolgen konsequent eine „follow-the-data“-Philosophie: dabei investieren wir in Daten und in Teams. Wir bringen echte Drug-R&D-Expertise ins Board. Die Finanz- und/oder legal Themen liefern wir durch unser Backoffice in Ingelheim.

Boehringer Ingelheim Venture Fund GmbH
Dr. Detlev Mennerich ist seit 2014 beim Boehringer Ingelheim Venture Fund (BIVF) tätig und übernahm im Januar 2025 die Funktion des Global Head. Er blickt auf eine über 20-jährige Laufbahn bei Boehringer Ingelheim zurück und verfügt über umfassende Erfahrung in Forschung, Wirkstoffentwicklung, Business Development und Venture Capital. Nach seiner Promotion in Zell- und Molekularbiologie begann Dr. Mennerich seine industrielle Karriere 2001 bei metaGen und Schering.
Als Investment Director des Boehringer Ingelheim Venture Fund investierte er seit 2014 in innovative therapeutische Ansätze und war Mitglied der Aufsichtsgremien von ViraTherapeutics und NBE Therapeutics, die 2018 bzw. 2020 von Boehringer Ingelheim übernommen wurden. 2020 übernahm er die Leitung der Einheit Discovery Research – Research Beyond Borders, bevor er 2022 zum Head of Business Development & Licensing bei Boehringer Ingelheim ernannt wurde. Coypright Foto: Boehringer Ingelheim Venture Fund GmbH

Wo investieren Sie geografisch – und welche Rolle spielt Deutschland dabei?

Wir investieren europaweit mit einem starken Schwerpunkt in der DACH-Region, darüber hinaus auch in den USA sowie in Asien, insbesondere in China und Singapur. Für uns ist entscheidend, wo exzellente Wissenschaft entsteht und wo wir Teams früh begleiten können. Deutschland und Europa verfügen über eine sehr starke wissenschaftliche Basis. Damit daraus global wettbewerbsfähige Biotech-Unternehmen entstehen, braucht es jedoch langfristiges Kapital und operative Erfahrung in der Umsetzung. Genau hier sehen wir unsere Rolle als Frühphaseninvestor mit der Idee First-time Entrepreneurs während ihrer Ausgründung mit Rat und Tat zu begleiten, um für weitere Investoren eine attaraktive Syndizierungsoppotunität zu generieren.

Viele Gründer fürchten bei Corporate VCs strategische Abhängigkeiten. Wie gehen Sie damit um?

Sehr klar: No strings attached. Es gibt keine Vorkaufsrechte, keine Exklusivitäten, keine Vetos. Wir sind eine eigenständige juristische Einheit und treffen unsere Investitionsentscheidungen autonom. Es gibt eine strikte Chinese Wall: Boehringer Ingelheim ist ein potenzieller Partner – nicht mehr und nicht weniger. Wir syndizieren bewusst mit anderen institutionellen und Corporate Venture Funds, um genau das zu unterstreichen.

Wie groß ist der Fonds operativ?

Unser Evergreen-Volumen liegt bei rund 350 Mio. EUR, durch Exits verfügen wir aktuell über mehr Kapital als ursprünglich eingezahlt. Pro Unternehmen können wir bis zu 25 Mio. EUR investieren. Typisch sind zweistellige Beteiligungen von 15 bis 25% inklusive Board Seat. Unser aktives Portfolio umfasst derzeit 52 Firmen, bei 42 sind wir im Board vertreten. Mehrere unserer Portfoliofirmen wurden von Boehringer Ingelheim selbst übernommen und als Satelliten mit halb-autonomen Research Einheiten weitergeführt, darunter die ViraTherapeutics, Innsbruck, die NBE-Therapeutics, Basel, die AMAL Therapeutics, Genf, sowie die T3 Pharma, Basel. Alle Assets werden heute von Boehringer Ingelheim klinisch weiterentwickelt – bei Erhalt des Biotech-Spirits.

Wo gehen Sie bewusst höhere Risiken ein?

Höhere Risiken gehen wir bei sogenannten Seismic-Shift-Wetten ein. Ein Beispiel ist antigenspezifische Immuntoleranz, etwa mit Topas Therapeutics, Hamburg, die kürzlich klinische Daten zur Zöliakie geliefert haben. Oder Immunoseneszenz und Thymusregeneration, wo wir mit TecRegen, Basel, ein sehr frühes europäisches Unternehmen aufgebaut haben. Das sind Hochrisiko-Themen – aber genau dafür ist ein Evergreen-Fund gemacht. Wir versuchen eine gute Balance zwischen „Seismic“ und den sog. „Proximity“-Projekten zu finden. Seismic addressiert medizinisches Neuland, z.B. antigenspezifische Immuntoleranz Induktion, oder Thymus-Regeneration, sowie Neurodegeneration, während unsere „Proximity“-Projekte nicht weniger interessant sind. Hier sind die Gesamtrisiken überschaubarer und strategisch sind solche Investments eher am Boehringer Ingelheim Fokus orientiert. Dabei schließen sich Seismic- and Proximity-Projekte nicht gegenseitig aus; manche Investments vereinen beides in einem, und macht sie dadurch hochinteressant.  Vielleicht abschließend noch ein Wort zu Plattformen. Wir investieren bewusst auch in Plattformtechnologien, wobei wir ein Augenmerk darauf legen, dass das Frontrunner Projekt der Werttreiber sein sollte, und nicht nur einen Proof-of-Technology darstellt.

Herr Dr. Mennerich, herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Urs Moesenfechtel.

Autor/Autorin

Redaktionsleiter Plattform Life Sciences at  | Website

Urs Moesenfechtel, M.A., ist seit 2021 Redaktionsleiter der GoingPublic Media AG - Plattform Life Sciences und für die Themenfelder Biotechnologie und Bioökonomie zuständig. Zuvor war er u.a. als Wissenschaftsredakteur für mehrere Forschungseinrichtungen tätig.