Brücken für Innovationen

Nie war die Wahrscheinlichkeit, 100 Jahre alt zu werden, höher als heute.[1] Daran hat auch die moderne Medizin einen großen Anteil. Wir sind mittlerweile in der Lage, Krankheiten zu heilen, die vor einer Generation noch nicht einmal behandelbar waren. Durch den bahnbrechenden medizinischen Fortschritt der vergangenen Jahrzehnte hat sich unser Bild von vielen Erkrankungen grundlegend verändert. Von Dr. Werner Lanthaler

Es gibt nicht mehr den einen Krebs oder den einen Diabetes; wir unterscheiden heute zwischen unzähligen Kombinationen aus Ausprägungen, Stadien und Verlaufsformen innerhalb einzelner Erkrankungen.

Blockbuster verlieren an Bedeutung

Doch nicht nur das spezielle Krankheitsbild wird in der modernen Medizin berücksichtigt, auch individuelle Eigenschaften des Patienten wie Alter, Geschlecht und physiologische Konstitution finden immer stärkeren Eingang in die Therapien. Dieser Trend, der häufig „Personalisierte Medizin“ genannt wird, stellt die Pharmabranche vor gewaltige Herausforderungen: Nicht nur müssen immer neue Wirkstoffe entwickelt werden, durch die Personalisierung der Therapien wird auch die Zahl der Patienten, für die ein neues Medikament entwickelt wird, tendenziell kleiner. In manchen Bereichen, beispielsweise in der Immuntherapie, sind die Verfahren derart individualisiert, dass Therapeutika direkt aus patienteneigenem Material gewonnen werden. Die Folge: Während die Kosten für die Entwicklung eines Medikaments stetig steigen, sinken die zu erwartenden Erlöse.[2]

Zehn aus 10.000

Der Innovationsdruck in der Pharmaindustrie ist enorm, denn die Hürden für eine Medikamentenzulassung sind nicht weniger hoch, nur weil ein Therapeutikum für eine kleinere Patientenzahl entwickelt wird. Dennoch ziehen sich viele Pharmaunternehmen aus der frühen Phase der Wirkstoffentdeckung zurück, weil die Fixkosten relativ hoch und die statistischen Erfolgsaussichten vergleichsweise gering sind. In dieser forschungsintensiven Phase werden aus bis zu 10.000 Wirkstoffkandidaten die zirka zehn vielversprechendsten Kandidaten für die weitere Entwicklung ausgewählt – eine entscheidende Weichenstellung.[3]

Quelle: Evotec AG

Externe Innovation erfordert effiziente Translation

Durch den Outsourcing-Trend sind Pharmaunternehmen immer stärker auf externe Innovation angewiesen. Doch nur wenn Wirkstoffkandidaten schnell und effizient aus der Discovery-Phase in die klinische Entwicklung überführt werden können, kann der enorme medizinische Bedarf gedeckt werden, ohne dass die Behandlungskosten explodieren. Mit dieser Aufgabe sind viele akademische Forschungseinrichtungen jedoch überfordert, weil es an Erfahrung und einer geeigneten Entwicklungsplattform mangelt. Der erste Schritt ist deshalb ein gelungener Sprung von der akademischen Forschung in die Pharmaentwicklung.

Das „Valley of Death“

Der Weg heraus aus der Uni ist nicht leicht, für junge Wissenschaftler nicht und erst recht nicht für Wirkstoffkandidaten. Nicht nur sind viele patentrechtliche, organisatorische und bürokratische Fragen zu klären: Außerhalb der Universität muss die Förderung für individuelle Projekte selbst eingeworben werden. Das lernt man während einer Promotion nur in den seltensten Fällen – und es nimmt sehr viel Zeit in Anspruch. Es kann bis zu 18 Monate dauern, das nötige Startkapital aus privaten Quellen einzuwerben – wenn es überhaupt gelingt. Diese Finanzierungslücke ist das sogenannte Tal des Todes, das „Valley of Death“, dem viele Forschungsprojekte zum Opfer fallen.[4]

Be first or be better

Gerade in einem hochkompetitiven Bereich wie der Wirkstoffentwicklung ist Zeit enorm wichtig. Wissenschaftler können davon ausgehen, dass sich innerhalb von 18 Monaten andere Marktteilnehmer einen Vorsprung erarbeitet haben, der nur schwer wieder einzuholen ist. Die besten Voraussetzungen für eine effiziente Translation innovativer Wirkstoffkandidaten sind eine gesicherte Finanzierung und eine professionelle Entwicklungsplattform.

Wissenschaft, Finanzierung und Know-how müssen zusammenfinden

Auch für Pharmaunternehmen ist es nicht einfach, mit Projekten aus der akademischen Forschung nahtlos weiterzuarbeiten. Ein Pharmariese hat den Versuch unternommen, intern die Daten von 70 externen Projekten zu reproduzieren, das Ergebnis war erschreckend: Nur in etwa 30% der Fälle stimmten die in-house, also in den eigenen Laboren produzierten Daten mit den veröffentlichten Daten überein.[5] Die Validierung der Daten ist für ein Pharmaunternehmen essenziell. Wird sie jedoch in-house durchgeführt, entstehen hohe Fixkosten für Personal und Labore – für Daten, die sich mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mit den Erwartungen decken. Auch Pharmaunternehmen haben deshalb ein Interesse daran, dass die Validierung und auch weitere Entwicklungsschritte extern, also mit variablen Kosten durchgeführt werden.

BRIDGE: eine Brücke – drei Gewinner

Evotecs BRIDGE bietet für diese Konstellation ein Geschäftsmodell, mit dem alle Partner zu Gewinnern werden. In einer EVT BRIDGE finden sich Stakeholder zu einer Partnerschaft zusammen, die drei Rollen abbilden: Geldgeber, Ideenstifter und wissenschaftliche Plattform. Wissenschaftler bewerben sich mit ihren Projekten zentral bei der BRIDGE, und nach einer Validierung der Daten entscheiden die Partner, ob sie das Projekt gemeinsam entwickeln wollen. Der Vorteil: eine klare Win-win-Situation.

Quelle: Evotec AG

Hand in Hand statt Auge um Auge

Bei einer BRIDGE-Kooperation teilen sich die Partner das Risiko und die Erträge der Entwicklung und treffen auch die Projektentscheidungen gemeinsam. Dabei stehen die Daten immer an erster Stelle. Kritische Entwicklungsschritte werden vorgezogen und das Investment stets auf die Reife der Daten abgestimmt. Damit bieten BRIDGEPartnerschaften Planbarkeit und Flexibilität, wo es bisher nur schwer kalkulierbare Risiken gab. Der große Vorteil für die wissenschaftlichen Partner ist, dass sofort eine professionelle Infrastruktur vorhanden ist. Alle Entwicklungsschritte finden auf der gleichen Plattform statt, auf der Evotec auch im Auftrag großer Pharmakonzerne neue Wirkstoffe entwickelt.

282 + 150 + 591 = EVT BRIDGEs

Die ersten Brücken sind nicht nur gebaut, sondern schon im Einsatz. Auf der BRIDGE LAB282 entwickelt Evotec gemeinsam mit den Partnern Oxford University und Oxford Sciences Innovation bereits 18 Projekte mit insgesamt 15 Wirkstoffkandidaten. Auch bei der ersten Finanzierungsrunde der kanadischen LAB150-BRIDGE haben Evotec und sein Partner MaRS Innovation drei vielversprechende Projekte für weitere Forschung identifiziert. Mit der LAB591 wurde im Mai gemeinsam mit den Partnern Arix Bioscience und Fred Hutchinson Cancer Research Center die erste US-amerikanische BRIDGE-Partnerschaft geschmiedet – hier wurden bereits zwei spannende Projekte identifiziert.

Ein innovativer Weg für effiziente translationale Forschung

Die Entwicklung der ersten BRIDGEs zeigt, dass Evotec mit dem Modell eine kritische Lücke füllt. Dass der Bedarf von beiden Seiten sehr groß ist, unterstreicht auch die Projektauslastung, die bei allen BRIDGEs bei über 100% liegt. Auch von Finanzpartnern und Universitäten, an denen es das BRIDGE-Modell noch nicht gibt, gehen regelmäßig Anfragen ein, aber: Weitere Brücken sind schon im Bau.

[1] Zeit Online: 100 Jahre? Sind doch kein Alter, 30.05.2017, www.zeit.de/wissen/gesundheit/2017-05/lebenserwartungdeutschland-demografie-alter-jahrgang-mann-frau

[2] Deloitte’s Centre for Health Solutions: A new future for R&D? Measuring the return from pharmaceutical innovation 2017, www2.deloitte.com/uk/en/pages/lifesciences-and-healthcare/articles/measuring-return-frompharmaceutical-innovation.html.

[3] Paul, S. M. et al.: How to improve R&D productivity: the pharmaceutical industry‘s grand challenge. In: Nature Reviews Drug Discovery 2010, Mar;9(3), S. 203–214.

[4] Butler, D.: Crossing the valley of death. In: Nature 2008 Jun 12; 453 (7197), S. 840–842.

[5] Arrowsmith, J.: Trial watch: Phase II failures: 2008–2010. In: Nature Reviews Drug Discovery Vol. 10 (2011), S. 328–329.