Bildnachweis: evannovostro – stock.adobe.com.

Mit einer exklusiven Lizenzvereinbarung mit Amgen im Gesamtpotenzial von bis zu 618 Mio. USD plus Royalties monetarisiert DISCO Pharmaceuticals ein über seine Surfaceome-Plattform identifiziertes Onkologie-Target. Der Deal fällt in eine Phase strategischer Weichenstellung: DISCO bereitet die nächsten Entwicklungsschritte vor und treibt eigene Programme in Richtung Klinik. Plattfrom Life Sciences sprach mit CEO Dr. Mark Manfredi über Deal-Logik, Priorisierung und die nächsten Schritte. Von Urs Moesenfechtel

DISCO Pharmaceuticals hat heute den Abschluss einer exklusiven Lizenzvereinbarung mit Amgen bekanntgegeben, mit der neuartige therapeutische Kandidaten gegen ein mithilfe der proprietären Surfaceome-Mapping-Plattform identifiziertes Krebs-Zielmolekül weiterentwickelt werden sollen. Im Rahmen der Vereinbarung kann DISCO bis zu 618 Mio. USD an potenziellem Gesamtdealwert sowie umsatzabhängige Lizenzgebühren erhalten. Amgen erhält die exklusiven weltweiten Rechte, die daraus entstehenden Programme zu entwickeln und zu vermarkten.

Nach Angaben des Unternehmens unterstreicht die Zusammenarbeit das Potenzial der Surfaceome-Plattform, bislang schwer zugängliche Zielstrukturen auf der Oberfläche von Krebszellen mit klinischer Relevanz zu identifizieren. DISCOs Technologie kombiniert Zelloberflächen-Proteomik mit einem fortgeschrittenen Mapping von Protein-Communities und dient als Grundlage für hochspezifische Therapieansätze, darunter ADCs und TCEs.

Plattform Life Sciences: Herr Dr. Manfredi, welche Rolle übernehmen Sie bei DISCO in der aktuellen Entwicklungsphase des Unternehmens?

Dr. Mark Manfredi, CEO, DISCO Pharmaceuticals
Dr. Mark Manfredi, CEO, DISCO Pharmaceuticals

Dr. Mark Manfredi: Meine langjährige Erfahrung besteht darin, Programme aus der Discovery in Richtung klinische Entwicklung zu führen. Entscheidend ist dabei, wissenschaftliche Überzeugung mit Finanzierbarkeit zu verbinden: Ein Programm muss nicht nur innovativ, sondern auch investierbar sein. Diese Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Entwicklung und Finanzierung habe ich über viele Jahre aufgebaut – unter anderem in meiner Zeit bei Ikena Oncology, wo ich den Aufbau des Unternehmens von einer sehr frühen Phase an mitverantwortet habe. Mein Fokus bei DISCO liegt nun darauf, aufbauend auf der Seed-Finanzierung gezielt die nächsten Entwicklungsschritte vorzubereiten. Das erfordert klare Prioritäten: die bewusste Entscheidung, welche Programme wir intern weiterentwickeln und wo Kollaborationen der sinnvollere Weg sind. Der Deal mit Amgen ermöglicht es uns, Wert zu realisieren, ohne eigenes Kapital in dieses Programm investieren zu müssen, und verschafft uns gleichzeitig den finanziellen und operativen Spielraum, jene internen Programme voranzutreiben, die das Fundament für eine erfolgreiche Series A bilden sollen.

Warum war jetzt der richtige Zeitpunkt, ein Programm an Amgen zu lizenzieren, statt es intern weiterzuentwickeln?

Unsere Plattform generiert mehr Möglichkeiten, als wir realistisch selbst verfolgen können. Programme durchlaufen einen Filter – von der Target-Identifikation über Validierung und translationale Arbeit bis hin zur Antikörper-Generierung. Viele scheiden dabei aus. Für die Programme, die ein bestimmtes Reifestadium erreichen, stoßen wir dennoch an Kapazitätsgrenzen. Durch Kollaborationen können wir Wert aus starken Programmen generieren, die wir intern nicht priorisieren. Wir realisieren möglicherweise nicht das gesamte Upside einer Eigenentwicklung, gewinnen aber kurzfristige wirtschaftliche Spielräume, um das Unternehmen weiter aufzubauen.

Besteht nicht die Gefahr, durch eine frühe Lizenzierung langfristiges Wertpotenzial abzugeben?

Wir haben mehrere Programme auf einem ähnlichen Entwicklungsstand. Wir entscheiden bewusst, welche wir intern finanzieren. Wenn man drei Lead-Programme hat, aber nur zwei finanzieren kann, bleibt entweder eines liegen – oder man entwickelt es in Kollaboration weiter und erhält Wert, wenn es vorankommt. Wichtig ist: Wir werden nicht alle Lead-Programme auslizenzieren. Das würde uns zu einer Art Dienstleister machen, nicht zu einem Biotech-Unternehmen. Unsere Pipeline ist breit genug, um eigene Entwicklungs-Inflektionspunkte zu erreichen.

Bedeutet der Deal, dass Amgen künftig Ihr exklusiver Kollaborationspartner ist?

Nein. Es handelt sich um eine klar abgegrenzte Kollaboration für ein einzelnes Asset. Unsere übrigen Programme bleiben vollständig intern. Diese Unabhängigkeit war uns sehr wichtig.

Was ist für DISCO bei einem solchen Deal wichtiger – kurzfristige Liquidität oder langfristiges Upside?

Beides. Wenn wir heute über 100 bis 150 Mio. USD Cash verfügen würden, sähe die Entscheidungslogik anders aus. Der Markt verbessert sich, bleibt aber anspruchsvoll. Der Deal verschafft uns Flexibilität. Er erlaubt es uns, mehrere interne Programme parallel statt sequenziell voranzutreiben. Kurzfristige Mittel sind notwendig, um langfristigen Wert aufzubauen.

Ihre interne Pipeline fokussiert weiterhin auf SCLC und MSS-CRC. Warum behalten Sie diese Programme im Haus?

Wir führen sowohl breite Surfaceome-Screens als auch fokussierte, sogenannte anchor-zentrische Screens über verschiedene Tumorentitäten hinweg durch. Daraus ergibt sich ein sehr großes Chancenportfolio. Der entscheidende Punkt ist Wettbewerbsfähigkeit. SCLC ist inzwischen ein stark umkämpftes Feld, etwa durch T-Zell-Engager und ADCs. Deshalb betrachten wir nicht nur das Target, sondern das gesamte therapeutische Konzept – Payloads, Modalitäten und die Frage, wie der Markt aussieht, wenn wir klinisch sind, nicht heute.

Worauf sollten Beobachter in den nächsten 12 bis 24 Monaten achten, um zu beurteilen, ob DISCO auf Kurs ist?

Entscheidend ist die Lieferung mehrerer Development Candidates. Das ist die Währung für eine Series A: wettbewerbsfähige Programme mit klarer Perspektive für den Eintritt in die Klinik und den Start einer Phase-I-Studie innerhalb dieses Zeitraums. Parallel dazu entwickeln wir die Plattform weiter. Sie hat bereits eine starke Pipeline hervorgebracht, bietet aber noch erhebliches zusätzliches Potenzial – innerhalb und außerhalb der Onkologie. Der Amgen-Deal ist für uns in erster Linie eine Validierung: Ein großes Pharmaunternehmen hat unsere Wissenschaft, unsere Targets und unsere Daten intensiv geprüft – und sich für eine Kollaboration entschieden. Diese Art externer Bestätigung ist für uns als junges Biotech-Unternehmen und insbesondere für Investoren von großer Bedeutung.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Urs Moesenfechtel.

Autor/Autorin

Redaktionsleiter Plattform Life Sciences at  | Website

Urs Moesenfechtel, M.A., ist seit 2021 Redaktionsleiter der GoingPublic Media AG - Plattform Life Sciences und für die Themenfelder Biotechnologie und Bioökonomie zuständig. Zuvor war er u.a. als Wissenschaftsredakteur für mehrere Forschungseinrichtungen tätig.