Mit Inkrafttreten des neuen Deutschen Rechnungslegungsstandards DRS 20 haben sich die Anforderungen an die Lageberichterstattung deutlich erhöht. Das gilt allen voran für den Prognose-, Chancen- und Risikobericht. Analysen der Prognosegenauigkeit in den Geschäftsberichten 2013 zeigen, dass die Unternehmen bisher durchaus unterschiedlich mit den neuen Anforderungen umgehen – verbliebene Ausweichmöglichkeiten werden gerne genutzt.

Regine Petsch, Managing Partner, Finance Advice
Regine Petsch, Managing Partner, Finance Advice

Der Prognosebericht nach DRS 20 soll den weitestgehend vergangenheitsorientierten Konzernabschluss um eine prospektive Berichterstattung ergänzen und erweitern. Zwar ist der Prognose-Zeitraum von „mindestens“ zwei Jahren auf ein Jahr geschrumpft, doch müssen Prognosen sich nunmehr auf „die bedeutsamsten“ Leistungsindikatoren beziehen, die zur internen Steuerung des Konzerns verwendet werden. Lässt das den Unternehmen immerhin noch Spielraum bei der Auswahl der Indikatoren, wurden die Anforderungen an die Prognosegenauigkeit erhöht: Reine Trendaussagen stellen einen klaren Regelverstoß dar, stattdessen verlangt das neue Regelwerk die Angabe von Punkt-, Intervall- oder „qualifiziert-komparativen“ Prognosen. Ein typisches Formulierungsbeispiel für letztere Prognoseform ist etwa die „moderate Steigerung des operativen Ergebnisses“. Die Festlegung auf eine konkrete Größenordnung wird vermieden – zumindest vordergründig.

Beliebte Ausweichmanöver

Diese Ausweichmöglichkeit ist offenbar durchaus gefragt, selbst wenn es um so zentrale Kennzahlen wie Umsatz und Ergebnis geht. Eine Auswertung der prognostizierten Ergebnisse in den letzten Geschäftsberichten der DAX-Unternehmen durch die Unternehmensberatung Advice Partners zeigt, dass fast ein Drittel sich in ihrem Ausblick auf eine „qualifiziert-komparative“ Prognose ohne konkrete Ergebniszahlen beschränkte. Nur sechs DAX-Mitglieder wagten eine Punktprognose, teilweise mit Einschränkung wie der Nennung einer „runden“ Zahl.

15 Unternehmen und damit die Hälfte im DAX bevorzugten die Angabe eines Intervalls, in dessen Rahmen sich das Ergebnis bewegen soll. Drei von ihnen beschränkten sich allerdings auf die Angabe einer Spanne zur erwarteten Ergebnismarge. Ohne genaue Angabe des in diesem Zusammenhang erwarteten Umsatzes bleibt auch hier Raum für Interpretationen. Sobald es aber um den Ausblick zu weiteren Kennzahlen geht, erfreut sich die qualifiziert-komparative Prognose ganz besonderer Beliebtheit bei den DAX-Unternehmen.

Zu einem vergleichbaren Ergebnis kam der Lehrstuhl für ABWL und Externes Rechnungswesen an der Fachholschule Kiel in einer Analyse der Prognoseberichte der 110 HDAX- sowie der SDAX-Unternehmen. Demnach gaben nur 45% der Unternehmen quantitative Prognosen ab, zumeist in Form von Intervallen. Gut 30% setzten auf die qualifiziert-komparative Prognose. Vor allem bemerkenswert: Fast ein Viertel der ausgewerteten Unternehmen beschränkte sich auf Trendaussagen (etwa einen „steigenden Umsatz“) oder qualitative Prognosen, die beide nach DRS 20 gar nicht mehr zulässig sind. Zwar berücksichtigte diese Analyse Unternehmensprognosen zu verschiedenen Kennzahlen und bei den kommunizierten Erwartungen zum Ergebnis lag der Anteil der reinen Trendangaben unter 20%. Die angemessene Berücksichtigung eines Rechnungslegungsstandards sieht dennoch anders aus.

Unerfahrene Anleger sind im Nachteil

Grafik_Regine Petsch_Finance AdviceWie die durchaus standardkonforme qualifiziert-komparative Prognose gelesen wird, hängt ab von der Unternehmenshistorie und dem Branchenkontext – es darf spekuliert werden! Weniger erfahrene Anleger werden weitgehend allein gelassen mit Qualifizierungen wie „moderat“ oder „signifikant“. Unternehmenskenner indes können sich einen Reim daraus machen und diesen Informationsvorsprung auch für sich nutzen. Zumal sich solche Aussagen aufgrund von Erfahrungswerten irgendwann klar interpretieren lassen. Erzielt ein Unternehmen zum Beispiel zwei Jahre in Folge 5% mehr Umsatz und spricht weiter von einem „signifikanten Anstieg“, dann erwarten Investoren im dritten Jahr wahrscheinlich wieder ein Umsatzplus von 5% oder mehr. So nähert man sich ungewollt der Punkt-Prognose – möglicherweise ein Grund mehr, im Zweifelsfall lieber Intervalle anzugeben.

Dass auch qualifiziert-komparative Prognosen zu großen Kursbewegungen führen können, zeigt im Übrigen das Beispiel BMW: Nachdem der Konzern am 19. März 2014 seinen Geschäftsbericht für 2013 vorgelegt hatte, betrug das Kursplus an diesem Tag zeitweise 8%. Entscheidend dafür war Analysten zufolge der Ausblick des Unternehmens auf einen „deutlichen“ Anstieg des Konzernergebnisses vor Steuern für 2014. Für ein Unternehmen in einer konjunktursensiblen Branche ist auch das schon ein Wort.

Fazit

Nicht von ungefähr wagen nur wenige DAX-Unternehmen Punkt-Prognosen für ihre Ergebnisse und setzt eine Mehrheit auf die Intervall-Prognose. So bleibt immerhin noch Spielraum bei der Erfüllung der Investorenerwartungen. Mit einer qualifiziert-komparativen Prognose indes wird ein Gutteil des Erwartungsmanagements an den Leser delegiert. Das benachteiligt weniger erfahrene Anleger – bei längerfristig durchaus fragwürdigem Nutzen für das Unternehmen.

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