Investor Relations haben sich in den letzten 30 Jahren sehr dynamisch in Deutschland entwickelt. Mit dem Wandel des deutschen Wirtschafts und Finanzsystems von der Deutschland AG zum „Finanzplatz Deutschland“ wurde auch die Kommunikation mit dem Kapitalmarkt als Thema virulent: Namentlich können BASF, Bayer, Daimler, Nixdorf, Siemens, Schering oder VW genannt werden, die bereits in den 80ern eine IRPosition im Unternehmen implementierten. Von einem „Durchbruch“ dieser neuen, bis dato unbekannten Managementpraxis kann man jedoch erst ab Mitte der 90er mit dem Aufkommen des Neuen Marktes und der Bedeutungszunahme des Kapitalmarkts in der Breite sprechen.

Dr. Kristin Köhler, Geschäftsführerin des Center for Corporate Reporting (CCR) in Zürich
Dr. Kristin Köhler, Geschäftsführerin
des Center for Corporate Reporting
(CCR) in Zürich

Von Null auf 100
Investor Relations haben sich erstaunlich schnell professionalisiert. Damit ist nicht nur die Verbreitung bei deutschen Unternehmen und die Gründung und Etablierung des DIRK e.V. als Berufsverband gemeint. IR „made in Germany“ wird im internationalen Kontext als Best Practice angesehen. Zahlreiche Auszeichnungen und Preise beschäftigen sich inzwischen mit IR. Es gibt Weiterbildungsangebote für Investor‐Relations‐Manager, regelmäßig stattfindende Konferenzen, einschlägige Publikationen und wissenschaftliche Forschungsprojekte. Weitere Interessenvereinigungen wie der IR Club entstehen im Berufsfeld. Von Null auf 100 in nur 30 Jahren – also alles gut im IR-Kosmos?

Professionalisierung mit Abstrichen
Mitnichten. Ja, es hat sich ein Berufsfeld entwickelt. Es handelt sich bei Investor Relations jedoch um ein Mikroberufsfeld mit ca. 1.500 Berufsangehörigen. Viel weitreichender als die Frage der Verbreitung ist die Betrachtung des Berufsverständnisses. Von der Etablierung einer Profession spricht man erst, wenn es nicht nur ein spezifisches Aufgabengebiet und berufstypische Tätigkeiten, sondern auch ein einheitliches Berufsbild, einen geregelter Berufszugang und eine bestimmte Berufskultur gibt. Dies ist in Deutschland noch nicht der Fall.

Investor Relations mal fünf
Insbesondere die Illusion eines einheitlichen Berufsbildes hält dem Realitätscheck nicht stand. Investor Relations gibt es nicht in einer, sondern gleich in fünf Ausprägungen: IR als Informationspflicht, als Kommunikationsfunktion, als Marketingfunktion, als Finanzfunktion und als integrierte Funktion. Diese entsprechen dem Selbstverständnis der Professionsangehörigen und der Fremdwahrnehmung der verschiedenen Kapitalmarktakteure und stehen stellvertretend für die Rolle, die Investor Relations im Unternehmen und im Kapitalmarkt spielen.

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