Bildnachweis: Foto: © trecc – Adobe Stock.

Die Hauptversammlungssaison 2026 hat begonnen und der deutsche Aktienmarkt zeigt Stärke. Doch geopolitische und wirtschaftliche Faktoren bringen Unsicherheiten. Zudem stehen die Vorstellungen europäischer Aktionäre bei Nachhaltigkeits- und Diversitätsthemen den Entwicklungen in den USA oft diametral gegenüber. Das belastet auch die Aktionärsdemokratie. Von Ingo Speich

Dieser Beitrag ist auch im HV Magazin 01/26 erschienen.


Der deutsche Aktienmarkt zeigt sich in guter Verfassung. Die Lage ist solide; besser, als es häufig den Anschein hat. Nach den Berechnungen von Deka werden Dividendenzahlungen von rund 53 Mrd. EUR erwartet. Das entspricht einer Ausschüttungsquote von 43 %, die damit über dem jahrelangen Durchschnitt von rund 40 % liegen wird. Gleichzeitig ist eine Zunahme bei den Aktienrückkäufen auf rund 20 Mrd. EUR zu erkennen. So kommt für die Aktionäre eine Ausschüttungssumme von mehr als 70 Mrd. EUR allein für den DAX40 zusammen.

Trotz dieser positiven Entwicklungen gibt es Herausforderungen, die nicht ignoriert werden dürfen. Insbesondere die Tendenzen in den USA sorgen für Unsicherheiten – bei den Unternehmen und bei Investoren. Klagen von US-Bundesstaaten gegen Banken und Vermögensverwalter wegen der Integration von Nachhaltigkeitselementen in Anlageentscheidungen sowie die Einschränkung der Rechte von Stimmrechtsberatern können auch die Aktionärsdemokratie in Deutschland gefährden. In dieser HV-Saison gilt es, den Blick zu schärfen und die Auswirkungen dieser Politik auf die Unternehmen genau zu beobachten. Drei Themenfelder stehen dabei besonders im Fokus: Handelsbarrieren, Geopolitik und ESG-Rückschritte.

Auswirkungen von Zöllen und Handelsbarrieren

Unter der neuen US-Regierung haben die politischen und wirtschaftlichen Risiken zugenommen. Durch die Zollpolitik geraten vor allem exportlastige Konzerne in Deutschland und Europa unter Druck. Sie müssen sich auf einen härteren Wettbewerb einstellen und gleichzeitig höhere Handelsbarrieren in den USA hinnehmen.

Steigende Kosten sind die Folge, und es ist unklar, wer diese am Ende trägt – Kunden, Zulieferer oder die Unternehmen und damit die Aktionäre. Für viele Unternehmen stellt sich die Frage, ob sie ihr Geschäftsmodell, die Produktion und die Lieferketten neu ausrichten müssen. Diese Umstrukturierungen führen möglicherweise zu höheren Investitionen in neue Märkte oder Technologien, während in anderen Fällen Geschäftsbereiche vollständig aufgegeben werden. Gleichzeitig besteht eine große Unsicherheit darüber, wie sich steigende Handelskosten auf die Profitabilität der Unternehmen auswirken.

Die wachsende Protektionismuspolitik der Regierung unter US-Präsident Donald Trump führt nicht nur zu kurzfristigen Marktschwankungen, sondern auch zu einer möglichen Destabilisierung der globalen Lieferketten. Insbesondere Unternehmen, die auf solche weltweiten Lieferketten angewiesen sind, könnten mit höheren Produktionskosten oder logistischen Herausforderungen konfrontiert werden. Die Anpassungsfähigkeit der Unternehmen und deren zukünftige Rentabilität steht daher besonders im Fokus von Investoren. Bei den Hauptversammlungen bietet es sich an, die Anpassungsstrategien der Unternehmen zu hinterfragen.

Globale Perspektive schärfen

Geopolitik wird langfristig also immer bedeutender. Die entsprechende Expertise muss deshalb viel stärker in den Kontrollgremien verankert werden. Eng damit verbunden ist auch die Frage der zukünftigen „Profitpools“, also in welchen Geschäftsbereichen Unternehmen künftig Geld verdienen können.

Unweigerlich fällt der Blick auf eine der am stärksten wachsenden Branchen: die Rüstungsindustrie als neuer Kunde. Hier ist der Aufsichtsrat als Sparringspartner für den Vorstand besonders gefragt, um z.B. Branchenkenntnisse einzubringen und über Reputationsrisiken zu entscheiden.

Rückschritt bei ESG-Anforderungen

Veränderungen gibt es derzeit aufgrund der Vorgaben der US-Regierung auch bei ESG-Themen wie Klimastrategien und Diversität.

In den USA bleibt den Unternehmen nichts anderes übrig, als die dort geltende Gesetzes- und Regulierungslage einzuhalten. Hier ist Verstand gefordert: Denn eine Umkehrung der ESG-Kriterien entspricht nicht der Vorstellung europäischer Investoren für die moderne Unternehmensführung. Je nach Vorgehen und Kommunikation der Unternehmen kann im Extremfall die Entlastung des Managements in der Hauptversammlung gefährdet sein.

Der Klimawandel wird sich weiter verschärfen. Durch ein „Say on Climate“, also die Abstimmung über die Klimastrategie eines Unternehmens auf der Hauptversammlung, können die Aktionärsrechte und die Position des Vorstands bei Klimathemen weiter gestärkt werden. Die Klimastrategie war 2025 Gegenstand in nahezu allen Redebeiträgen von Deka Investment auf Hauptversammlungen. Auch in diesem Jahr wird das Klimathema wieder präsent sein.

Auch bei der Verankerung von Diversitätszielen in den Vergütungsprogrammen werden Anpassungen erfolgen.

Gemäß einem Dekret der US-Regierung sollen Programme für Vielfalt, Chancengleichheit und Inklusion in Unternehmen überprüft werden. Dies wirft für uns Investoren auf Hauptversammlungen Fragen zur Ausrichtung der Unternehmenspolitik auf. Die Vorstellungen europäischer Aktionäre sind oft diametral zu den Entwicklungen in den USA zu sehen. Amerikanische Aktionäre werden häufig den neuen Vorgaben folgen. Damit sinken die Zustimmungsquoten voraussichtlich. Bereits in der letzten Saison erreichten die Ergebnisse von 84 Unternehmen bei Geschlechterdiversität nicht die Anforderungen von Deka Investment, sodass die Abstimmung gegen eine Entlastung und/oder Wiederwahl des Managements ausfiel. Durch die aktuellen Entwicklungen ist eine Verschärfung sehr wahrscheinlich.

Engagement auf Hauptversammlungen

Zusätzlich zu den inhaltlichen Änderungen hat die amerikanische Aufsichtsbehörde SEC neue Regelungen für den Dialog zwischen Aktionären und Unternehmen erlassen. In Summe ist von einer größeren Zurückhaltung von institutionellen US-Anlegern bei HVs auszugehen, die zu sinkenden Präsenzen führen kann. Dies wiederum kann die Wahrscheinlichkeit von Zufallsmehrheiten erhöhen.

Deka Investment wird die Präsenz mit Redebeiträgen weiter steigern. Sie hat im vergangenen Jahr bei rund 1.200 Hauptversammlungen abgestimmt, der größte Anteil davon international. Genau diese Abstimmungen sind entscheidend, denn die amerikanische Politik wirkt sich global aus. 39 % der internationalen Abstimmungen 2025 fanden in den USA statt. Das Ziel von Deka Investment und auch der anderen Investoren sollte es sein, diese Aktivität hochzuhalten – und nicht nur die Hauptversammlungen, sondern auch Dialoge für den Austausch zu nutzen.

Fazit

Die Entwicklungen in den USA prägen die aktuelle HV-Saison deutlich. Es bleibt abzuwarten, wie die neuen Regularien sich darauf auswirken. Unabhängig davon gilt es, Aspekte der Nachhaltigkeit weiter mit Augenmaß einzufordern, mit dem Ziel einer langfristigen Wertsteigerung. Erfüllen die Unternehmen die Anforderungen nicht, kann dies eine Nichtentlastung zur Folge haben.

Autor/Autorin

Ingo Speich
Head of Sustainability & Corporate Governance at Deka Investment

Ingo Speich ist Head of Sustainability & Corporate Governance bei Deka Investment in Frankfurt am Main. In dieser Funktion verantwortet er die strategische Verankerung von Nachhaltigkeit, Corporate Governance und aktivem Aktionärsdialog in der Kapitalanlage.