Das IPO-Jahr 2018 konnte sich ohne Zweifel sehen lassen. Der deutsche IPO-Markt erreichte erstmals nach fast 20 Jahren wieder ein Emissionsvolumen im zweistelligen Milliardenbereich[1]. Die Biotech-Branche bleibt am deutschen Kapitalmarkt allerdings nach wie vor außen vor. Von Prof. Dr. Wolfgang Blättchen

Prof. Dr. Wolfgang Blättchen
Gastautor Prof. Dr. Wolfgang Blättchen

Ohne die beiden Mega-Emissionen von Siemens Healthineers (4,2 Mrd. EUR) und Knorr-Bremse (3,8 Mrd. EUR) sähe das Bild freilich anders aus. Sieht man sich die Branchen an, so sind es vor allem Technologieanbieter aus der Industrie, Finanzdienstleister sowie Immobiliengesellschaften, die den deutschen IPO-Markt beherrschen. Eine Branche bleibt jedoch seit Jahren der deutschen Börse fern: die (rote) Biotechnologie. Obwohl sich hier mit neuen Therapieverfahren wie CRISP(R), CAR-T oder mRNA eine Revolution in der Behandlung von lebensbedrohlichen Krankheiten wie Krebs und schweren Infektions anbahnt, die durchaus den gleichen ökonomischen Stellenwert besitzt wie die Digitalisierung der Industrie (Industrie 4.0), ist am hiesigen IPO-Markt bisher davon nichts zu spüren. Dabei gibt es eine Reihe von nicht börsennotierten deutschen Biotechunternehmen, die sich erfolgreich mit diesen neuen Therapieformen befassen und Finanzierungsrunden im zwei- und sogar dreistelligen Millionenbereich erzielen – BioNTech und CureVac zählen z.B. dazu.

Eine regelrechte Goldgräberstimmung für Biotech- und Healthcare-Neuemissionen herrscht dagegen an den US-Börsen, die im vergangenen Jahr nach den bereits sehr starken Jahren 2013 und 2014 einen neuen Emissionsrekord von über 8 Mrd. USD erzielten. Die US-Börsen sind zudem mit einem Marktanteil von fast 70% der führende Börsenplatz für die Kapitalmarktfinanzierung dieser Industrie. Anders als in den Jahren zuvor können zunehmend Platzierungen beobachtet werden, die deutlich über der für Biotech-IPOs üblichen Standardemissionsgröße von rund 100 Mio. USD liegen. Den bisherigen Emissionsrekord für eine Biotechneuemission erzielte im Jahr 2015 Axovant Sciences mit etwa 360 Mio. USD. Das Jahr 2018 brachte gleich mehrere Emissionen hervor, die diesen bisherigen Rekord übertrafen. An der Spitze steht aktuell das in den USA ansässige mRNA-Therapie-Unternehmen Moderna Therapeutics, das Anfang Dezember 2018 ein Volumen von über 600 Mio. USD am IPO-Markt platzieren konnte. Sollte der Greenshoe komplett ausgeübt werden, könnte das Volumen sogar auf fast 700 Mio. USD steigen. Ebenfalls platzierte das erst im Jahr 2017 gegründete und auf CAR-T-Technologie spezialisierte USBiotechunternehmen Allogene Therapeutics bei seinem IPO im Oktober 2018 beachtliche 370 Mio. USD. Interessanterweise konnten auch an der Hongkonger Börse zwei Biotech-IPOs platziert werden, mit Rekordvolumen von 485 Mio. USD (Innovent Biologics) bzw. 400 Mio. USD (Ascletis Pharma). In der folgenden Abbildung werden die Top Ten Biotech-IPOs des Jahres 2018 aufgezeigt, zu denen auch die Schweizer Polyphor gehört. Leider findet sich darunter kein deutscher Emittent.

Im Hinblick auf die attraktiven deutschen Kandidaten in dieser Industrie wäre es für den hiesigen Kapitalmarkt wichtig, auch in diesem Segment wieder mitzumischen.

[1]                    In den folgenden Jahren wurden Volumina über 10 Mrd. EUR platziert: 2000 (32,2 Mrd. EUR), 1999 (15,5 Mrd. EUR) und 1996 (13,1 Mrd. EUR)

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