Im Eiltempo hat der Gesetzgeber mit der COVID-19-Gesetzgebung die virtuelle Hauptversammlung für börsennotierte Unternehmen möglich gemacht. Wir sprachen mit Kay Bommer u.a. über das aktuelle Gesetz und die neuen digitalen Möglichkeiten im Arbeitsalltag der IR in Zeiten der Krise.

GoingPublic: Herr Bommer, normalerweise würden wir der Tradition nach jetzt ein Interview zu den Highlights der DIRK-Konferenz führen. Doch dieses Jahr ist aus bekannten Gründen alles anders …

Bommer: Das ist richtig. Leider mussten wir in diesem Jahr das erste Mal in der 23-jährigen Geschichte der DIRK-Konferenz die Veranstaltung aufgrund der Corona-Pandemie absagen. Das tut uns im Herzen weh – nicht nur, weil unser Orgateam so viel Herzblut da reingesteckt hat, sondern auch, weil wir der festen Überzeugung sind, dass die persönliche Begegnung in der IR-Branche enorm wichtig ist. Die DIRK-Konferenz hat in der europäischen IR-Szene einen sehr hohen Stellenwert, weshalb die Entscheidung für uns nicht einfach war. In diesem Jahr liegt der Hauptfokus aber auf der Gesundheit unserer Gäste, Mitarbeiter und Referenten, weshalb wir keine Möglichkeiten hatten, die Konferenz im normalen Sinne durchzuführen. Dafür freuen wir uns umso mehr auf die DIRK-Konferenz im nächsten Jahr, genauer gesagt auf den 21. und 22. Juni 2021. Jeder Handschlag, jede Umarmung und jedes persönliche Gespräch wird im kommenden Jahr eine noch größere Bedeutung haben als ohnehin schon.

Kay Bommer ist Geschäftsführer des DIRK - Deutscher Investor Relations Verband.
Kay Bommer ist Geschäftsführer des DIRK – Deutscher Investor Relations Verband.

Was bedeutet die derzeitige Lage ganz konkret für die Arbeit als IR-Manager?

Natürlich hat die Pandemie eine nachhaltige Auswirkung auf die IR-Branche. Die operative Herausforderung, die Krise kommunikativ zu begleiten, ist eine der großen Aufgaben von Investor Relations-Abteilungen, weshalb die Branche jetzt natürlich besonders gefragt ist. Die Investoren und Stakeholder der börsennotierten Unternehmen sind enorm daran interessiert, wie es weitergeht. Deshalb ist es wichtiger denn je, transparent nach außen zu kommunizieren. Auch die Ungewissheit und Unplanbarkeit, die diese Krise mit sich bringt, muss glaubwürdig transportiert werden. Deswegen hat Investor Relations eine außerordentliche Verantwortung in diesen Tagen.

Und wie verändert die Krise den Alltag von IROs?

Der Arbeitsalltag von IR-Managern ist aktuell, wie in den meisten anderen Branchen auch, stark verändert. So finden jetzt Onlinekonferenzen, virtuelle Roadshows und virtuelle Hauptversammlungen anstelle von persönlichem Austausch statt. Wir sehen bei vielen Kollegen, dass die Lernkurve im Bereich digitale Tools steil nach oben geht. Ich persönlich bin gespannt, was davon nach der Krise noch übrig bleibt. Viele freuen sich natürlich wieder auf den persönlichen Austausch, von dem ja auch die Community lebt. Das eine oder andere wird sich aber sicherlich auch nach Corona langfristig durchsetzen, z.B. die Reduzierung von einigen Dienstreisen oder das vermehrte Abhalten virtueller Meetings sowie der Trend hin zum Homeoffice.

Was halten Sie von der COVID-19-Gesetzgebung?

Die COVID-19-Gesetzgebung war dringend erforderlich und ist vollkommen angemessen; die Schnelligkeit des Gesetzgebers bei der Umsetzung ist definitiv zu begrüßen. Die jetzige Regelung kann aber keine Blaupause für die Zukunft nach Corona sein. Dafür ist die Einschränkung der Aktionärsrechte zu pandemiebedingt. Gemeinsam mit weiteren Stakeholdern sollte nach einer Lösung gesucht werden, wie die Hauptversammlung der Zukunft aussehen kann. Wir haben jetzt die einmalige Gelegenheit, Neues digitalen Raum auszuprobieren, ohne das sonst existierende Damoklesschwert der Anfechtbarkeit. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir die neuartigen Dinge, die wir derzeit ausprobieren, weder unreflektiert bejubeln noch reflexhaft kritisieren sollten. Im Nachgang sollten wir uns alle sachlich anschauen, was sich bewährt hat und was nicht. Noch ist es allerdings zu früh, zu beurteilen, was gut und was schlecht läuft. Wir sollten uns aber vor Änderungen nicht pauschal verschließen. Sowohl Emittenten als auch Investoren hätten es hierzulande verdient, eine neue Regelung zu bekommen, die nicht seit über 150 Jahren existiert und auf einem veralteten Weltbild beruht.

Was lässt sich bei der Umsetzung des COVID-19-Gesetzes in der Praxis bislang beobachten?

Wir vernehmen verstärkt zwei (diskussionswürdige) Aspekte aus dem Markt: Das ist zum einen die verkürzte Frist zur Einberufung der Hauptversammlung. Bei einigen Einzelfällen hat sich das als nicht-praxistauglich erwiesen, denn es gab einige technische und regulatorische Herausforderungen zu bewältigen. Emittenten und Stakeholder sind sich deshalb einig, dass es bei der ursprünglichen Frist bleiben sollte. Ein zweiter wichtiger Aspekt ist der Komplex des Fragerechts. Aktionäre haben die Möglichkeit, bis zu zwei Tage vor der HV Fragen einzureichen. Es liegt im Ermessen des Unternehmens, sämtliche oder nur einige Fragen zu beantworten oder ähnlich gelagerte Fragen zu bündeln. Hier ist eine unterschiedliche Herangehensweise seitens der Emittenten zu beobachten. Bayer hat z.B. sämtliche Fragen beantwortet – andere Unternehmen haben von der Möglichkeit der Bündelung verstärkt Gebrauch gemacht. Letzteres stößt vielfach auf Kritik seitens der Investoren, die sich zudem vereinzelt auch die Veröffentlichung der Vorstandsrede vor der Hauptversammlung wünschen. Ich gehe davon aus, dass in der laufenden HV-Saison weiterhin unterschiedliche Formate ausprobiert werden. Davon unabhängig ist die oben behandelte Frage, wie die HV der Zukunft aussieht. Diesbezüglich wird man aus einem weitreichenden Erfahrungsschatz aus der laufenden Saison zurückgreifen können.

Welche speziellen Onlineformate hat sich der DIRK in dieser besonderen Situation einfallen lassen?

Wir bieten viele Formate jetzt online an – so z.B. eine Webinar-Reihe zu verschiedenen Themen aus dem IR-Bereich. Außerdem treffen sich die unterschiedlichen Regionalkreise, Roundtables und Plattformen derzeit nur noch virtuell.

Herr Bommer, vielen Dank für das Gespräch. Wir freuen uns bereits auf die DIRK-Konferenz 2021!

Das Interview führte Svenja Liebig und ist eine Vorabveröffentlichung der Juni-Ausgabe des GoingPublic Magazins.

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