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Deutschland blickt auf ein erfolgreiches zweites IPO-Halbjahr zurück – besonders im internationalen Vergleich sticht der deutsche Markt positiv hervor. Im Gespräch mit dem GoingPublic Magazin erklären Falk Müller-Veerse und Nicholas Hanser vom Investmenthaus Bryan Garnier u.a., in welchen Branchen Deutschland vorbildlich agiert, wo es noch Aufholpotenzial gibt und wie es um die Zukunft des IPO-Markts bestellt sein könnte.

Herr Müller-Veerse, Herr Hanser, Sie haben jüngst die Kapitalerhöhung von Medigene begleitet: Wie schätzen Sie die aktuelle Lage von Finanzierungen über die Börse ein?

Veerse: Grundsätzlich ist die Lage am Aktienmarkt aktuell sehr gut. Wir spüren eine hohe Aktivität im Markt. Viele Investoren wollen ihr Geld anlegen – Kapital ist also weiter ausreichend vorhanden. Von daher stehen die Zeichen aktuell gut, dass das positive Börsenklima vorerst anhalten wird.

Hanser: Neben großen Börsengängen wie Siemens Healthineers sehen wir vor allem bei Small- und Mid Caps sehr viel Potenzial. Das Interesse an KMU ist bei den Investoren groß und es befinden sich noch einige interessante Börsenkandidaten in der Pipeline. KMU-Börsenplätze wie z.B. Scale von der Deutschen Börse oder die Euronext bieten Chancen auch für kleinere Unternehmen. Die Rahmenbedingungen für Small- und Mid Caps könnten aber durchaus weiter verbessert werden.

Falk Müller-Veerse und Nicholas Hanser vom Investmenthaus Bryan Garnier, Deutschland.
Falk Müller-Veerse und Nicholas Hanser vom Investmenthaus Bryan Garnier, Deutschland.
Wie herausfordernd ist es – insbesondere für Biotech-Unternehmen in Deutschland –, sich Kapital über die Börse zu verschaffen?

Müller-Veerse: Für Biotechs fehlt es hier in Deutschland in erster Linie an Investoren, die sich im Sektor auskennen. An der NASDAQ in den USA oder der Euronext stoßen Biotechs auf viel stärkeres Investoreninteresse. Hierzulande läuft der Bereich dagegen „unter ferner liefen“. Das ist auch kulturell geprägt: In Deutschland gibt es sehr viele Investoren, die eher Generalisten statt Spezialisten sind und sich mit hochspezialisierten Themen wie Biotech nicht so detailliert auskennen. Wir haben in den letzten Jahren viele Biotech-Transaktionen begleitet, und die fanden in erster Linie an der Euronext oder in den USA statt.

Hanser: Wir sehen hierzulande vor allem Diskrepanzen zwischen Unternehmen, die zum Teil Weltklasse sind, und Investoren, die sehr regional fixiert sind und denen oft das Verständnis für Spezialthemen wie Biotechnologie fehlt. Besonders in den USA und Frankreich, aber auch in Belgien und den Niederlanden, kann man beobachten, dass Investoren viel stärker an hochspezialisierten, innovativen Unternehmen mit besonderen Geschäftsmodellen interessiert sind.

Ist da mittelfristig eine Trendwende in Deutschland zu erkennen, besonders was den Umgang mit Biotech-Unternehmen angeht?

Hanser: Man sieht schon Bemühungen hierzulande, sich mit der Branche näher zu beschäftigen – sowohl im VC- und PE-Bereich als auch auf der Börsenseite. Ein paar VC-Fonds im Bereich Healthcare und Biotech findet man durchaus hierzulande. Die großen PE- oder Aktien-Fonds für Healthcare werden aber nach wie vor in den USA, in UK oder Frankreich aufgelegt anstatt hier in Deutschland.

Sehen Sie derzeit besondere Branchentrends am Kapitalmarkt?

Müller-Veerse: Bei Investoren sehr gefragt sind die Bereiche Technologie, E-Commerce und Internetdienstleistungen. Deutlich wird dies an relativ aktuellen Beispielen, wie dem Börsengang einer hoch bewerteten Dropbox in den USA, aber auch dem IPO von Home24 hierzulande. Gerade E-Commerce-Unternehmen müssen verstärkt auch den Weg über die Börse gehen, um Wachstumskapital in ausreichendem Maße zu bekommen. Da passiert derzeit unheimlich viel.

Wie schätzen Sie den öffentlichen M&A-Markt ein und welche Trends können Sie hier vernehmen?

Müller-Veerse: Nach wie vor boomt der M&A-Markt, auch getrieben durch den Aufwärtstrend an der Börse. Wachstumstreiber ist zudem das viele Geld, das auf Private-Equity-Seite zur Verfügung steht und das investiert werden muss. Das treibt die Preise, und teilweise beobachten wir enorm hohe Multiples. Mitunter wird im Technologiebereich sogar weit über das 20-Fache des EBITDA für Firmen aus dem Technologieumfeld gezahlt, weil sich die Kaufinteressenten gegenseitig überbieten.

Hanser: Wir beobachten ganz stark, dass etablierte Firmen vermehrt kleine Technologie-Start-ups aufkaufen, da sie befürchten, neueste Technologietrends zu verpassen. Demnach finden viele Zukäufe am Markt primär aus strategischen Gründen statt, was auch die hohen Bewertungen begründet.