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Clariant betreibt Deutschlands größte Demonstrationsanlage zur Ethanolproduktion aus Zellulose. Seit Januar läuft ein Flottentest mit Sunliquid20 Treibstoff gemeinsam mit Mercedes-Benz und Haltermann. Mit GoingPublic hat Herr Prof. Dr. Koltermann über das Potential von Biokraftstoffen und die CO2 Ziele der Regierung gesprochen.

GoingPublic: Herr Prof. Koltermann, Clariant ist ein weltweit tätiges Unternehmen der Spezialchemie und demonstriert seit 2012 erfolgreich, dass Biokraftstoffe aus Agrarreststoffen gewonnen werden können. Wie passt das zusammen?
Koltermann:
Chemie und Biotechnologie sind kein Widerspruch – im Gegenteil: Es ergeben sich Synergien, die einem Unternehmen wie Clariant eine hervorragende Grundlage für nachhaltiges Wachstum bieten. Clariant will ja auch nicht Ethanol im großen Stil produzieren, sondern stellt das Sunliquid-Technologiepaket sowie Starterkulturen für die Enzym- und Ethanolproduktion den Kunden zur Verfügung. Als Spezialchemieunternehmen bieten wir somit alle Kernkomponenten für die nachhaltige und kosteneffiziente Umwandlung von Agrarreststoffen zu Zellulose-Ethanol aus einer Hand an.

GoingPublic: Und die Rohstoffbasis generell?
Koltermann: Die Frage nach einer breiteren Rohstoffbasis stellt sich aber nicht nur im Verkehrsbereich, sondern auch die Chemiebranche sucht nach kosteneffizienten und nachhaltigen Alternativen. Agrarreststoffe sind dabei eine interessante Route, die dank unserer Sunliquid-Technologie nutzbar gemacht wird. Innovative Biotechnologie befreit die Zucker aus dem zellulosehaltigen Material, die dann zu Ethanol oder anderen bio-basierten Chemikalien fermentiert werden. Der Biokraftstoffsektor ist daher ein naheliegender aber auch hochregulierter Absatzmarkt. Die politischen Rahmenbedingungen prägen die Kommerzialisierung unserer Technologie. Um die anfänglichen Mehrkosten aufgrund der zu tätigen Neuinvestition in Erstanlagen abzufedern, bedürfen fortschrittliche Biokraftstoffe wie z.B. Zellulose-Ethanol einer gesonderten Förderung während der Markteinführungsphase. Letztendlich konkurrieren wir hier zudem mit etablierten Technologien und abgeschriebenen Anlagen.

GoingPublic: Bis 2020 will die Bundesregierung den CO₂-Ausstoß gegenüber 1990 um mindestens 40% vermindern, bis 2050 sogar um 80 bis 95%. Kann sie diese Ziele ohne fortschrittliche Biokraftstoffe erreichen?
Koltermann:
Das ist äußerst fraglich. Wenn diese Ziele erreicht werden sollen, dann muss die Regierung auch endlich den Klimaschutz im Verkehr ernst nehmen, der für knapp ein Viertel der gesamten Treibhausgasemissionen verantwortlich ist. Auch in Punkto Energiesicherheit ist der Verkehr die Achillesferse: Noch immer basieren fast 95% des deutschen Kraftstoffverbrauchs auf fossilen Rohstoffen, die wir überwiegend aus politisch instabilen Ländern importieren. Die Politik darf deshalb die Augen nicht verschließen und muss nachhaltige Mobilitätslösungen weiter vorantreiben. Neben der Elektromobilität sollte Zellulose-Ethanol aus Agrarreststoffen, wie z. B. Stroh, hierbei eine Schlüsselrolle spielen. Aus heimischen Reststoffen produziert, erreicht es eine Treibhausgaseinsparung von knapp 95% gegenüber fossilem Benzin. Dank innovativer Technologie kann das bisher ungenutzte Strohpotential Deutschlands und Europas in hochwertigen Kraftstoff umgewandelt werden, der sowohl das Klima als auch Ressourcen schont und für mehr Energiesicherheit sorgt. Theoretisch könnte somit heimischen Agrarreststoffen nahezu ein Viertel des Benzinbedarfs in Deutschland gedeckt werden.

GoingPublic: Der Einsatz von Biokraftstoffen wird allerdings maßgeblich von Brüssel mitbestimmt…
Koltermann:
… und derzeit überarbeitet. Das Ringen um eine neue Ausrichtung der europäischen Biokraftstoffpolitik dauert nun schon mehr als drei Jahre. Für die Industrie ist das mit viel Unsicherheit verbunden, weshalb wichtige Investitionsentscheidungen vertagt werden. Gerade für innovative Technologien wie Sunliquid brauchen wir so schnell wie möglich Klarheit darüber, wohin die Reise gehen soll. Doch auch Brüssel hat erkannt, dass fortschrittliche Biokraftstoffe zum Energiemix dazugehören.

GoingPublic: Was sollte die Berliner Regierung tun?
Koltermann:
Nicht auf Brüssel warten sondern aktiv mitgestalten. Deutschland zeigt seit Jahren vorbildlich, dass die Förderung von erneuerbaren Energien mit kontinuierlichem Wirtschaftswachstum vereinbar ist. Nun muss die Energiewende auch im Verkehr gelingen und dazu brauchen wir dringend stabile Rahmenbedingungen. Am 1. Januar 2015 soll die Förderung von Biokraftstoffen nicht wie bisher über die Biokraftstoffquote, sondern über die Treibhausgaseinsparung der Biokraftstoffe erfolgen. Grundsätzlich begrüßen wir diesen Ansatz, doch bei der Umsetzung bleibt die Regierung hinter den Erwartungen zurück. Die ohnehin mangelhafte Unterstützung für fortschrittliche Biokraftstoffe aus Agrarreststoffen wird noch weiter geschwächt. Der Gesetzgeber sollte daher umgehend eine verbindliche Unterquote für fortschrittliche Biokraftstoffe in 2017 und 2020 etablieren. Außerdem muss die Steuerbefreiung für Zellulose-Ethanol über 2015 hinaus analog der Befreiung für Autogas verlängert werden.

GoingPublic: Widerstand gegen einen solchen Fahrplan könnte sich vor allem bei der heimischen Automobilindustrie regen. Die setzt derzeit auf Elektromobilität.
Koltermann:
Elektromobilität kann eventuell langfristig einen Beitrag leisten, doch flüssige Energieträger werden noch lange Zeit die Basis unserer Mobilität bilden. Außerdem ist Strom nicht gleich Strom und wenn man den derzeitigen Strommix zugrunde legt, ist Strohethanol wesentlich klimaschonender als Elektroautos. Und in allen Ottomotoren sofort einsetzbar. Solche Verbrennungsmotoren werden von der Automobilindustrie ständig in Richtung höherer Effizienz weiterentwickelt. Nehmen Sie zum Beispiel den Flottentest, den Clariant zusammen mit Mercedes-Benz und Haltermann Anfang diesen Jahres gestartet hat: E20-Kraftstoff bestehend aus 20% Strohethanol wird in aktuellen Serienfahrzeugen getestet. Dieser Test läuft bislang hervorragend und demonstriert, dass durch E20 nicht nur die CO2-Emissionen deutlich gesenkt werden. Dabei muss auf Komfort und Reichweite nicht verzichtet werden und es fallen keine höheren Anschaffungs- und Betriebskosten an. Die Bundesregierung muss lediglich den Verbrauch von fortschrittlichen Biokraftstoffen gesetzlich verankern. Und dies möglichst schnell – für mehr Umweltschutz, mehr heimische Jobs und für weniger ausländische Mineralölimporte.

GoingPublic: Herr Prof. Koltermann, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Dr. Tilmann Laufs

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