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Mit den verschärften ESG-Regularien wie CSRD, ESRS und Taxonomie-Verordnung sehen sich Unternehmen mit anspruchsvollen Offenlegungspflichten konfrontiert, die extern überwacht werden und mit Sanktionsdrohungen einhergehen. Nach Einschätzung des Wirtschaftswissenschaftlers Dr. Josef Baumüller sind damit viele Unternehmen erstmals verpflichtet, sich systematisch mit ESG-Themen zu befassen. Die Berichtspflicht könnte bei manchen in einer Überforderung münden.

HV Magazin: Herr Dr. Baumüller, sind ESG-Themen heute für Unternehmen eine Kür oder eher eine lästige Pflicht?

Dr. Baumüller: ESG ist zunächst keine Meinung mehr, keine bloße Forderung oder weltanschauliche Erwartungshaltung. Wir reden vielmehr über Fakten und über Anliegen, die von höchster politischer Ebene – der UN – getragen werden: mit Menschenrechten beginnend und bis hin zum Klimaschutz reichend, der nunmehr ja auch als Menschenrecht verstanden wird; von der ­Wissenschaft gestützt und ­unser aller Leben betreffend.

Viele Unternehmen erkennen die Chance hinter ESG – vor allem im globalen Wettbewerb. Wir leben in einem Zeitalter der multiplen Krisen; Klima- und Biodiversitätskrisen sind zentrale Elemente. Sich darauf einzustellen kann die eigene Überlebensfähigkeit von Unternehmen sichern. Lösungen anzubieten erschließt mitunter gänzlich neue Märkte.

In der Masse kommt das Thema ESG nunmehr durch Regulatorik an: Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD), ­European Sustainability Reporting Standards (ESRS) und Taxonomie-Verordnung. Dies sind überaus anspruchsvolle Rechtsakte, die extern überwacht werden und mit Sanktionsdrohungen einhergehen. 2024 bzw. 2025 werden sie erstmals für eine große Zahl von Unternehmen anzuwenden sein. Die Corporate Sustainability Due ­Diligence Directive (CS3D) wird dazu in ­wenigen Jahren noch weiter beitragen. Das Anspruchsniveau dieser Vorgaben ist hoch. Viele Unternehmen sehen sich erstmals mit der Pflicht konfrontiert, sich systematisch mit ESG-Themen zu befassen. Für diese Unternehmen kann man durchaus von einer „Überforderung“ denn von ­einer „lästigen Pflicht“ sprechen.

Welche Rolle spielen ESG-Themen auf Hauptversammlungen?

ESG ist kaum noch wegzudenken. Nicht nur, dass immer mehr Aktionäre danach fragen – und das bei Weitem nicht nur auf HVs –, auch Vorstände widmen sich diesen Themen in ihren Präsentationen und versuchen, ihre diesbzgl. Vorhaben darzustellen. Eine Nachhaltigkeitsstrategie gehört ebenso zunehmend zum „guten Ton“ wie die Befassung mit ESG-basierten Kompo­nenten in der Managementvergütung. Letztlich können Vorstand und Aufsichts­rat damit ihre Kompetenz in diesen Fragen belegen.

Wie zufrieden sind Sie mit der Umsetzung von ESG-Anforderungen durch die Unternehmen?

Alle Unternehmen befinden sich hier noch mehr oder weniger am Anfang einer Reise. Hinsichtlich der Inhalte von ESG: Der Weg zu einer klimaneutralen europäischen Wirt­schaft ist lang und von Voraussetzungen abhängig, die durch die Politik geschaffen werden müssen – aber noch eine Weile auf sich warten lassen werden. Viele der Vorgaben, die in jüngerer Vergangenheit erlassen wurden, sind nicht zu Ende gedacht bzw. mit beträchtlichem Aufwand verbunden. Dafür schlagen sich viele Unternehmen sehr wacker.

„Viele der Vor­gaben (…) sind nicht zu Ende gedacht bzw. mit beträchtlichem Aufwand ver­bunden.“

Dennoch – der Weitblick bzw. manches Mal sogar schon das Bemühen ist tatsächlich von Unternehmen zu Unternehmen sehr unterschiedlich. Wer sich heute noch nicht mit seinen Scope-3-Emissionen befasst hat, wer noch nicht an einem Transitionsplan ­arbeitet, der hat offensichtlich die Zeichen der Zeit verkannt. Die gleiche Kritik richtet sich an Unternehmen, die bis dato noch keinen, am besten von dritter Stelle geprüften, Nachhaltigkeitsbericht veröffentlicht haben – und sei es nur als „Testballon“ für eine ­zukünftige Berichtspflicht. Es ist mein Eindruck, dass noch immer nicht alle Vorstände und Aufsichtsräte erkannt haben, was ESG heute bedeutet und was dies mit ihren Unternehmen und dem Fortbestand der ­eigenen Geschäftsmodelle zu tun hat. Sowie für ihre eigenen Karriere­perspektiven.

Was sind die zentralen ESG-relevanten Anliegen in der HV-Saison 2024?

2024 ist das Jahr der neuen europäischen Nachhaltigkeitsberichterstattung: Die CSRD und mit ihr die ESRS müssen implementiert werden. Dafür haben Unternehmen neue Stellen zu schaffen, technische Systeme zu installieren, also ESG in all seinen Facetten in die Unternehmenssteuerung zu implementieren. Wir sprechen hier von Millioneninvestments – die aber erforderlich sind und sogar vom Aktionariat eingefordert werden müssen. Die Unternehmens­organe, die all dies zu verantworten ­haben, müssen sich dafür selbst weiterqualifizieren, um den neuen Anforderungen gerecht werden zu können. Dies hat nun zu geschehen – mit hohem Nachdruck.

Abgesehen davon zeigen sich inhaltlich Schwerpunkte, die aus den vergangenen Jahren bekannt sind: Energieversorgung, Dekarbonisierung und Arbeitsbedingungen. Das sind wichtige Themen, die zuletzt auch konkretere finanzielle Implikationen erhalten haben. Gerade diese finanzielle Komponente von ESG-Themen ist es, die immer deutlicher erkannt wird und in den Fokus rückt. Zunehmend muss aber auch die ­sogenannte nicht-finanzielle Komponente von ESG mitgedacht werden, die zunächst vor allem mit den Erwartungen der Gesellschaft zu tun hat, mittel- bis langfristig aber ebenso finanzielle Folgen zeigen wird.

Treffen ESG-Themen wirklich das Interesse von (Klein-)Aktionären?

ESG polarisiert – es lässt selten kalt. Manche Aktionäre, vor allem professionelle Investoren, erkennen die hohe Geschäftsrelevanz dieser Themen und legen daher Wert auf eine strukturierte Identifikation und Umsetzung. Andere Aktionäre sehen in ESG ein hehres Anliegen, mit dem sie sich identifizieren können und zu dem sich ein Unternehmen bekennen sollte. Für einen nicht unbeträchtlichen Teil der Aktionäre ist ESG allerdings fast etwas Bedrohliches – mehr mit „Greenwashing“ verbunden und mit­unter eine Gefahr für die eigenen unmittelbaren Interessen, bezogen auf Kursentwicklung und Dividendenauszahlung.

Mein persönlicher Eindruck ist, dass eben noch immer viel zu oft nicht verstanden wird, was ESG meint, warum das nichts mit Marketing oder reinem Idealismus zu tun hat – warum wir hier über Fragen von größter Geschäftsrelevanz reden. Anders ­gesagt: Was heute ESG ist, das ist morgen die Dividendenrendite. Dieses Verständnis braucht es auf einer breiten Basis.

Wird ESG von einigen Aktionärsgruppen auf HVs als vorgeschobenes Instrument genutzt, um eigene Interessen durchzusetzen?

Ja – ESG ist ein sehr weit gestecktes Themenfeld, das Deutung erfordert und unter das sich daher auch eine Vielzahl an Interessen summieren lässt. Es kann darauf Bezug genommen werden, um ­eigenen ­Anliegen eine Wichtigkeit zu verleihen – und oftmals ist mit ihnen eine moralische Komponente oder „Moralkeule“ verbunden, die es anderen erschweren soll, Wider­worte zu finden. Das lässt sich durchaus zweckgerichtet einsetzen, ist ­jedoch zumeist durchschaubar. Leider haben nicht alle Aktionäre hehre Interessen, fühlen sie sich nicht immer dem Unternehmenswohl verpflichtet; ein Problem, das sich vom Kleinaktionär bis hin zu sogenannten „Anlegerschutzverbänden“ durchzieht.

Allerdings geschieht dies ebenso von Unternehmensseite, wenn Vorstände ESG-Abwägungen vorschieben, um bestimmte Interessen – zumeist Kosteneinsparungen – zu erreichen. All dies wertet die ESG-Themen ab, trägt zu einer emotionalen Polarisierung bei – und verstellt den Blick auf die Aspekte, um die es eigentlich geht.

Mit den verschärften ESG-Regularien wie CSRD, ESRS und Taxonomie-Verordnung sehen sich Unternehmen mit anspruchsvollen Offenlegungspflichten konfrontiert, die extern überwacht werden und mit Sanktionsdrohungen einhergehen. Nach Einschätzung des Wirtschaftswissenschaftlers Dr. Josef Baumüller sind damit viele Unternehmen erstmals verpflichtet, sich systematisch mit ESG-Themen zu befassen. Die Berichtspflicht könnte bei manchen in einer Überforderung münden.


Zum Interviewpartner

Foto: © Thomas Blazina
Dr. Josef Baumüller

Wirtschaftswissenschaftler und Assistent, Technische Universität Wien

josef.baumueller@wu.ac.at

Autor/Autorin

Thorsten Schüller
Freier Wirtschafts- und Finanzjournalist

Freier Wirtschafts- und Finanzjournalist. Für GoingPublic Media betreut er das viermal jährlich erscheinende HV Magazin.