Die Rolle der Aufsichtsräte deutscher Aktiengesellschaften hat sich verändert. Die Zeiten, in denen die Kontrollgremien von Bankvorständen beherrschte Altherrenrunden waren, sind vorbei. Höhere Haftungsrisiken, aber auch die gestiegenen Anforderungen etwa im Zuge der Corporate-Governance-Diskussion, haben zu einer Professionalisierung geführt. Vor diesem Hintergrund legt die DSW (Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz) ihre aktuelle Aufsichtsratsstudie vor. Analysiert wurde dabei nicht nur, wer der einflussreichste Kontrolleur in Deutschland ist. Auch die Vergütung wurde unter die Lupe genommen. Genau hingesehen hat die DSW zudem bei der Entwicklung des Frauenanteils und beim Altersdurchschnitt.

Jürgen Kurz
Jürgen Kurz, Sprecher, DSW (Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz)

Die Einflussreichsten

Um herauszufinden, wer der einflussreichste Aufsichtsrat ist, wurden die 250 Anteilseigner-Mandate in den Aufsichtsräten der DAX30-Unternehmen daraufhin gescannt, wie viele wichtige Positionen, also etwa Aufsichtsrats- oder Ausschussvorsitze, die Kontrolleure jeweils einnehmen. Den Spitzenplatz teilen sich Ulrich Lehner, der im vergangenen auf Jahr Rang 5 lag, und Werner Wenning, der 2012 auf Rang 15 rangierte. Lehner sitzt den Aufsichtsräten von Deutscher Telekom und ThyssenKrupp vor und ist darüber hinaus Mitglied des Aufsichtsrats der E.ON SE, dem wiederum Werner Wenning vorsitzt. Wenning leitet zudem das Kontrollgremium der Bayer AG und ist seit dem 1. Oktober stellvertretender AR-Vorsitzender der Siemens AG. Wolfgang Mayrhuber landete nach der Übernahme der Führung des Deutschen-Lufthansa-Aufsichtsrates auf Platz 3. Mayrhuber sitzt auch den Kontrolleuren von Infineon Technologies vor und ist Mitglied der Aufsichtsräte von BMW und Münchner Rück. Eine Frau findet sich unter den Top 10 weiterhin nicht. Mit Renate Köcher taucht der erste weibliche Aufsichtsrat auf Rang 16 auf. Die Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie sitzt bei drei DAX-Gesellschaften (Allianz, BMW und Infineon Technologies) im Aufsichtsrat. Im Vorjahr lag sie als ebenfalls bestplatzierte Frau auf Rang 26.

Anstieg der Aufsichtsratsvergütung

Die Vergütung der Kontrolleure ist bei den DAX30-Gesellschaften um durchschnittlich 7,4% angestiegen, auf insgesamt 74,8 Mio. EUR. Sie übertrifft damit klar das bisherige Mehrjahreshoch von 70,2 Mio. EUR aus dem Jahr 2007. Die mit Abstand höchste Vergütung zahlte fast schon traditionell Volkswagen. Rund 8,8 Mio. EUR erhielten die 20 VW-Aufsichtsräte. Das entspricht einem Plus von 19% gegenüber dem Vorjahr. Mit einer Gesamtvergütung von 4,8 Mio. EUR belegt Siemens den zweiten Platz. Die Vergütung blieb im Vergleich zum Vorjahr praktisch unverändert. Das Kontrollgremium der drittplatzierten E.ON SE wurde mit knapp 4,6 Mio. EUR entlohnt, was einem Minus von 3,8% entspricht. Den stärksten Anstieg im Jahresvergleich verzeichnete mit 95% auf 2,8 Mio. EUR die Lufthansa AG.

Höchstbezahlter Aufsichtsrat ist einmal mehr VW-Chefkontrolleur Ferdinand Piech, der 1,1 Mio. EUR erhielt und damit mehr als das Dreifache eines durchschnittlichen AR-Vorsitzenden im DAX (314.000 EUR). Auch die Plätze 2 und 3 des Gehaltsrankings sind fest in der Hand des Wolfsburger Autobauers. Piechs Stellvertreter Berthold Huber erhält mit rund 683.000 EUR die dritthöchste Vergütung. Ferdinand Porsche liegt mit etwas über 687.000 EUR auf Rang 2.

Trend zur Festvergütung

Wie die Daten zeigen, ist der positive Trend zur Festvergütung von Aufsichtsräten nach wie vor intakt. Es darf allerdings nicht sein, dass dies zur Konservierung auf hohem Niveau genutzt wird – ein Eindruck, der sich mit Blick auf die seit 2009 kontinuierlich steigende AR-Vergütung allerdings aufdrängt. Die Unternehmen im DAX, die ausschließlich kurzfristig vergüten (BASF, Commerzbank, Fresenius, Heidelberg Cement, Infineon, SAP und VW) sollten dies überprüfen und anpassen. Insbesondere ist das bei Commerzbank, Fresenius, SAP und VW angeraten, die sich immer noch eine dividendengekoppelte AR-Vergütung leisten.

Diversity im Fokus

Beim Thema Diversity stand neben dem Frauenanteil erstmals auch das Alter der Anteilseignervertreter im Fokus der Studie. Das Ergebnis zeigt: Das Überschreiten der Pensionsgrenze ist zum Glück nicht mehr bei allen Unternehmen Voraussetzung, um als Mitglied des Kontrollgremiums in Frage zu kommen. Mann zu sein ist aber nach wie vor hilfreich. Das durchschnittliche Alter eines Aufsichtsrats beträgt im DAX zurzeit 61 Jahre. Die Henkel KGaA stellt dabei mit durchschnittlich 52 Jahren die jüngste Anteilseignerseite. Fresenius Medical Care belegt mit einem Durchschnittsalter von 69 Jahren den letzten Platz in dieser Statistik.

Der auf EU-Ebene diskutierte Frauenanteil von 40% wird in den Kontrollgremien bis heute nicht einmal ansatzweise erreicht. So kommt die Seite der Arbeitnehmervertreter bei den im DAX notierten Gesellschaften mit insgesamt 62 Frauen auf knapp über 26%. Auf der Anteilseignerseite liegt der Anteil mit 45 Mandaten nur bei 18%. Noch marginalisierter ist die Stellung der Frauen in Schlüsselpositionen. Lediglich 12,5% der wichtigen Ausschussmitgliedschaften haben Frauen inne. Einzige Vorsitzende ist Simone Bagel-Trah, die den Aufsichtsrat der Henkel KGaA leitet. Schlusslicht bilden hier Fresenius und Fresenius Medical Care. Bei beiden Gesellschaften wurde bis heute nicht eine Frau in den Aufsichtsrat gewählt.

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