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Die Digitalisierung in der HV-Veranstaltungstechnik schreitet weiter voran. Zunehmend übernimmt dabei auch die künstliche Intelligenz (KI) wichtige Tätigkeiten oder ermöglicht neue Funktionen. Vor allem bei der Simultanübersetzung von Vorstandsreden und Aktionärskommentaren zeigt die KI mittlerweile überzeugende und alltagstaugliche Resultate. Darüber hinaus arbeiten Technikanbieter daran, das Erlebnis vitruelle HV dem der Präsenzhauptversammlung weiter anzugleichen. Dieses Titelthema ist im HV Magazin 4/25 erschienen.
Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der DSW – Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, ist mit der technischen Umsetzung virtueller Hauptversammlungen noch nicht zufrieden: Der Anteil störungsfreier virtueller Hauptversammlungen ist nach seinen Worten von 77 % im Jahr 2024 auf 69 % in der zurückliegenden HV-Saison gesunken und lag damit nahezu auf dem gleichen Wert wie in der ersten HV-Saison unter dem neuen virtuellen Regime. Konkret handelte es sich bei den Störungen, wie bereits 2024, überwiegend um kurzfristige Unterbrechungen, insbesondere Bild- und/oder Tonstörungen sowie Verbindungsabbrüche. Häufiger als im Vorjahr traten zudem Probleme beim Login in das Aktionärsportal auf.
Ohne Technik geht auf Hauptversammlungen nichts. Die ist vielfach ausgereift und funktioniert in der Regel reibungslos; sollte dennoch ein Kontrollpult ausfallen oder das Hauptstromkabel von einem Bagger durchtrennt werden, greifen idealerweise redundante Systeme. Und was die von DSW-Geschäftsführer Tüngler angemahnten lästigen Störungen auf virtuellen HVs betrifft, so gehen diese nach Aussagen von Technikanbietern teilweise auch auf Bedienungsfehler von zugeschalteten Aktionären zurück – was wiederum Ansporn sein sollte, die Systeme möglichst bedienungssicher zu gestalten.
Gleichzeitig macht der digitale Fortschritt vor der HV-Technik nicht halt. Insbesondere der aktuelle KI-Boom bahnt sich seinen Weg auch zu den Technikanbietern von Events und Hauptversammlungen, wie Diskussionen unter Fachleuten zeigen. Das führt nicht nur zu Verbesserungen von bestehenden Funktionen, sondern auch zu neuen Einsatzmöglichkeiten.
Übersetzung in Echtzeit
So hat das Leipziger Videostreamingunternehmen NC3 ein KI-Tool entworfen, das gesprochenes Wort in Echtzeit untertitelt und übersetzt.

„Mit textk.ai haben wir ein vollständig offlinefähiges, KI-basiertes System entwickelt, das Hauptversammlungen effizienter, barrierefreier und internationaler macht“, sagt NC3-Gründer und -Geschäftsführer Marc Ilgner. „Gesprochene Beiträge werden in Echtzeit erkannt, präzise untertitelt und auf Wunsch simultan ins Englische übersetzt als moderne Alternative zur klassischen Verdolmetschung. So können Teilnehmer vor Ort und online Redebeiträge sofort mitverfolgen. Gleichzeitig ersetzt textk.ai den Stenografen durch automatisierte, strukturierte Mitschriften und Protokolle.“ Damit, so Ilgner, werde das Tool zur idealen Lösung für Unternehmen und Dienstleister, die Hauptversammlungen modern, inklusiv und rechtssicher gestalten wollen.
Erlebbare HV im digitalen Raum
Der Berliner Videostreaminganbieter Vistream verzeichnete in der HV-Saison 2025 laut HV-Projektleiter Jens Spallek einen „ersten Schritt in Richtung mehr Interaktion, Einbindung der Aktionäre und Adaption des virtuellen Formats an die Präsenz-HV“. Die Bandbreite

erstreckte sich dabei von Anfragen für den Einsatz von Reaktionsbuttons über Umfragen und eigene Chaträume für Aktionäre bis hin zur 3D-Filiale vor der HV und während Pausen. „Die vergangene Saison betrachten wir als einen wichtigen ersten Schritt. Sie hat uns gezeigt, dass virtuelle HVs deutlich erlebbarer werden können. Gleichzeitig wissen wir, dass noch viel mehr möglich ist. Wir setzen darauf, dass sich in der kommenden Saison mehr Gesellschaften an diese Formate herantrauen“, erläutert Spallek. So seien die Rückmeldungen auf die neuen Angebote sehr positiv. „Wir sind offen für neue Vorschläge der Emittenten, um virtuelle Hauptversammlungen gemeinsam weiterzuentwickeln und noch lebendiger zu gestalten.“
Digitale Nähe schaffen
Rosie Schuster, Gründerin und Geschäftsführerin des digitalen Eventdienstleisters Techcast, sieht in virtuellen Veranstaltungen und damit auch in digital übertragenen Hauptversammlungen ein „klares strategisches Kommunikationselement“. Dabei wird nach ihrer Beobachtung bei virtuellen Veranstaltungen derzeit „viel ausprobiert“. Und: „Natürlich kennen wir die Kritikpunkte an der virtuellen HV und wissen, was für die Zukunft gefordert wird.“ Dabei gehe es vor allem darum, mehr digitale Nähe und Interaktion herzustellen. Um das zu erreichen, gebe es viele Möglichkeiten, beispielsweise „Break-outs“ für den direkten persönlichen Austausch, Angebote zur Bewertung von Fragen oder individuelle Antworten auf Aktionärsfragen. Digitale Nähe könne aber auch geschaffen werden, indem Aktionäre positive Rückmeldungen in grafischer Form geben, ohne Emojis zu verwenden. Techcast stelle dafür ein Applaus-Feature bereit.

Ein weiteres wichtiges Element, um virtuelle Hauptversammlungen möglichst unmittelbar zu erleben, ist die sogenannte Barrierefreiheit. Diese soll sicherstellen, dass alle Menschen unabhängig von ihren körperlichen oder kognitiven Einschränkungen an der digitalen Welt teilhaben können. „Da sind wir bei Livestreams mithilfe der künstlichen Intelligenz mittlerweile sehr weit“, sagt Schuster. „So können wir bei Liveevents, und damit auch bei Hauptversammlungen, Untertitel des gesprochenen Worts in 23 verschiedenen Sprachen ohne Verzögerung einblenden. Es ist beeindruckend, wie gut die KI hier schon funktioniert.“ So gut, stellt sie ebenfalls fest, dass die KI für Dolmetscher „damit sicherlich disruptiv ist“.
Darüber hinaus ist das Münchner Unternehmen, welches über 16 Jahre Livestreamingerfahrung verfügt, im Bereich Voice-over in der Testphase. Dabei geht es nach den Worten der Geschäftsführerin darum, das gesprochene Wort bei der digitalen Übertragung von Events wie auch bei Präsenzveranstaltungen mittels KI direkt und ohne Verzögerung in andere Sprachen zu übersetzen. Schuster: „Ich bin überzeugt, dass dieses Tool in Zukunft auch bei Hauptversammlungen eingesetzt werden wird.“
Neues Zuschalttool

Kritik gibt es bei virtuellen HVs immer wieder an den Zuschaltungen von Aktionären, bei denen es gelegentlich zu Störungen kommt. Martin Schöning, Senior Business Development Manager beim Kölner Unternehmen Neumann & Müller Veranstaltungstechnik, verweist in diesem Zusammenhang auf ein Zuschaltmodul für digitale und hybride Hauptversammlungen. Mit „SmartLive.Studio“ würden externe Redner – ob Aktionäre, Journalisten oder Gäste – in „höchster Ton- und Bildqualität“ zugeschaltet. Die browserbasierte und datenschutzkonforme Lösung biete intuitive Bedienung, flexible Anpassung und persönliche technische Betreuung. Eine adaptive Bandbreitensteuerung, mehrsprachige Oberfläche und „White-Label-Option“ würden das Modul „zur professionellen, sicheren und individuell anpassbaren Plattform für jede Hauptversammlung“ machen.
Technik besser organisieren
Ungeachtet der technischen Weiterentwicklungen plädiert DSW-Geschäftsführer Tüngler dafür, auch organisatorisch Anpassungen vorzunehmen, um die Attraktivität virtueller Hauptversammlungen zu steigern. So sollte der Techniktest zeitlich zwischen der Öffnung des Wortmeldetisches und dem Beginn der HV stattfinden. Sogenannte Pop-up-Fenster sollten im Aktionärsportal vermieden werden, ebenso der System- oder Applikationswechsel in einen separaten digitalen Warteraum. Zuschaltungen für Redner sollten innerhalb des Aktionärsportals ohne Medienbruch umgesetzt werden. Darüber hinaus setzt er sich dafür ein, dass auch Präsenzhauptversammlungen vollständig im öffentlichen Stream übertragen werden.
Bei allen aktuellen technischen Weiterentwicklungen zeichnet sich ab, dass die nächsten Herausforderungen bereits vor der Tür stehen, nämlich bei der Realisierung künftiger hybrider Hauptversammlungen, also der Kombination aus Präsenz- und virtueller HV. Zwar treibt HV-Verantwortliche bei diesem Format nach Einschätzung von Techcast-Geschäftsführerin Schuster nach wie vor das Thema der erhöhten Kosten und der Planbarkeit um, also die Fragen, wie viele Aktionäre persönlich kommen werden und welche Raumgröße damit benötigt wird. Doch die Unternehmerin ist überzeugt: „Für die Zukunft sehe ich die hybride HV auf jeden Fall kommen. Das ist auch eine Generationenfrage – die jüngeren Menschen und Investoren werden digitale Optionen auf HVs einfordern.“
Fazit
Zunehmende Digitalisierung und der Einzug der künstlichen Intelligenz verändern die HV-Technik in erheblichem Maße. Wie in anderen Branchen setzt sich der Trend zu automatisierten Prozessen auch bei Hauptversammlungen fort. Bestimmte Berufsgruppen wie Übersetzer oder Stenografen dürften damit künftig bei Aktionärsveranstaltungen weitgehend überflüssig werden, die Besetzung von Backoffices könnte sich verkleinern. Das muss nicht von Nachteil sein, solange der Kern von Hauptversammlungen erhalten und lebendig bleibt – der Austausch zwischen Unternehmen und Aktionariat.
Autor/Autorin

Thorsten Schüller
Freier Wirtschafts- und Finanzjournalist. Für GoingPublic Media betreut er das viermal jährlich erscheinende HV Magazin.





