Als 2013 eine Studie des Strategieberaters Simon-Kucher & Partners feststellte, dass die Internationalität in DAX-Vorständen mit 29% einen neuen Rekordwert erreicht habe, wurde diese wachsende Internationalität im Topmanagement deutscher Großkonzerne als sehr positiv für die Wettbewerbsfähigkeit einer führenden Exportnation wahrgenommen. Diese Wahrnehmung muss insofern überraschen, da typischerweise der Mittelstand als entscheidender Wettbewerbsfaktor der deutschen Wirtschaft gilt und für diesen gar keine Evidenz vorliegt.

Auch die Politik scheint ihre Zweifel an der Übertragbarkeit der DAX-Daten zu haben. Denn die Diversität im Topmanagement deutscher Unternehmen wurde zuletzt auch in den Koalitionsverhandlungen zur Bildung einer neuen Bundesregierung diskutiert, und zudem weist der Deutsche Corporate Governance Kodex (DCGK) in den Unterpunkten 4.1.5 sowie 5.1.2 und 5.4.1 auf einen nach dem Kriterium der Vielfalt („Diversität“) zusammengesetzten Vorstand und Aufsichtsrat hin.

Prof. Dr. Dirk Schiereck
Prof. Dr. Dirk Schiereck

Da der Begriff der Diversität aber nicht weiter konkretisiert wird, kann man „Vielfalt“ in diesem Zusammenhang neben der Dimension der Internationalität einer Person ebenso hinsichtlich des Geschlechts interpretieren. Aber auch die Besetzung des Topmanagements mit internationalen Führungskräften trägt zur Einhaltung der DCGK-Richtlinien bei. Gerade für die meist jüngeren und exportorientierten Unternehmen des TecDAX, deren Wertschöpfung oft von globalen Technologieführerschaften geprägt ist, erscheint eine hohe internationale Diversität in Vorstand und Aufsichtsrat geboten. Nachfolgend präsentieren wir erste Evidenz für dieses Segment. Datenbasis Zur weiteren Analyse sind drei Datensätze erforderlich zur Messung von: (1) Internationalität des Topmanagementteams, (2) Internationalität der Unternehmensaktivitäten und (3) Umsetzung der DCGK-Richtlinie durch die TecDAX-Unternehmen.

Das „Topmanagementteam“ umfasst alle Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder der zum 01.03.2013 gelisteten TecDAX-Unternehmen mit Sitz in Deutschland – insgesamt 27 Unternehmen mit 263 Führungskräften, darunter 84 Vorstands- und 179 Aufsichtsratsmitglieder. Für 11 Unternehmen mit Aufsichtsräten, in denen neben den Vertretern der Anteilseigner (AEV) auch Mitglieder der Arbeitnehmerseite (ANV) vertreten sind, wurden diese separat analysiert.

Zur Bestimmung der personenbezogenen Internationalität wurden umfangreiche personenbezogene Daten zu Ausbildung, beruflicher Laufbahn oder ausgeübten Mandaten für die Führungskräfte zusammengestellt, wobei die Daten hauptsächlich aus Lebensläufen gewonnen werden. Aus Konsistenz- und Vergleichbarkeitsgründen wurden unvollständige Datensätze aus den Analysen ausgeschlossen. Insgesamt liegen zu 66 Vorständen und 134 Aufsichtsratsmitgliedern und damit zu gut 76 Prozent der Führungskräfte der TecDAX-Unternehmen vollständige Datensätzen vor.

Sechs Aspekte werden als anerkannten Dimensionen zur Bestimmung der Internationalität einer Person sehr oft genutzt: Nationalität, internationale Ausbildung, internationale Berufserfahrung, internationale Mandate, Fremdsprachenkenntnisse und ein international ausgerichtetes Tätigkeitsfeld. Insbesondere mit Blick auf die Datenverfügbarkeit berücksichtigt unsere Analyse nur die vier Dimensionen Nationalität, internationale Ausbildung, internationale Berufserfahrung und internationale Mandate bei der Messung der Internationalität einer Person und folgt dabei der Vorgehensweise von vergleichbaren Studien.

Erkenntnisse

Unsere Analyse zeigt, dass die TecDAX-Unternehmen insgesamt weniger international ausgerichtet sind als die DAX-30-Unternehmen. Insbesondere bei Mitarbeitern im Ausland und internationalen Mandaten der Aufsichtsräte fallen die TecDAX-Unternehmen weit hinter die DAX-30-Unternehmen zurück. Als weiteres zentrales Ergebnis fällt auf, dass innerhalb der Unternehmen im Vorstand und bei AEV eine ähnliche internationale Diversität besteht, während ANV sowohl in TecDAX- als auch in DAX-30-Unternehmen stark national geprägt sind. Hierbei ist jedoch die internationale Diversität der ANV der TecDAX-Unternehmen fast doppelt so hoch wie im DAX. Kein Zusammenhang kann überraschenderweise zwischen der Aktivität der Unternehmen im Ausland und der internationalen Diversität ihrer Führungsgremien festgestellt werden. Auch zeigt sich, dass die Unternehmen die Qualifikation der Führungskräfte der Erzielung einer Diversitätsquote – die oft rein geschlechtsspezifisch interpretiert wird – vorwegstellen.


Fazit

Mit den Ergebnissen für den TecDAX erweitert unsere Analyse nicht nur die Anwendung der multidimensionalen Internationalitätsbestimmung im wissenschaftlichen Kontext, sondern sie weist auch auf die Konstruktion von Internationalitätsindexes hin, mit denen Unternehmen in der Praxis ihre Diversität messen, steuern und gegenüber ihren Stakeholdern kommunizieren können.

 

Tabelle 1:   Personenbezogenen TecDAX-Daten zur Bestimmung der Internationalität

Personenbezogene Datenanalyse  Vorstand Aufsichtsrat
    Gesamt1 AEV ANV
Gesamtanzahl Führungskräfte 84 179 58 50
Führungskräfte mit vollständigem/ 66 134 48 25
auswertbarem Datensatz (79%) (75%) (83%) (50%)
Nationalität (Anzahl/Anteil
nicht in Deutschland aufgewachsener/
14 29 6 0
geborener Führungskräfte) (21%) (22%) (13%) (0%)
Internationale Ausbildung
(Anzahl/Anteil Führungskräfte
mit internationaler Ausbildung)
26 50 13 5
(39%) (37%) (27%) (20%)
ø Dauer der internationalen
Ausbildung, in Jahren
5 4,9 3,8 2,6
Internationale Berufserfahrung 30 57 17 3
(Anzahl/Anteil Führungskräfte mit
internationaler Berufserfahrung)
(45%) (43%) (35%) (12%)
ø Dauer der internationalen
Berufserfahrung, in Jahren
8,8 15 11,5 6,7
Internationale Mandate
(Anzahl/Anteil Führungskräfte
mit internationalen Mandaten)
14 38 11 0
(21%) (28%) (23%) (0%)
ø Anzahl internationaler Mandate 3,1 3,7 4,1 0

1  Keine Kumulation von AEV und ANV zu „Gesamt“ möglich, da nur bei 11 Unternehmen eine Trennung des Aufsichtsrats in Anteilseigner- und Arbeitnehmervertreter vorliegt.

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