Als Verantwortlicher für Kontinentaleuropa beim globalen Dienstleister Computershare hat Steffen Herfurth schon zahlreiche Hauptversammlungen in vielen verschiedenen Ländern erlebt. Im Interview mit dem HV Magazin spricht er über Gemeinsamkeiten und Unterschiede sowie die besondere Stellung Deutschlands.

SH_website_jpgHV Magazin: Herr Herfurth, was zeichnet aus Ihrer Sicht die deutsche Hauptversammlung im Vergleich zu Aktionärstreffen in anderen europäischen Ländern aus?

Steffen Herfurth: Das ist in erster Linie die Präzision in der Vorbereitung der Hauptversammlung. Die Einladungs- und Akkreditierungsprozesse, aber auch die Veranstaltung und die Abstimmung in ihrem standardisierten Ablauf und der Exaktheit sind die hervorstechenden Besonderheiten in Deutschland. Hier liegen die größten Unterschiede zum Ausland. Das zeigt sich am deutlichsten in der Generaldebatte: In keinem anderen Land findet man eine vergleichbare Menge an Fragen. Auch die Ausführlichkeit und Präzision der Beantwortung stehen für sich. In dieser Form ist mir das in keinem anderen Land bekannt.

Welches Land kommt denn Deutschland noch am nächsten?

Das sind wenig überraschend die deutschsprachigen Länder: In der Schweiz und in Österreich ist der Ablauf der Veranstaltung der deutschen Hauptversammlung sehr ähnlich. Gemeinsamkeiten gibt es auch mit anderen Ländern wie etwa Italien – insbesondere, was die Größe der Veranstaltung angeht.

Wo sind die Unterschiede größer?

In Nordeuropa kommt es zum Beispiel häufig vor, dass es keine Abstimmung gibt. Wenn man von vornherein weiß, ein Aktionär die klare Mehrheit hat, wird auf die Abstimmung verzichtet. In Dänemark etwa fragt in solchen Fällen der Versammlungsleiter, ob man überhaupt abstimmen müsse. Das geschieht dann nur, wenn es ein Aktionär verlangt.

Auf welchen Gebieten können deutsche HV-Verantwortliche von ihren europäischen Kollegen vielleicht sogar noch lernen?

Das ist schwer zu sagen. Aus Sicht der Teilnehmer ist zwischen kleinen und den ganz großen Hauptversammlungen zu unterscheiden. Grundsätzlich gefallen mir Hauptversammlungen am besten, bei denen man das Gefühl, dass es zwischen Management und Aktionären zu einem Dialog kommt. Im Ausland kommt es häufiger vor, dass man weniger auf das formalistische und 100% juristisch korrekte Antworten achtet. Besonders bei größeren deutschen Gesellschaften vermisst man das oft. Allerdings kommt es auch in Deutschland bei kleineren und mittelgroßen Hauptversammlungen durchaus noch vor, sofern es keine kritischen Tagesordnungen gibt.

In welchen Ländern lohnt es sich für Aktionäre besonders, eine HV zu besuchen, in welchen eher weniger?

Im Großen und Ganzen ist die deutsche Hauptversammlung auch aus Sicht der Aktionäre das anspruchsvollste Event. Ob es auch immer das unterhaltsamste ist, lasse ich mal dahingestellt. Das Catering ist übrigens ebenfalls im Deutschland nach wie vor mit Abstand am besten, auch wenn teilweise inzwischen deutlich gespart wird. Letztendlich hängt es aber immer vom einzelnen Unternehmen ab, welcher Informationsgehalt transportiert wird. Für Privataktionäre und pensionierte Mitarbeiter des Unternehmens hat die Hauptversammlung in allen Ländern eine ähnliche Bedeutung. Für sie hat es etwas von Tradition und Folklore, dorthin zu gehen. Damit zeigen sie ihre Verbundenheit mit dem Unternehmen. Auch der Altersschnitt der HV-Besucher unterscheidet sich kaum.

EU-Richtlinien sorgen für immer mehr Harmonisierungen auch in Bezug auf Hauptversammlungen. Werden die einzelnen Länder oder bestimmte Unternehmen dennoch ihre Besonderheiten bewahren können?

Natürlich führt die europäische Regulierung dazu, dass sich die Hauptversammlungen in einigen Aspekten angleichen. Das Erleichtern der Teilnahme insbesondere durch elektronische Medien ist ein Beispiel, bei dem es in den letzten Jahren in einigen europäischen Ländern große Fortschritte gab. In Deutschland sind die Stimmrechtsvertretung oder das Internet Proxy Voting ja schon länger etabliert. Trotz dieser Annäherungen glaube ich, dass regionale Unterschiede weiterhin bestehen werden. Auch die einzelnen Unternehmen werden ihre Eigenheiten beibehalten. Ob ich der europäischen Hauptversammlung die oft langen und anstrengenden Generaldebatten deutscher Aktionärstreffen wünschen möchte, weiß ich nicht. Insbesondere die Vergütungspolitik – Stichwort Say-on-Pay – hat jedoch bereits dafür gesorgt, dass gerade in den angelsächsischen Ländern intensivere Diskussionen stattfanden, wo Hauptversammlungen bislang eher nüchtern und kurz waren.

Say-on-Pay ist ja auch auf der Schweizer Generalversammlung ein Thema…

Letztendlich sind das Folgen der Finanzkrise, als man sich gefragt hat, was eigentlich falsch gelaufen ist. Auf dieser Basis ist vieles in Bewegung gekommen. Da es in der Vergütung zu Exzessen gekommen war, wurde darauf besonders Wert gelegt – auch von Seiten der Anteilseigner. In der Schweiz hat die Minder-Initiative sicher für ein besonderes Momentum gesorgt, die Frage der Vergütung steht aber international stark im Vordergrund.

Ist das verstärkte Engagement internationaler institutioneller Investoren, das in Deutschland zu beobachten ist, also ein internationales Phänomen?

Das kann man auf jeden Fall so sagen. In allen Ländern steigt der Anteil ausländischer, meist institutioneller Aktionäre – wenn auch der Auslandsanteil nicht überall so hoch ist wie im DAX. Diese Anleger zeigen überall ein ähnliches Verhalten und haben auch die gleichen Berater – ISS, Glass Lewis oder IVOX. Welche Folgen deren Stimmrechtsempfehlungen haben können, ist bekannt. Das gilt im Ausland genauso wie hier, mit entsprechenden Folgen für die Abstimmungsergebnisse. So kam es auch im angelsächsischen Raum in den letzten Jahren speziell im Bereich der Vergütungspolitik zu ablehnenden Voten – sogar früher als bei uns.

In welchem Land sind Hauptversammlungen besonders reizvoll?

Da lässt sich kein einzelnes Land herausheben. Für uns als Dienstleister sind internationale Unternehmensstrukturen besonders spannend. Da gibt es Beispiele von Unternehmen, die ihren Holdingsitz etwa in den Niederlanden haben, aber in einem weiteren europäischen Land und in New York und an der Börse notiert sind. Hier sind wir für ein Unternehmen – als Registerführer und HV-Dienstleister – in drei Ländern tätig. Im Gespräch mit internationalen Kollegen kann man allerdings mit Anekdoten von deutschen Hauptversammlungen am meisten Aufmerksamkeit erwecken. Allein schon, dass eine HV hierzulande bei kritischen Tagesordnungen auf zwei Tage einberufen werden kann, ist im Ausland vollkommen unbekannt. Hier ist Deutschland einfach unerreicht.

Herr Herfurth, vielen Dank für das interessante Gespräch!

Das Interview führte Oliver Bönig

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