Als Börsianer ist man täglich auf die eigenen Wahrnehmungen verwiesen. Schließlich sind es nicht die Fakten an sich, die das Geschick der Märkte bestimmen, sondern unsere Wahrnehmungen dieser Fakten. Wären es die Fakten selbst, dann könnten Märkte überhaupt nicht funktionieren, denn dann wären wir ja alle stets einer Meinung.

Es sind also unsere Wahrnehmungen der Fakten, die herbeiführen, dass sich unsere Einschätzungen der Lage voneinander unterscheiden, ja, dass wir Menschen uns überhaupt voneinander unterscheiden. Wie wäre es da wohl, frage ich mich, wenn man plötzlich ganz neu in die Welt hinein träte, ohne jede Historie in ihr zu besitzen? Wie würde man die Welt wahrnehmen? Und mit wem hätte man Umgang?

Auf jeden Fall stünde man wohl ziemlich alleine da, schwämme gegen den Strom und bewegte sich gegen den Strich. Und das entspräche ja auch durchaus der Position, in der sich jeder Antizykliker an der Börse an jedem Tag von Neuem wiederfindet. Ich habe mir erlaubt, dieses Thema im Buch „TAUPUNKTE“* einmal sehr ausführlich und auf einen eigentlich anderen Gegenstand bezogen, zu behandeln. Schauen Sie doch einmal herein, wenn Sie Interesse haben.

Bei einem derartigen Versuch zeigt sich, dass man dann, wenn man Neuland betritt, beinahe ausschließlich von der eigenen Vergangenheit determiniert und abhängig ist. Je mehr ein Mensch außerhalb des Bereiches steht, mit dem er sich beschäftigt, umso stärker ist er von seinem eigenen Ich dominiert, was ja an der Börse durchaus positive Seiten hat. Je mehr man dann jedoch mit der eigenen Tätigkeit verschmilzt, umso stärker wird das vorher Bewusste zurück gedrängt und übernimmt das Aktuelle die Herrschaft, was ja börsentechnisch ebenfalls gute Seiten besitzt.

Der Optimalpunkt ist hier sicherlich dann erreicht, wenn man einerseits die Signale des Marktes in sich aufnimmt, andererseits aber selbst ein davon unabhängiges Orientierungssystem besitzt, an dem man die Geschehnisse bewertet und sich eben nicht bedingungslos dem Markt ausliefert.

Doch wer schafft es schon, eine derart königliche Position zu besetzen? Die meisten von uns bringen entweder zu viel oder zu wenig des Eises zum Schmelzen. Und auch davon erzählen die TAUPUNKTE.

*)  133 Seiten, 9,95 Euro, ISBN 3-86901-434-2, ab sofort bei Amazon erhältlich

Bernd Niquet

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