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Bildnachweis: ©James Thew – stock.adobe.com.

Börsen im Panik-Modus“, „Corona Crash“ und „Aktienmärkte im freien Fall“: Ziemlich genau ein Jahr ist es her, dass ­innerhalb weniger Handelstage Aktienkurse kollabierten. Indizes brachen weltweit um 40% und mehr ein und ließen nicht nur Anleger und Investoren verzweifeln. Auch bei Liquiditätsprovidern waren starke Nerven gefordert.

Zu Jahresbeginn 2020 sah alles nach einem weiteren erfolgreichen Börsenjahr aus: Der DAX kletterte stetig und ohne nennenswerte Schwankungen in immer neue Höhen. Am 17. Februar 2020 markierte der Leitindex bei fast 13.800 Punkten eine neue Höchstmarke. Auch wenn in den Nachrichten schon seit Wochen von einem unbekannten Virus berichtet wurde, das in Asien für Unruhe sorgte, war man hierzulande doch weitestgehend gelassen und stufte das Thema als lokales Phänomen ein.

Volatilität sprang explosionsartig an

Doch pünktlich zum Rosenmontag, am 24. Februar 2020, vermeldete die Deutsche Börse erstmals seit Monaten zum Handels­start wieder „FDAX volatility monitoring“. Dies signalisiert eine starke Veränderung von über 1,5% im DAX-Future innerhalb weniger Handelsminuten. Während beim DAX Tagesschwankungen um 1% bis 2% normal sind, sprang die Volatilität in den Folgetagen explosionsartig an: Corona war an den Märkten angekommen. Binnen weniger Handelstage brach der DAX auf unter 9.000 Punkte ein; den größten Kursverlust innerhalb eines Tages markierte der Leitindex am 12. März mit über 12%.

Für Liquiditätsanbieter wie Designated Sponsoren, die im XETRA-Handel für die von ihnen betreuten Titel verbindlich ­Angebot und Nachfrage (einen sogenannten Quote) stellen sowie strengen Performanceanforderungen unterliegen, sind derartige Marktphasen besonders herausfordernd. Bei den Quotes schreibt die Deutsche Börse für Aktien der höchsten Liquiditätsklasse beispielsweise eine ­bereitzustellende Mindestliquidität von 10.000 EUR bei einer maximalen Geld-Brief-Spanne von 2% vor. Bei den wenig ­liquiden Aktien liegt das Mindestquotierungsvolumen bei 5.000 EUR mit maximal 4% Spread.

In Large Caps sind aufgrund von Handelsvolumen und Marktkapitalisierung nahezu jederzeit liquide Orderbücher zum Eingehen oder Glattstellen von Positionen vorhanden. Large-Cap-Betreuer setzen daher üblicherweise Quote Machines ein, die bei Veränderungen im Orderbuch ­innerhalb von Sekundenbruchteilen automatisiert ihre Quotes anpassen oder gar löschen. Hier fällt es schließlich kaum auf, ob ein Designated Sponsor im Orderbuch präsent ist oder nicht.

Glattstellen nur eingeschränkt möglich

In den Nebenwerten stellt sich die Situa­tion komplett anders dar. Bei Unternehmensgrößen beispielsweise unterhalb der 250-Mio.-EUR-Schwelle gibt es natur­gemäß kaum Tagesumsätze von sechs- oder gar siebenstelligen Eurobeträgen. Hier sind die Transaktionszahlen niedrig, die Orderbücher dünn. In der Regel ist nie mehr als ein Designated Sponsor pro ­Instrument aktiv und ein Absichern durch Derivate ist nicht gegeben. Folglich können die Kursausschläge selbst in normalen Marktphasen im deutlich zweistelligen Prozentbereich liegen. Und weil XETRA auch den Referenzmarkt für andere Börsenplätze darstellt, ist ein Glattstellen für Designated Sponsoren nur stark eingeschränkt möglich. Bei Umsatzanteilen von teilweise 50% und mehr zeigt sich ­deutlich, welchen Liquiditätsbeitrag sie in Nebenwerten auf XETRA leisten müssen. Die Handelshäuser und Banken, die in diesem Segment ihre Services als Designated Sponsor anbieten, sind quasi gezwungen, mit den entsprechenden Risiken Aktienpositionen auch overnight einzugehen.

Konsequenterweise verwendet man hier keine Quote Machines. Hier sitzen noch „echte“ Händler mit Sachverstand und Augenmaß vor dem Handelsschirm, die das Marktgeschehen permanent ­verfolgen und entsprechend agieren. Da üblicherweise eine Mandatsbeziehung zwischen Emittent und Designated Sponsor besteht, gibt es letztendlich auch eine Verantwortung des Designated Sponsors über die Ratinganforderungen der Deutschen Börse hinaus.

Lesen Sie weitere Beiträge zum Thema Designated Sponsoring in unserem aktuellen E-Magazin.

Bei starker Volatilität und „FDAX volatility monitoring“ – also der Aussetzung der Performancemessung – ziehen sich solche Betreuer idealerweise auch nicht durch Löschung aller Quotes pauschal aus dem Markt zurück.

Gleichwohl: Im Coronacrash, wo bis zu zehn Mal am Tag das „FDAX volatility ­monitoring“ ausgerufen wurde, ist auch das nicht immer zu vermeiden. Um auch bei starken Kursschwankungen weiter im Orderbuch präsent zu sein und einen Handel zu ermöglichen, wird dann temporär auf frei gewählte Kauf- und Verkauflimits zurückgegriffen. Dazu ist es jedoch erforderlich, sich intensiv mit dem betreuten Unternehmen, der Orderbuchsituation und dem Marktgeschehen auseinanderzusetzen. Schließlich gelten im Rahmen der Risikoüberwachung für jeden Händler die internen Positionslimits, um Handels­verluste nicht ausufern zu lassen und ­weiterhin handlungsfähig zu bleiben. ­Anders als Designated Sponsoren profitieren hingegen Internalisierer oder Skontroführer auf anderen Handelsplätzen als ­XETRA von der hohen Volatilität und den oft großen Spreads.

Fazit: Turbulente Märkte brauchen die Ressource Mensch

Auch wenn im Börsengeschäft mittler­weile fast alle Prozesse automatisiert und vollelektronische Systeme für einen Großteil der Transaktionen verantwortlich sind, hat sich gezeigt: In turbulenten ­herausfordernden Märkten bleibt die ­Ressource Mensch essenzieller Bestandteil, um den Handel am Laufen zu halten – gerade bei weniger liquiden Small- und Mid-Cap-Titeln.

ZUM AUTOR: Peter Sang (CEFA) ist Gründungspartner und Vorstand der BankM AG, wo er den Bereich Wertpapierhandel verantwortet. Seit über 20 Jahren ist er zugelassener Börsenhändler und verfügt über eine ausgewiesene Expertise als Designated Sponsor in der Betreuung kleiner und mittlerer Unternehmen am deutschen Kapitalmarkt