Im Jahr des 25. Firmenjubiläums ist die UmweltBank in der Nachhaltigkeitsdebatte eine gefragte Adresse. Im Interview ­erläutert Jürgen Koppmann die Bedeutung des mitunter abstrakt anmutenden Begriffs der Nachhaltigkeit für unsere ­Gesellschaft und erklärt, warum eine Einstufung von Atomkraft und Erdgas als nachhaltig die ambitionierten Klimaziele der EU infrage stellt.

GoingPublic: Herr Koppmann, im Vorfeld der Bundestagswahlen wurden vollmundige Versprechungen zur Bekämpfung des Klimawandels sowie für mehr Umweltschutz und Nachhaltigkeit in unserer Gesellschaft gemacht – was halten Sie in einer weltweit vernetzten Welt davon und welche Veränderungen sehen Sie in den kommenden Jahren auf uns alle zukommen?

Jürgen Koppmann: Der Klimawandel ist ein globales Problem, denn er macht vor Grenzen keinen Halt. Natürlich wäre es wünschenswert, wenn alle Staaten weltweit an einem Strang ziehen würden – aber solange das nicht so ist, braucht es Vorreiter. Von daher begrüßen wir es sehr, dass die EU, aber auch Deutschland beim Thema Nachhaltigkeit voranschreiten. Davor sollten wir als Gesellschaft keine Angst haben, denn wir verändern ja nicht komplett unsere Lebensart, sondern wir verändern Prozesse und Technologien. Es wird auch weiterhin Autos geben, aber eben mit anderen Antrieben. Auch wird Strom weiterhin aus der Steckdose kommen, aber eben aus erneuerbaren Quellen. Und es wird auch weiterhin Banken geben, aber eben ohne negative Auswirkungen auf ­Menschen und Umwelt.

Jürgen Koppmann folgt privat wie beruflich dem Motto „Machen ist immer besser als Meckern“. Auch deshalb hat er seit 1996 die UmweltBank mit aufgebaut. Von 2002 bis 2014 war er Mitglied des Vorstands, bevor er 2015 ein Büro zur Entwicklung von ökologisch-sozialen Bauprojekten gründete. Seit 2017 ist Koppmann wieder für die UmweltBank tätig und gegenwärtig Sprecher des Vorstands.

Wie kann bzw. muss der Gesetzgeber in diesem Kontext sicherstellen, dass die Kosten hierfür nicht ausschließlich uns Verbrauchern auferlegt werden, sondern sich auch unsere Unternehmen am Umbau der Gesellschaft adäquat beteiligen?

Koppmann: Natürlich ist es wichtig, dass die Kosten für den nachhaltigen Umbau der Gesellschaft fair verteilt werden. Dabei könnten wir uns am Verursacherprinzip orientieren. Wer mehr CO2 ausstößt, der muss auch mehr ­bezahlen. Die CO2-Bepreisung ist da schon ein guter Ansatz. Insgesamt ist es wichtig, nicht nur die richtigen Anreize zu setzen, sondern auch klare und robuste politische Rahmenbedingungen zu schaffen. Sind diese vorhanden, ist es für Unternehmen deutlich einfacher, neue nachhaltige Technolo­gien und Geschäftsmodelle zu entwickeln – und so ihren Beitrag zu leisten.

Alle Welt spricht von Nachhaltigkeit, doch hat der Begriff oftmals für jeden Einzelnen eine andere Bedeutung. Wie können wir Verbraucher uns vor „Grünwaschern“ schützen – indem wir beispielsweise (ausschließlich) auf den Gesetzgeber und seine Regulierung vertrauen?

Koppmann: Gerade in ihrer Definition liegt ein großes Problem der Nachhaltigkeit. Ich schätze, wenn wir 100 Menschen auf der Straße fragen würden, was Nachhaltigkeit bedeutet, erhielten wir 100 verschiedene Antworten. Das sehen wir so auch in der Vielzahl unterschiedlicher Ansätze, z.B. bei Investmentfonds. Manche Fonds schließen den Rüstungs­bereich komplett aus, manche lediglich einzelne Waffen; wieder andere suchen explizit nach dem nachhaltigsten Rüstungskonzern für ihr Portfolio. Ohnehin ist Rüstung oft ­erlaubt, solange der Geschäftsanteil unter ­einer bestimmten Schwelle bleibt. Anleger müssen also Fonds und Anbieter genau ­unter die Lupe nehmen, bevor sie eine Anlage­entscheidung treffen. Blind auf den Gesetzgeber vertrauen können sie leider nicht. Ein gutes Beispiel ist die Taxonomie der EU. Diese soll Anlegern eine Orientierung geben, ob ein Finanzprodukt nachhaltig ist. Allerdings definiert sie auch Atomkraft und Erdgas als nachhaltig – was dem Verständnis vieler ­Anleger widersprechen dürfte.

Diesbezüglich werden auch immer wieder fragwürdige Produkte aufgelegt. Mit welchem Engagement und welchen Initi­ativen bzw. konkreten Produkten tritt die UmweltBank dieser bisweilen leidvollen Praxis entgegen?

Koppmann: Umweltschutz ist seit jeher ein Unternehmensziel der UmweltBank. Darum zieht sich Nachhaltigkeit auch durch das gesamte ­Unternehmen – von der Kreditvergabe über den Umgang mit Mitarbeitern bis zur Büroausstattung. Dieses Engagement kommu­nizieren wir regelmäßig, transparent und nachvollziehbar, denn Nachhaltigkeit und Glaubwürdigkeit sind untrennbar miteinander verbunden. Zunächst einmal haben wir klare und öffentlich einsehbare Nachhaltigkeitsgrundsätze für alle unsere Geschäfts­bereiche. Darüber hinaus berichten wir ­regelmäßig über unsere Nachhaltigkeitsleistung – u.a. im Nachhaltigkeits- und Geschäfts­bericht, in Newslettern oder den sozialen Medien. Wir haben sogar einen ökolo­gischen Aufsichtsrat, den Umweltrat, der die Bank kontrolliert, aber auch berät. Es sind die vielen einzelnen Maßnahmen, aber auch die regelmäßige Kommunikation, wodurch wir uns bestmöglich von fragwürdigen Produkten und Unternehmen distanzieren können.

Was entgegnen Sie Skeptikern, die nachhaltige Initiativen als unbedeutend bzw. grüne Investments per se als Verlust­bringer im Depot abstempeln?

Koppmann: Ich erinnere mich noch an die Gründung der UmweltBank. Damals wurde unser Geschäfts­modell sehr skeptisch betrachtet. Heute – rund 25 Jahre später – beweisen wir nach wie vor, dass eine Bank nachhaltig und ­zugleich wirtschaftlich erfolgreich sein kann. Vielmehr sind unsere Kernthemen, die erneuerbaren Energien sowie der bezahl­bare und ökologisch hochwertige Wohnraum, heutzutage so aktuell wie nie zuvor. Nachhaltigkeit ist in allen Bereichen von Wirtschaft und Gesellschaft angekommen. Die Frage wird in Zukunft nicht sein, ob es sich lohnt, nachhaltig zu agieren, sondern ob man es sich leisten kann, nicht nachhaltig zu sein. Viele Unternehmen stellen sich diese Frage schon heute – sie haben die Chance, die Champions von morgen zu sein. Nach solchen nachhaltigen Unternehmen suchen wir mit unserem Fonds UmweltSpektrum Mix. Trotz Coronakrise und Ukrainekrieg konnte der Fonds seit Auflage im Februar 2020 um knapp 20% (Stand: 31.3.2022) zulegen und zusätzlich jedes Jahr eine Ausschüttung vornehmen.

Noch einmal zurück zum Thema „Vertrauen“: Sie sprachen die Aufnahme von Atom­energie und Gas in die Taxonomie-Verordnung und somit deren Einstufung als nachhaltig an. Wird hier der Klimaschutz- und Nachhaltigkeitsgedanke von oberster regulatorischer Stelle nicht ad absurdum geführt?

Koppmann: Die EU hat mit dem Green Deal das ambi­tionierte Ziel verkündet, bis 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent zu werden. Diese Vorreiterrolle bietet diverse Chancen, z.B. wenn es darum geht, weltweite Standards zu setzen. Hier spielt die Taxonomie-Verordnung eine wichtige Rolle, denn sie soll ­definieren, welche Aktivitäten als nachhaltig eingestuft werden. Allerdings gestaltet sich der Prozess schwierig, denn die Definitionen von Nachhaltigkeit gehen sehr weit aus­einander. In Frankreich gilt beispielsweise Atomkraft als nachhaltig, weil sie emis­sionsarm ist. Deutschland widerspricht in diesem Punkt, möchte jedoch Gas für ­taxonomiekonform erklären. Im Ergebnis werden nun sowohl Atomkraft als auch ­Erdgas unter bestimmten Voraussetzungen als nachhaltig eingestuft. Das schadet nicht nur der Glaubwürdigkeit der Taxonomie. Vielmehr ist es fragwürdig, ob die EU so ihre ambitionierten Ziele erreichen kann. Für uns bei der UmweltBank steht jedenfalls fest, dass wir auch zukünftig Atomkraft und Erdgas nicht als nachhaltig ansehen werden.

Ist es angesichts des rasanten Preisanstiegs fossiler Energieträger wie Erdgas und Erdöl nicht spätestens jetzt sinnvoll, die Erneuerbaren massiv auszubauen bzw. womöglich auch in „saubere“ Technologien zu investieren, an die wir uns bisher aufgrund zu hoher Forschungs- und Investitionskosten noch nicht herangewagt haben?

Nicht nur die stark gestiegenen Preise für fossile Energieträger sprechen für erneu­erbare Energien. Der Krieg in der Ukraine hat uns einmal mehr vor Augen geführt, wie abhängig Deutschland in Sachen Energie ist. Um unabhängiger zu werden, gibt es eine kostengünstige und klimaschützende Alternative: den massiven und schnellen Ausbau der erneuerbaren Energien. Diesen hat die neue Bundesregierung bereits im Koalitionsvertrag festgehalten. Dieses Bekenntnis ­begrüßen wir natürlich, denn der Ausbau stockt leider seit vielen Jahren – sowohl bei der Windkraft als auch bei der Solarenergie. Nun ist es wichtig, dass Taten folgen, und hier geht es insbesondere um die Rahmenbedingungen. Wir müssen die Bürokratie ­abbauen, Planungs- und Genehmigungsverfahren beschleunigen und Flächen für die ­Erneuerbaren ausweisen. Natürlich ist es auch wichtig, zukunftsweisende Technolo­gien zu fördern. So haben wir im vergan­genen Jahr erstmals eine Anlage zur Erzeugung von grünem Wasserstoff finanziert.

Herr Koppmann, herzlichen Dank für die interessanten und aufschlussreichen Einblicke.

Das Interview führten Alexandra Lux und Michael Fuchs.