Die Medios AG ist der deutschlandweit größte Hersteller von Spezialpharmazeutika. Kerngeschäft ist der Arzneiengroßhandel an Apotheken. Um höhere Margen zu erzielen, spezialisiert sich das Unternehmen aus Berlin immer mehr auf die Produktion von zugelassenen Arzneien für spezifische Patientengruppen, etwa in der Krebsmedizin oder Hämophilie. Die Akquisition der niederländischen Firma Ceban Pharmaceuticals B.V. im Jahr 2024 war eine wichtige Etappe im Zuge der europäischen Expansion. Mit einer Marktkapitalisierung von aktuell knapp unter 400 Mio. EUR ist das seit Oktober wieder im SDAX gelistete Unternehmen den Small Caps zuzuordnen. Wir sprachen mit Matthias Gärtner, Vorstandsvorsitzender der MEDIOS AG, über Margen, Märkte – und wie Medios mit Spezialpharma weiter skalieren will. Von Stefan Riedel

Herr Gärtner, was war für Sie das absolute Highlight während Ihrer Zeit als CEO von Medios?

Es gab sehr viele Highlights in dieser Zeit. Eines davon war sicher auch der Börsengang Ende 2016, zu einem Zeitpunkt, als Donald Trump gerade zum ersten Mal zum US-Präsidenten gewählt wurde und ich mit dem Firmengründer Manfred Schneider und einer Reihe von Investmentbankern auf Roadshow war. Ungeachtet der damals verbreiteten Sorge vor einem Kurssturz an den Börsen und aller Empfehlungen, dieses Projekt erst einmal abzusagen, haben wir das IPO erfolgreich durchgezogen.

In Ihre Zeit als CEO fällt der Strategiewechsel zum Hersteller von biologischen Spezialpräparaten für patientenindividuelle Therapien. Was war der Trigger dafür?

Die Initiative geht zurück auf Manfred Schneider, dem Gründer, ehemaligen CEO und früheren Großaktionär, der in der Mitte der neunziger Jahre, also vor der Gründung von Medios, die ersten HIV-Arzneien als potenzielles Geschäftsfeld erkannte und in Berlin die erste HIV-kompetente Apotheke aufbaute. Diesen Fokus auf Arzneien gegen komplexere Krankheiten hat er dann in die Vorgängerfirmen der 2016 gegründeten Medios AG eingebracht. Mit der Auslagerung der Produktion der ersten individualisierten Arzneien im Jahr 2006 in die eigenen Labore, hauptsächlich in der Krebsmedizin, wurde diese Strategie fokussiert und dann in der 2016 entstandenen Medios AG weitergeführt. Inzwischen produzieren wir individuelle Arzneien in sechs Krankheitsfeldern mit dem Ziel, schwer kranken Menschen zu helfen und unsere Profitabilität weiter zu steigern.

Mittlerweile wächst die Zahl an zugelassenen Produkten für Zell- und Gentherapien wie auch mRNA-basierten Impfstoffen. Arzneien also, die in komplexen Verfahren hergestellt werden. Wie richtet Medios die Produktion darauf aus?

Wir haben eine Plattform mit insgesamt zehn Reinraumlaboren nach GMP-Standards aufgebaut, sechs davon in Deutschland, die anderen vier in drei weiteren europäischen Staaten. Unser Ziel ist eine europaweite Plattform. Die Labore in Deutschland werden wir sinnvoll optimieren und auslasten, zugleich aber das europäische Netzwerk ausbauen. Basis dafür ist die 2024 übernommene Firma Ceban aus den Niederlanden.

INFOKASTEN

Quartalszahlen übertreffen Erwartungen

Die Geschäftszahlen für das dritte Quartal und die ersten neun Monate des Geschäftsjahrs 2025 haben den Aktienkurs von Medios nach einer zweimonatigen Talfahrt wieder beflügelt. Die Kursgewinne der im SDAX gelisteten Aktie seit Jahresanfang belaufen sich auf rund 12%. Medios erzielte im Zeitraum Januar bis September ein Umsatzplus von 9,2% auf über 1,5 Mrd. EUR. Noch besser schnitt Medios ab beim EBITDA pre, also dem um Sondereffekte aus Aktienoptionen und akquisitionsbedingten Aufwendungen bereinigten operativ Gewinn: Medios schaffte hier einen Zuwachs um 26,1% auf 70,4 Mio. EUR. Das organische Wachstum belief sich auf 5,1%. Der Konzerngewinn nach Ertragssteuern verdoppelte sich fast auf 19,9 Mio. EUR, ebenso der operative Cashflow, der auf 52,7 Mio. EUR zulegte. Die Jahresprognose hat Medios bestätigt: Bei einem Konzernumsatz von rund zwei Mrd. EUR, also 6% mehr als im Vorjahr, soll das EBITDA pre, also der um Sondereffekte aus Aktienoptionen und akquisitionsbedingten Aufwendungen bereinigte operativ Gewinn, um rund 21,5% auf rund 96 Mio. EUR steigen. Der zum Jahresende scheidende Vorstandschef Matthias Gärtner sieht das Unternehmen gut gerüstet, um jetzt mit der europaweiten Expansion seine nächste Entwicklungsstufe in Angriff zu nehmen.


Plant Medios dafür weitere Akquisitionen?

Ich gehe davon aus, dass die künftige Expansion über kleinere Zukäufe von Firmen mit eigenen GMP-konformen Laboren weiterläuft, weil diese Strategie Zeit und Kosten spart, um die neuen Märkte schnell zu adressieren. Aufgrund regulatorischer Änderungen ist die Auslagerung der Produktion von individualisierten Arzneien in einzelnen EU-Staaten möglich. In diesen Märkten wollen wir in Zukunft präsent sein. Die entsprechenden Voraussetzungen dafür bringen wir mit unseren zertifizierten Reinraumlaboren mit, um unsere führende Rolle als Experte für Charge-1 Produkte auszuspielen, bei denen für alle Patienten individuell Infusionen oder andere Formulierungen hergestellt werden. Wir beobachten dafür genau, in welchen europäischen Märkte sich die regulatorischen Rahmenbedingungen so verändern, dass sie für uns ein vielversprechendes Potenzial bieten. Wir haben eine Shortlist an interessanten Firmen und können im Bedarfsfall schnell zuschlagen, etwa wenn grenzüberschreitende Produktionen und Lieferungen möglich werden.

Welche Auswirkungen erwarten Sie durch die US-Politik auf das operative Geschäft von Medios über das Jahr 2025 hinaus?

Der unter der Plattform Trump Rx geplante Verkauf von verschreibungspflichtigen Medikamenten zu Discountpreisen in den USA wird uns vorerst nicht tangieren. Angesichts des anhaltenden Kostendrucks auf die europäischen Gesundheitssysteme, gerade in Deutschland, kann ich mir schwer vorstellen, dass die Preise für Arzneimittel im Gegenzug in Europa in die Höhe schnellen werden. Und wenn doch, hätte das auf unser Geschäft einen positiven Einfluss. Einen solchen Effekt planen wir jedoch nicht ein, weil er angesichts der Haushaltslage nicht vorstellbar ist.

Die Jahresprognose von Medios liegt bei zwei Mrd. EUR Umsatz und einem Zuwachs von rund 22% beim EBITDA. Lässt sich dieses Wachstumstempo über 2025 hinaus halten?

Dieser Prognose liegt zugrunde, dass wir Ceban im Geschäftsjahr 2025 erstmals über zwölf Monate konsolidieren. Ein solcher Zuwachs bei Umsatz und Gewinn lässt sich im nächsten Jahr also nicht im gleichen Tempo fortsetzen. Unser erklärtes Ziel bleibt aber, die für 2025 erwartete Marge von 4,8 % weiter zu erhöhen. Zum einen mit patientenspezifischen Therapien und zum anderen durch überdurchschnittliches Wachstum im Geschäftsfeld International Business, das in den ersten neun Monaten des laufenden Geschäftsjahres bei einem Umsatzanteil von 10% zu mehr als 30% des EBITDA beigetragen hat.

Mit den jüngsten Quartalszahlen liegt Medios im Rahmen der Vorgaben. Wie erklären Sie sich, dass der Aktienkurs trotzdem nicht anspringt?

Eine Rolle spielt sicherlich die insgesamt unterdurchschnittliche Performance der Small und Mid Caps in den letzten drei Jahren. Darüber hinaus ist unser komplexes Geschäftsmodell erklärungsbedürftig. Mit unseren IR-Aktivitäten arbeiten wir daran und ich bin sicher, dass immer mehr Investoren die meiner Meinung nach im Verhältnis zu den Wachstumsperspektiven günstige Bewertung der Medios-Aktie entdecken werden. Wir sind ein solides Wachstumsunternehmen und haben dies mit den gerade veröffentlichten Zahlen untermauert.

Haben Sie von dieser Überzeugung getrieben zuletzt selbst Medios-Aktien gekauft?

Neben dem Rückkauf von einer Millionen Aktien durch die Medios AG selbst haben zwei meiner Management-Kollegen Aktien gekauft. Darüber hinaus wird beim Medios-Management ein Drittel des Gehalts mit Aktien-Optionen abgegolten.

Wie sehen Sie Medios auf Sicht der nächsten drei Jahre aufgestellt?

Die erste Dekade von Medios, teilweise unter meiner Führung, war davon geprägt, auf dem Markt eine führende Position zu erzielen. Mit jetzt zwei Mrd. EUR Jahresumsatz ist uns das gelungen. Für manche Produkte sind wir bei Pharmaunternehmen wie Roche und Novartis eine der ersten Anlaufstellen in Deutschland und kommen bei manchen Produkten im Spezialpharmabereich bereits auf 30% Marktanteil in Deutschland. Mit unseren 1000 Mitarbeitern stellen wir über eine Million individualisierte Produkte im Jahr her. Das ist die Basis für die zweite Wachstumsdekade, in der es darum geht, unsere europäische Specialty-Pharma-Plattform international weiter auszubauen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Stefan Riedel.

 

ZUR PERSON

Matthias Gärtner ist seit Oktober 2014 Vorstandsvorsitzender der Medios AG. Der studierte Informatiker scheidet zum Jahresende von seinem Posten aus und übergibt an seinen Nachfolger Thomas Meier, den aktuellen Vorstandschef der ebenfalls börsennotierten Schweizer Bachem Holding. Nach seinem Studium gründete Gärtner 1995 die Softwarefirma e.multi Digitale Dienste AG und brachte das Unternehmen als Vorstand und Mehrheitsaktionär an die Börse. Von 2007 bis 2010 war er in Sydney für den Aufbau der australischen Niederlassung eines europäischen Hedgefonds verantwortlich, ehe er als Investor nach Deutschland zurückkehrte.

Autor/Autorin

Stefan Riedel
Finanzredakteur at Büro für Kommunikation

Stefan Riedel ist in den internationalen Finanzmärkten unterwegs. Seit 20 Jahren schreibt der passionierte Börsianer für die Plattformen und Publikationen von GoingPublic Media, unter anderem GoingPublic und die Plattform Life Sciences.