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Der innovative Markt der personalisierten Medizin und Companion Diagnostics führt auch bei den großen Pharmaunternehmen zu strategischen Neuausrichtungen. Das GoingPublic Magazin befragt Prof. Dr. Jochen Maas und Dr. Mark Brönstrup zu diesen Entwicklungen. In einem ersten Online-Abdruck des Interviews sprechen sie über veränderte Kooperationskultur, wie sich Sanofi im IT-Bereich für die personalisierte Medizin wappnet und welchen Stellenwert die Companion Diagnostics in der Gesellschaft einnimmt. Das weitere Interview lesen Sie in der am 14. September erscheinenden Sonderausgabe „Biotechnologie 2013“ des GoingPublic Magazins.

GoingPublic: Sanofi hat in den letzten Jahren die Zahl an Kooperationen stark ausgebaut. Lässt sich ein Vergleich zwischen den Kooperationen mit Biotechs und den Universitäten ziehen?
Maas:
Beides ist für uns gleich wertvoll. Eine Kooperation mit einer Universität ist für die dortige Arbeitsgruppe wichtig, normalerweise aber nicht von existenzieller Bedeutung. Bei einer Kooperation mit einem Biotechunternehmen ist es oft so, dass das Projekt, das gemeinsam bearbeitet wird, für dieses Unternehmen lebensnotwendig ist. Das ist daher eine völlig andere Art der Zusammenarbeit. Dazu kommt, dass eine Kooperation mit einem kleinen Biotechunternehmen fast immer sehr produktbezogen ist, während akademische Kooperationen häufig eher grundlagenorientiert sind. Wir haben bei Sanofi mit den R&D Hubs  jetzt Strukturen geschaffen, in denen beide Arten der Kooperationen viel besser möglich sind. Eine der Hauptaufgaben des German Hubs ist der Aufbau von Kooperationen: Grundvoraussetzung hierfür ist die Öffnung nach außen: Wenn sich ein Unternehmen der Scientific Community öffnen will, muss es sichtbar sein. Sichtbar sind Sie nur, wenn Sie publizieren; wenn Sie in Gremien, Konsortien und Jurys mitarbeiten. Alles Dinge, die wir früher nicht oder nur in begrenztem Umfang gemacht haben. Inzwischen sind wir viel offener nach außen. Bis zum Jahr 2004 hatte Sanofi nur ein paar wenige Kooperationen. Zwischen 2004 und 2008 wurden praktisch keine Kooperationen abgeschlossen, seit 2009 ist allein die Zahl großer Kooperationen mit universitären Einrichtungen auf acht oder neun gestiegen.

Going Public: Was bedeutet das für Ihre Mitarbeiter?
Maas:
Durch die neue F&E-Philosophie ändert sich auch das Berufsbild des naturwissenschaftlichen Einsteigers in der Pharmazeutischen Industrie. Neben seinem eigenen Labor managt er heute oft auch noch eine Kooperation mit einer Universität und hat vielleicht noch einen Co-Wissenschaftler, der einen anderen Teilaspekt seines wissenschaftlichen Arbeitsgebiets untersucht. Er muss ein Skillset mitbringen, das sich stark von dem des klassischen Laborleiters von vor 10 oder 15 Jahren unterscheidet.

GoingPublic: Die personalisierte Medizin benötigt die Speicherung und Verarbeitung enormer Datenmengen. Sind die Pharmaunternehmen dafür ausgestattet?
Maas: Um Personalisierte Medizin so umzusetzen, wie wir sie aus unserem naturwissenschaftlichen Denken im Sinn haben, bedarf es enormer Speicherkapazitäten informationsverarbeitender Hardware. Ich glaube, die Pharmawelt ist darauf vorbereitet, aber sie wird das mit Sicherheit nicht selbst bewerkstelligen, sondern zusammen mit großen IT-Anbietern umsetzen. Diesen Trend sieht man auch in vielen anderen Bereichen und Domänen, wie etwa dem E-Health-Sektor.
Brönstrup: Wir haben die letzten Jahre massiv in IT investiert; zum Beispiel in das Programm TM4P (Translational Medicine for Patients). Es dient dazu, die gesamte translationale Medizin von klinischen Daten und umfangreichen Biomarkerdaten über die Applikation innovativer Auswerte-Algorithmen zu einem multimodularen IT-Projekt zusammenzufassen.

GoingPublic: Nutzt Sanofi die Situation auch, um in neue Indikationen vorzudringen?
Maas:
Durchaus. Ein typisches Beispiel hierfür ist eine große Diabetes-Studie mit mehr als 12.000 Patienten. Aus dieser Studie sollen Kombinationen von Biomarkern ermittelt werden, die uns Vorhersagen darüber ermöglichen, welche Patientengruppen spezifische diabetische Spätschäden entwickeln und welche nicht. Dies ist derzeit noch Zukunftsmusik, steht aber beispielhaft für unser Bestreben, in neue Felder vorzudringen.
Brönstrup:
Im Bereich Diabetes geht es in erster Linie um eine bessere Stratifizierung des Typ-2-Diabetikers. Im Hinblick auf ganz neue Indikationen liefert Genzyme gute Beispiele. Dieses Tochterunternehmen von Sanofi hat sich auf seltene Erkrankungen spezialisiert, zu denen es eine ganz klare medizinische Rationale gibt. Oft ist die Ursache einer Erkrankung klar an einen Biomarker gekoppelt, mit dem Sie auch den Erfolg einer Behandlung messen können.

GoingPublic: Es handelt sich hierbei ja um ein völlig anderes Geschäftsmodell. Lassen Sie Genzyme freie Hand oder sehen Sie da auch Synergien?
Maas:
Genzyme hat unter dem Dach der Sanofi-Gruppe viel von seiner Eigenständigkeit behalten und in gewissem Maße auch seine eigene spezifische Kultur. In der Tat ist das Geschäftsmodell ein völlig anderes. Bei Erkrankungen, bei denen es nur ein paar Tausend Patienten weltweit gibt, kann Genzyme jeden einzelnen Patienten kennen. Für mich ist das bei weltweit 300 Millionen Diabetikern schlichtweg unmöglich. Schon von daher ist das Geschäft schwerlich vergleichbar. Doch natürlich gibt es auch Synergien. Wenn wir uns zum Beispiel mit diabetischen Spätschäden, den Nephropathien, beschäftigen, setzen wir uns natürlich mit den Renal-Surgery- und Nierenspezialisten von Genzyme in Verbindung, die sich mit spezifischen seltenen Nierenerkrankungen beschäftigen.

GoingPublic: Wie sehen Sie die Chancen, dass die Gesundheitssysteme, also die Krankenkassen, zukünftig Companion-Diagnostik-Tests erstatten?
Maas:
Wenn es vertretbare Kosten sind, werden die Krankenkassen sie übernehmen. Ich sehe die Sachlage nicht so unterschiedlich zu anderen Tests, wie etwa einem Antibiogramm, das von den Krankenkassen auch bezahlt wird. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) und die Krankenkassen werden aber nicht umhin kommen, sich mit der Frage verstärkt auseinander zu setzen, wenn personalisierte Medizin nur in Kombination mit entsprechenden Tests zugelassen wird. Wenn es nicht um exorbitant hohe zusätzliche Beträge geht, dürfte sich die Erstattungsfrage weniger stellen. Und wenn eine Behandlung am Ende vielleicht sogar etwas günstiger wird, weil Non-Responder ausgeschlossen werden können, würden nicht nur die Patienten, sondern auch die Kassen profitieren. Brönstrup: Ein Problem entsteht heute durch die Konkurrenz zwischen dem originären Produkt eines Diagnostikpräparate-Herstellers und Lab-developed-Tests. Hier geht es nicht nur um die Frage Erstattung Ja/Nein. Es ist zu klären, wie die Bedeutung eines Companion Diagnostikums zu bewerten ist, das im Vergleich zum Lab-developed-Test alle regulatorischen Prozesse durchlaufen hat. Lab-developed-Tests sind vielleicht etwas billiger, aber die Vergleichbarkeit der Qualität muss auf jeden Fall gewährleistet sein. Gerade wenn die gesamte Therapieentscheidung darauf basieren sollte, ist es unerlässlich, dass die Zuverlässigkeit eines Tests gewährleistet ist. Der Her2-Test  ist ein Beispiel für einen schwer durchzuführenden und nicht immer eindeutigen Test. Wenn darauf eine gesamte Brustkrebstherapie basiert, ist der Qualitätsstandard von größter Bedeutung.

Going Public: Herr Prof. Maas, Herr Dr. Brönstrup, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führten Dr. Holger Bengs und Dr. Tilmann Laufs.